"Wir müssen in den Standort Tuttlingen investieren“
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7. Februar 2019
Klinik-Geschäftsführer Sascha Sartor stellt sich auf emotionale Diskussionen um die Zukunft des Standortes Spaichingen ein Foto: Klinikum

Das Thema um die Schließung der Klinik in Spaichingen und die dadurch entstehende Zentralisierung der stationären Versorgung in Tuttlingen hat sich in den vergangenen Wochen emotionalisiert. Um die Diskussion mit einigen unerlässlichen Fakten anzureichern, hat das WOCHENBLATT mit Klinik-Geschäftsführer Sascha Sartor gesprochen.

Wie beurteilen Sie den Prozess, der seit der offiziellen Verkündigung der Klinikschließung in Spaichingen angelaufen ist?

Sascha Sartor: Mir ist zunächst sehr daran gelegen darauf hinzuweisen, dass es nicht um eine Schließung eines Klinikstandortes, sondern um die Neuordnung der Versorgungsstrukturen geht. Dies ist auch keine sprachliche Randnotiz! Vielmehr geht es um die stufenweise Zusammenführung der stationären Krankenversorgung am Standort in Tuttlingen und den Ausbau der ambulanten Versorgung am Standort Spaichingen.

Dies klarzustellen ist mir deshalb ein sehr wichtiges Anliegen, weil auch in den nächsten Jahren viele Mitarbeiter des Klinikums in Spaichingen in den Fachabteilungen Plastische Chirurgie, Konservative Orthopädie, in unserem MVZ, aber auch zahlreiche ambulante Kooperationspartner sowie externe Operateure wie Herr Professor Baumeister oder Dr. Wachter in Spaichingen sich tagtäglich bestmöglich um ihre Patientinnen und Patienten kümmern wollen und werden.

Ich kann sehr gut nachfühlen, dass die emotionale Enttäuschung über die angedachte Organisationsänderung in weiten Teilen sehr groß ist. Mir geht es aber auch darum, wenngleich dies einigen heute noch sehr schwer fällt, den Blick nach vorne zu richten. Es geht jetzt darum, die ambulante und stationäre Versorgung für alle Bürgerinnen und Bürger des Landkreises Tuttlingen und den angrenzenden Regionen in einem sehr schweren Umfeld langfristig in kommunaler Trägerschaft auszurichten. Bei aller Betroffenheit: aber man kann die beabsichtigte Organisationsänderung auch als klares Bekenntnis des Landkreises zur öffentlichen Daseinsfürsorge werten. Und dabei reicht ein Einfaches „Augen zu und  weiter so“ leider nicht aus!  Daher appelliere ich alle Beteiligten, gemeinsam und zukunftsorientiert die anstehenden Herausforderungen anzugehen.   

Wie ist das Feedback von Seiten der Angestellten?

Als Landrat Stefan Bär und ich gemeinsam gleich zu Beginn des neuen Jahres die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an beiden Standorten persönlich informiert haben, war die Betroffenheit aller Beschäftigten sehr groß und im Raum körperlich zu spüren. Wenn Sie als Krankenschwester, um exemplarisch eine Berufsgruppe zu nen-nen, fast 30 Jahren in Spaichingen arbeiten, dann muss dies auch so sein, weil dieser Schritt sie als Krankenschwester einfach berührt. In den zahlreichen Gesprächen, die wir alle in den letzten Tagen geführt haben, spüren wir jedoch nunmehr, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beginnen nach vorne zu blicken und uns als Vorgesetzte fragen, was die beabsichtigte Organisationsänderung für sie ganz konkret bedeutet, wie sich möglicherweise das Arbeitsumfeld ändert und vieles andere mehr. Die Aussage auf betriebsbedingte Kündigung zu verzichten und wo immer es geht, erfahrene und bewährte Teams und damit gut funktionierende Strukturen gemeinsam umziehen zu lassen und an einem anderen Ort ihrer vertrauten Arbeit nachgehen zu lassen, hat sicherlich ent-scheidend dazu beigetragen, dass sich bei aller Betroffenheit langsam aber sicher der Blick wieder nach vorne richtet.

Befürchten Sie, dass sich der Kreistag gegen das von Ihnen und Landrat Stefan Bär skizziertes Szenario entscheiden könnte?

Ich will und kann der souveränen Entscheidung der Damen und Herren Kreisräte nicht vorgreifen. Nichts im Leben ist alternativlos. Es stellt sich für mich dann aber zwangsläufig die Frage, ob abstrakt denkbare Alternativen auch ganz konkret langfristig bessere Optionen darstellen. Und so leid es mir tut: ich sehe keine tragfähigere Option, um eine bestmögliche Krankenversorgung mittel- und langfristig im Landkreis Tuttlingen zu sichern.

Was würde passieren, wenn die Zustimmung ausbleibt?

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich im öffentlichen Raum darüber nicht spekulieren möchte, auch weil ich mit aller Kraft für die beabsichtigte Organisationsänderung werbe und arbeite.

Wie wären die nächsten Schritte, wenn die Schließung verabschiedet wird?

