Mit dem grauen Langohr einen Gang zurückschalten

18. Juli 2019
Der Eselworkshop hat allen Teilnehmern viel Spaß gemacht. Fast alle hätten am liebsten gleich ein Langohr mitgenommen Foto: Daniela Leberer

Dem Esel sagt man Sturheit und Dummheit nach. Sucht man nach einem Schimpfwort, ist der Begriff Esel nicht weit. In letzter Zeit kommt man aber am Esel nicht mehr vorbei. Er ist ein beliebtes Hochzeitsgeschenk, ein Eselworkshop ist für viele ein Highlight und Stressgeplagte suchen beim Langohr Entschleunigung. Was ist dran an diesem Hype? Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

Bad Waldsee/Reute – Mit Delfinen schwimmen stelle ich mir schön vor. Mit einem Alpaka durch die Berge ziehen, hat bestimmt auch seinen Reiz, aber mit einem Esel durch Wald und Wiese laufen? Seit eine Bekannte mir erzählte, dass ihr Mann sich zum 60. Geburtstag einen Tag mit einem Esel gewünscht hat und ein paar Arbeitskollegen mir anvertraut haben, dass Esel ihre absoluten Lieblingstiere sind, bin ich leicht verwirrt.

Wenn ich so nachdenke, fällt mir auf, dass ein Esel im Stall von Bethlehem stand, als Jesu geboren wurde und als Maria mit dem Neugeborenen nach Ägypten fl iehen musste, saß sie auch auf einem Esel. Googelt man den Begriff Esel kommt man drauf, dass die Langohren die ersten treuen Diener in der Geschichte der Menschheit waren. Zudem werden sie häufi g erfolgreich in der Stressund Angsttherapie bei Erwachsenen oder bei Kindern mit ADHS eingesetzt. Dann kann ein Esel wirklich nicht dumm sein, oder?

Martina Tagmann-Roth wohnt mit ihrer Familie im Tobel bei Durlesbach und bietet auf ihrer Homepage „Esel&Ich“ Eselworkshops, Eselspaziergänge und Eselkuscheln an. Die gelernte Kinderkrankenschwester arbeitet in der Psychosomatik und kann ohne Tiere nicht leben. Für Esel schlägt ihr Herz ganz besonders. „Sie sind meine Mitarbeiter und meine Zuneigung kommt zigfach zurück“.

Bei den Workshops mit den Langohren Pia, Schantalle und Ole ist die erste gegenseitige Kontaktaufname ganz wichtig. Die Esel laufen im Stall frei herum und beäugen beiläufi g die Kursteilnehmer. Sie genießen das Beschnuppern und sind ganz ruhig. Dieser Aufbau einer ersten Vertrauensbasis ist die Grundlage für das weitere Zusammensein. Nebenbei kristallisiert sich heraus, wer zu wem paßt.

Der Esel hat uns was ganz Wichtiges voraus: Er wertet nicht. Für ihn sind alle Menschen gleich. Ist ein Besucher allerdings zu dominant und meint, dem Esel muss man gleich zeigen, wer der Herr ist, macht der Esel keinen Aufstand, er dreht sich einfach um und läuft weg. Damit signalisiert er – mit uns beiden wird es nichts, ändere erst Mal deine Art.

Esel tun alles, was sie tun, ohne Hast und Eile. Sie strahlen eine merkliche Ruhe aus, die wie von Geisterhand mit der Zeit auf den Menschen übergeht und nachhallt. „Was wir oft als störrisches Verhalten beim Esel bezeichnen, ist im Grunde ein Stoppsignal. Der Esel weiß genau, wann ihm zuviel aufgebürdert wurde und bleibt dann einfach stehen. Wir machen Überstunden und legen immer noch eine Schippe drauf – der Esel ist uns da einiges voraus“, so Martina Tagmann-Roth. Letztendlich ist er klüger, als viele denken.

Wellness für den Esel

Nach der Beschnupperung werden die Esel von den Teilnehmern verwöhnt. Hierzu darf sich jeder aus einem Fundus von Bürsten etwas aussuchen und die Esel bürsten oder einfach nur sanft streicheln. Wer will, darf unter Anleitung von Martina auch die Hufe pfl egen.

Dann sucht sich jeder den Esel aus, der einem spontan schon ans Herz gewachsen ist und die kleine Karawane setzt sich in Bewegung. Wichtig ist, immer in der Mitte des Weges zu laufen, denn am Wegesrand ist die Vesuchung für die Grauen zu groß, sich laufend mit frischem Gras zu versorgen. Martina läuft mit einem Lächeln voraus.

Pure Entschleunigung

Sie weiß genau, dass die Eselgänger am Anfang noch dauernd auf ihr Tier schauen, Fliegen verscheuchen und bemüht sind, alles richtig zu machen und viele Fragen haben. Mit der Zeit werden alle ruhiger und irgendwann hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach. Die Entschleunigung beginnt ganz von alleine und man fühlt sich eins mit der Natur und mit einem neuen Freund an der Hand, der irgendwie auch ohne Worte alles versteht. Nicht ohne Grund hat Martina TagmannRoth viele Wiederholungstäter! Mein Fazit: Esel holen dich richtig runter.

Esel&Ich – Dreimühlenweg 15, Bad Waldsee-Reute (beim Durlesbach), Tel: 07524 / 4094718.

Daniela Leberer

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