„Mein Rat: Nicht von der AfD provozieren lassen“

1. Februar 2019
AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber arbeitet schon an ihrem zweiten Buch. Foto: Uli Landthaler

Ihr Buch hat richtig eingeschlagen in der politischen Szene. Franziska Schreiber ist eine Art Kronzeugin gegen die AfD. Jetzt war sie auf Lesereise in der Region. „Inside AfD“ ist ein aufschlussreicher Einblick in die Welt der Rechtspopulisten – und eine Gebrauchsanleitung für den Umgang mit ihnen.

Region –  Nach vier Jahren Mitgliedschaft, davon drei Jahre in Führungspositionen, kehrte die Dresdnerin der Partei 2017 den Rücken und schrieb ein Buch über ihre Erkenntnisse. „Inside AfD“ ist in der sechsten Auflage erschienen, zu den Lesungen in Tuttlingen, Ravensburg und Ulm war der Andrang groß: Hunderte Besucher interessierten sich für die Einblicke in das  Innenleben der Partei. Wir fassen hier ihre Aussagen zu den wichtigsten Fragen zusammen: 

Wer kommt zu den Lesungen  von „Inside AfD“?

„In Ravensburg und  Tuttlingen waren viele junge Leute unter den Besuchern“, berichtet Franziska Schreiber. Sie lobt das hiesige Publikum: „Interessiert, gebildet, respektvoll, auch wenn sie nicht meiner Meinung  waren. Man merkt, dass die Leute das Thema beschäftigt, die Fragen aus dem Publikum waren sehr durchdacht“. In Ravensburg war auch ein AfDler darunter, „aber er hat sich gut benommen“.Warum tritt man in die AfD ein?Franziska Schreiber erinnert daran, dass die AfD einst als Volksbewegung angetreten war, um dem kleinen Mann Gehör zu verschaffen. „Ich habe 2013 vier Monate nach der Gründung meinen Aufnahmeantag gestellt. Damals war nicht abzusehen, welche Richtung die Partei einschlägt“.Warum tritt man wieder aus? Durch den Rechtsruck, der sich auf dem Parteitag 2017 in Köln manifestierte. Der gemäßigte Flügel mit Frauke Petry wurde ins Abseits gestellt, der radikale Flügel mit Jörg Meuthen übernahm die Macht. Die Partei wird jetzt von rechtsextrem-fundamentalistischen Kräften dominiert, sagt Schreiber. 

Wann war der Moment für ihren Austritt gekommen?

Als eine Pressemitteilung gegen die Ehe für alle verfasst werden sollte, die der Bundestag beschlossen hat. „Das wollte ich nicht mitmachen“.Woher kommt der Zuspruch  zur AfD?Sie präsentiert sich als einzige Partei, die sich um die kleinen Leute bemüht, sich ihrer Sorgen annimmt und die Stimme des Volkes hört, während die anderen über das Volk hinweg regierten und seine Interessen nicht mehr wahrnähmen. 

Warum benehmen sich manche AfD-Politiker in der Öffentlichkeit so provozierend? 

Die Basis verlangt das. Provokationen sind der Beleg, dass man sich von den etablierten Parteien nicht vereinnahmen lässt. Wer auf Ausgleich bedacht ist, Zugeständnisse machen und Kompromisse schließen will, gilt als Karrierist, der sich den  anderen Parteien andienen will. „Es wird nur in ein Parteiamt gewählt, wer polarisiert. Wer abwägt, macht sich verdächtig.  Es gibt da einen immensen Gruppendruck auf Mitarbeiter und Funktionsträger“.

Wie steht es um die Meinungsfreiheit innerhalb  der AfD? 

Es gibt Denk- und Sprechverbote, zum Beispiel für den Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“. Das Motto heißt „keine Toleranz der Toleranz“,  man will sich keine  anderen Meinungen anhören. 

Gibt es auch noch Liberale in der AfD?

Ja, aber sie werden in keine Ämter mehr gewählt und melden sich kaum zu Wort. Von den anderen werden sie verächtlich „Liberalalas“ genannt. Es gibt auch finanzielle Abhängigkeiten. „Es gibt Leute, die haben einen Job in der AfD und würden vermutlich in keiner anderen Partei wieder einen finden. Die glauben nicht die Hälfte von dem, was sie verkünden“.  Was war der größte propagandistische Erfolg der Partei in der Zeit Ihrer Mitgliedschaft?Die Behauptung, dass Angela Merkel die Flüchtlinge ins Land geholt habe. „Genial, aber  nicht haltbar“. Vielmehr hat die EU den Flüchtlingen den Zutritt gewährt, „sie wären auch so  nach Deutschland gekommen“.

Wie wichtig ist Facebook für die AfD?

Es ist der Haupt-Kriegsschauplatz, hier werden alle Ereignisse geteilt, verlinkt und kommentiert. Das fördert auch  die Bildung von Filterblasen, in denen man nur noch seine eigene Weltsicht bestätigt sehen will. „Ich war in ungefähr 30 AfD-nahen Facebook-Gruppen“.

        
Wie geht man mit der AfD am besten um?

„Wie mit einem dreijährigen Kind: Nicht provozieren lassen“. Sondern stoisch und unaufgeregt  erklären, was man für richtig hält. Wenn das alle tun, die sich mit der AfD auseinandersetzen, dann wäre die Partei in wenigen Monaten am Ende, glaubt Franziska Schreiber. „Die AfD lebt von ihrer Opferrolle. Sie hat  keine Inhalte.“

Was sagt die AfD zu dem Buch?

Es gab mehrere juristische Interventionen von Einzelnen, etwa um die Behauptung, dass sich Rechtsaußen der AfD wie Björn Höcke aus Reden von Nazi-Größen wie Joseph Goebbels bedienen. Das hatte kleine Änderungen in der neuen Auflage zur Folge. Ansonsten sei sich die  AfD-Spitze einig, auf das Buch nicht zu reagieren, weil man es sonst aufwerten würde. 

Die nächsten Projekte?

Vorträge vor Politikern halten, wie man mit der AfD umgehen sollte und es schafft, diese aus der Opferrolle zu holen. Und  Besuche von Schulklassen, um  über Rechtsextremismus aufzuklären, der versucht, junge Leute zu ködern.

 

Die heute 28-jährige Dresdnerin war 2013 in die AfD eingetreten und hatte schnell Karriere gemacht: Sie wurde Vorsitzende der Jungen Alternativen (JA) Sachsen, war 2017 einzige Frau im Bundesvorstand und Pressesprecherin. 

Der Austritt war im September 2017 nach dem Bundesparteitag, als der rechtsextreme Flügel die Kontrolle über die Partei übernahm, sagt Franziska Schreiber. Heute ist sie Redakteurin bei einem Online-Portal für Gesundheitsfragen.

Uli Landthaler

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