Dann werden wir die Suche nach einem neuen Chefarzt für Gastroenterologie mit Hochdruck intensivieren und parallel die Planungen für das neue Bettenhaus E beginnen. Zudem stehen die Gespräche mit dem Betriebsrat über die Details der Betriebsänderung an. 

Bestehen in Tuttlingen bereits die Kapazitäten, um die Innere Abteilung und die Konservative Orthopädie aufzunehmen und wenn ja, ab wann?

Da in Kürze die Sanierungsarbeiten am C-Bau enden, können wir freiwerdende Kapazitäten in der vorhandenen Mobilen Bettenstation nutzen. Dort könnte, vorbe-haltlich der Beschlussfassung durch den Kreistag, die Innere Medizin sowie die Geriatrie interimsweise noch in 2019 eine neue Heimat finden. Andere Bereiche, wie etwa die Plastische Chirurgie oder die Konservative Orthopädie könnten erst in Tuttlingen integriert werden, wenn tragfähige Versorgungsstrukturen neu etabliert sind. Klar ist aber auch, dass die Mobile Bettenstation nur eine Übergangslösung darstellt, hier muss mittelfristig eine tragfähige Lösung in Form eines neuen Bettenhauses geschaffen werden. Die Innere Abteilung soll in zwei eigenständige Abteilungen aufgeteilt werden.

Wie weit sind die Planungen und ab wann soll es so weit sein?

Der Aufsichtsrat hat, da er für diese Organisationsentscheidung zuständig ist, dem Trend der Spezialisierung in der Medizin folgend, die Aufteilung der Inneren Medizin beschlossen. Wir brauchen diese übrigens auch für die in wenigen Jahren an-stehende Nachfolge für den Chefarzt der Tuttlinger Inneren Medizin. Die konkreten Planungen beginnen nach dem Kreistagsbeschluss. Sie sollen dann mit dem Dienstantritt des neuen Chefarztes in Kraft treten.

Wie viel muss grundsätzlich in den Standort Tuttlingen in den kommenden Jahren investiert werden, um alle Bedarfs aufzufangen?

Neben dem bereits erwähnten Bettenhaus gibt es aber auch unabweisbare Investitionen, die für den Fortbestand des Standortes in Tuttlingen essentiell sind und zwar unabhängig von etwaigen Entwicklungen in Spaichingen. Hier geht es um den Neubau unserer Intensivstation, die Generalsanierung des Zentral-OPs oder auch die Schaffung von Überwachungsmöglichkeiten von Patienten mit einer neu-en Intermediate-Care Station. Diese Investitionen sind für den Standort Tuttlingen auch dann zwingend erforderlich, wenn es in Spaichingen unverändert weiter ginge. Das geht mir in der aktuellen Diskussion leider ein wenig verloren. Dieser Investitionsbedarf ist dem Grunde nach auch vom Sozialministerium des Landes Baden-Württemberg anerkannt und es gibt mündliche Zusagen, dass wir hier auch mit einer Förderung durch die Landesregierung rechnen dürfen.

Wer finanziert die Maßnahmen?

Investitionsentscheidungen im Krankenhaus sind heute immer gemeinsam durch Zuweisungen des Landes und durch das Krankenhaus bzw. durch dessen Träger zu finanzieren. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten so entwickelt, obwohl das Krankenhausfinanzierungsgesetz bereits im Jahre 1972 festgelegt hat und dies gilt im Übrigen unverändert bis zum heutigen Tage, dass die Bundesländer die not-wendigen Investitionen der Krankenhäuser vollumfänglich übernehmen. 

Wie laufen die Gespräche mit den Verantwortlichen in Spaichingen bezüglich des aktuellen Verlaufs aber auch der zukünftigen Nutzung?

Die Gespräche mit der Gemeinde Spaichingen, den Bürgermeistern der Gemeinden im nördlichen Teil des Landkreises Tuttlingen, den niedergelassenen Ärzten und vielen anderen Partnern sind gerade erst angelaufen bzw. stehen kurz bevor, so dass es für ein Fazit noch deutlich zu früh ist. Da gab es natürlich gerade am Anfang viele emotionale Reaktionen, wobei im Laufe der Gespräche sich einige doch auch den Sachargumenten nicht entziehen konnten. 

Bis wann wollen Sie den Menschen in Spaichingen und dem nördlichen Landkreis eine verlässliche Nachfolgenutzung präsentieren?

Ich muss erneut um Verständnis bitten, dass ich mich in der Öffentlichkeit nicht auf einen konkreten Zeitplan festlegen lasse. Wir haben durchaus unsere Vorstellungen für den Ausbau der ambulanten Versorgung beispielsweise durch eine inter-nistische Praxis und auch Hausärzten in unserem MVZ. Auch die Diabetologie soll in Spaichingen ihren Platz behalten. Aber dafür müssten wir viele Beteiligte unter einen Hut bringen und wir wollen diese Fragen ja auch im Dialog mit der Stadt Spaichingen und den übrigen Gemeinden des nördlichen Landkreises klären. Wir werden auf jeden Fall nichts versprechen, was wir hinterher nicht halten können und deshalb die Dinge erst bekanntgeben, wenn sie belastbar sind.

Sven Krause

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