Bahn-Image widerlegt - WOCHENBLATT testet den Schienenersatzverkehr

Bahn-Image widerlegt - WOCHENBLATT testet den Schienenersatzverkehr
An der Ersatzhaltestelle erhält man leicht einen Überblick Foto: Viola Krauss
29. Mai 2019

Die Zugstrecke zwischen München und Lindau wird elektrifiziert. Wegen der umfangreichen Arbeiten verkehrt seit ein paar Wochen bis zum Herbst kein Zug mehr zwischen Aichstetten und Hergatz. WOCHENBLATT-Mitarbeiterin Milena Sontheim hat den sogenannten Schienenersatzverkehr (SEV) getestet – und war überrascht.

Kißlegg – Meine Busfahrt von Kißlegg zum Hauptbahnhof Lindau beginnt mit leichter Skepsis. Der erste Eindruck am Kißlegger Bahnhof verheißt nichts Gutes: „Das ist ja schon wieder `ne halbe Weltreise.“ Eine ältere Dame steigt mit diesen Worten hektisch aus einem ankommenden Zug aus und bittet mich um Hilfe, als ich gerade ein Ticket löse. Sie suche ihren Anschlussbus nach Wangen. Verständlich, da eine gute und auffällige Wegbeschilderung zur Ersatzhaltestelle fehlt. Für Nicht-Kißlegger also eine kleine Herausforderung. 

Da ich um 15 Uhr mit einer Freundin in Lindau zum Kaffeetrinken verabredet bin, nehme ich den Bus über Wangen Richtung Hergatz, der um 13.33 Uhr abfährt. Fahrplanmäßig soll ich um 14.53 Uhr am Lindauer Hauptbahnhof ankommen, wenn ich in Wangen um 14.13 Uhr in den nächsten Bus umsteige. So sah mein erster Plan aus, nachdem ich den gut verständlichen Fahrplan studiert hatte. Dennoch entscheide ich mich für eine alternative Verbindung, die mir die Handy App „DB-Navigator“ online anzeigt: Mit dem Bus um 13.33 Uhr von Kißlegg nach Hergatz zum Bahnhof und von dort aus weiter mit dem Zug, dem Regionalexpress, nach Lindau. Mit dieser Verbindung soll ich früher ankommen, nämlich um 14.34 Uhr. 

Als ich an der Haltestelle in Kißlegg auf den Bus warte, fällt mir auf, dass die meisten Fahrgäste Schüler auf dem Nachhauseweg sind. Zwischen den kleinen Fahrgästen hält sich aber auch Paula auf. Sie ist Rentnerin aus Kißlegg und zählt schon fast zu den Vielfahrern.

Denn Paula fährt mit ihrer Senioren-Abo-Karte zweimal pro Woche nach Wangen. „Mobilität ist mir wichtig, auch ohne eigenes Auto“, sagt sie. „Mit dem Schienenersatzverkehr nach Wangen klappt das unter der Woche super.“ Im Vergleich zur regulären Fahrzeit von elf Minuten, hat sie mit dem Bus einen für sie minimalen Mehraufwand von zusätzlichen zehn Minuten. „Das ist aber kein Grund sich eingeschränkt zu fühlen“, findet sie. Bis auf einen einzigen Zwischenfall vor Ostern an einem Sonntagnachmittag in Lindau, als der fahrplanmäßige SEV nicht kam,  „fahren die Busse zuverlässig, regelmäßig und pünktlich.“ 

Obwohl die SEV-Busfahrten angenehm und unkompliziert sind, fahren die zwölfjährige Vivian und ihr achtjähriger Bruder aus Wangen doch lieber mit dem Zug zur Schule nach Kißlegg. „Im Bus ist es umständlicher das Fahrrad oder den City-Roller mitzunehmen und außerdem ist man ein bisschen später zu Hause“, erklären die Beiden. Mittlerweile ist es 14.05 Uhr als ich am Bahnhof in Hergatz aussteige. Für den Anschlusszug um 14.20 Uhr habe ich also genug Zeit. Pünktlich und entspannt komme ich um 14.34 Uhr nach rund einer Stunde Fahrzeit bei einem Fahrpreis von 7,95 Euro  am Lindauer Hauptbahnhof an. 

Fazit des Selbsttests: Vom ersten unguten Eindruck ist nichts geblieben. Meine Erfahrungen zum Schienenersatzverkehr decken sich rundum mit denen der anderen Fahrgäste. Egal ob Jung oder Alt: alle sind mit der Übergangslösung zufrieden. Die Busse sind immer sauber und die Fahrer freundlich, aufmerksam und hilfsbereit. Auch die Fahrpläne sind gut lesbar und verständlich. Ich bin ohne Stress oder Verwirrung, ganz entspannt an mein Ziel gekommen. Hierfür hat die Deutsche Bahn auch mal ein Lob verdient. Verbesserungsfähig wären allerdings die Beschilderungen zu den jeweiligen Ersatzhaltestellen. Ohne die DB-App ist zudem nicht auf den ersten Blick ersichtlich, dass man ab Hergatz statt mit dem Bus mit dem Zug fahren könnte und damit auch schneller ans Ziel kommt. 

Milena Sontheim

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