Inhaltliche Flexibilität
Empfehlung

4. Juli 2018
Immer im Austausch mit den Studenten - Dekan Martin Heine. Foto: Riesemann

Flexibiliät der Lehre, inhaltliche Vereinbarkeit von akademischem Anspruch und Anpassung an industrielle Wünsche  - die Themen im Gespräch mit dem Dekan des Campus Tuttlingen waren vielfältig.

Tuttlingen – Er steht kurz vor seinem Abschied vom Campus Tuttlingen, dennoch sprüht Dekan und Professor Martin Heine noch vor Motivation und Antworten, die weit abseits des vorformulierten und tausend mal inhaltlich gewaschenen liegen, die wir als Journalisten leider allzu häufig bekommen.

Demenstprechend spannend und inhaltlich gut ist es geworden, das Interview mit dem Dekan zur zukünftigen Auswichtung, den Spagat, den man als Dekan manchmal setzen muss und vieles mehr.

Seit Januar 2013 lehrt Professor Martin Heine am Campus Tuttlingen im Bereich der Elektrotechnik und der Leistungselektronik an der Hochschule Furtwangen in der Depandance Tuttlingen, wie es ganz offiziell heißt.

Mit dem Wochenblatt plauderte er ganz entspannt über die Verzahnung von Wirtschaft und Lehre, über die beruflichen Chancen des aktuellen Abschlussjahrgangs  und vieles mehr.

Was sind die aktuellsten und drängendsten Themen aus Ihrer Sicht im Bereich Energiewirtschaft/Energiepolitik in Tuttlingen und dem Landkreis?

Bei der Betrachtung des Gesamtenergieverbrauchs nach Sektoren nehmen die privaten Haushalte mit einem Anteil von 36% Platz 1 ein.  ¼ der Treibhausgasemissionen in Baden-Württemberg und sogar 32% im Landkreis Tuttlingen der Treibhausgasemissionen kommen aus den Haushalten.

Es ist wichtig, dass die in den privaten Haushalten benötigte Wärme und der benötigte Strom zu einem noch größeren Teil als heute aus erneuerbaren Energiequellen stammen muss.

An zweiter Stelle beim Gesamtenergieverbrauch steht im Landkreis Tuttlingen der Sektor Wirtschaft mit 34%. Ein großer Bereich. Die KEFF-Stelle (Regionale Kompetenzstelle Netzwerk Energieeffizienz), welche bei der IHK angesiedelt ist, hat zum Ziel kleine und mittlere Unternehmen – wie sie in unserer Region überwiegend anzutreffen sind – bei der Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen zu unterstützen. Die Energieagentur unterstützt die Arbeit der IHK. Der Landkreis informiert die Unternehmen über das Angebot der KEFF und stellt den Kontakt zw. den Effizienzmoderatoren der KEFF und den Unternehmen her. Im Landkreis wurden bereits einige „KEFF-Checks“ bei Unternehmen durchgeführt, die helfen, Energie-Einsparmöglichkeiten im jeweiligen Unternehmen aufzuzeigen.

An dritter Stelle steht beim Gesamtenergieverbrauch im Landkreis Tuttlingen der Sektor Verkehr mit 28%. Neben dem Umstieg auf Elektrofahrzeuge ist die Nutzung / Verknüpfung verschiedener nachhaltiger Verkehrsmittel wichtig. Der Landkreis hat hierfür verschiedene Projekte zur Förderung einer nachhaltigen Mobilität ins Leben gerufen.

An vierter Stelle stehen beim Anteil des Gesamtenergieverbrauchs im Landkreis Tuttlingen die kommunalen und kreiseigenen Liegenschaften. Auch wenn hier die Einsparmöglichkeiten absolut gesehen am geringsten sind, darf die Signal- und Vorbildwirkung hier nicht unterschätzt werden.

Wie kann man diese aus Ihrer Sicht lösen, inwieweit müssen Politik, Wirtschaft und die Bevölkerung mit ins Boot geholt werden?

Die Ziele der EU, die Ziele des Landes und am Ende auch die des Landkreises lassen sich nur erreichen, wenn Politik, Wirtschaft und die Bevölkerung mitmachen. Die Energieagentur setzt ihren Schwerpunkt dabei auf die privaten Haushalte.

Um den Energieverbrauch der Häuser zu senken, bietet die Energieagentur in Zusammenarbeit mit der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg Energiechecks für Gebäude, Heizungen und thermische Solaranlagen mit einer geringen Eigenbeteiligung an. Einige Kommunen im Landkreis unterstützen die Beratung, sodass die Energie-Checks komplett kostenlos sind.  In der Beratung erfahren die Bürger, wie sie die Optimierung von Heizungseinstellungen oder durch kleinere Investitionen Energie einsparen können, etwa durch den Austausch alter Heizungspumpen durch neue Pumpen. Der Verbrauch an Pumpenstrom kann um bis zu 80 Prozent reduziert werden.

Privatpersonen und Unternehmen investieren bereits jetzt in Photovoltaik und zum Teil auch schon in Batteriespeicher. Es bedarf neue, technische und organisatorische Voraussetzungen, um die lokale und regionale Stromproduktion aufzunehmen und zu erhöhen. Nimmt die Zahl der Elektroautos deutlich zu, steigt der Strombedarf. Durch kluge Organisation kann der Photovoltaikstrom oder Strom aus Windkraftanlagen einen spürbaren Anteil davon decken.

Wichtig dabei ist: Jede Kilowattstunde an Strom und Wärme, die in der Region erzeugt wird, muss nicht von außen eingekauft werden, dieses Geld bleibt in der Region. Zudem kommen Investitionen zu einem erheblichen Teil der regionalen Wirtschaft zugute.

Nicht vergessen werden darf, dass die durch Effizienzsteigerung und Energieeinsparung überflüssig gewordene Energie gar nicht erst erzeugt werden muss. Dieses Ziel sollte an erster Stelle stehen.

 Wir leben in Zeiten der Energiewende. In wieweit ist diese aus Ihrer Sicht bereits im Landkreis angekommen und was kann/muss aus Ihrer Sicht noch getan werden?

Der Landkreis beteiligt sich bereits seit 2011 am European Energy Award, einem kontinuierlichen Prozess mit dem Ziel, Energie einzusparen und den Klimaschutz voranzubringen. Der Landkreis verfügt über ein Integriertes Klimaschutzkonzept, aus dem sich Jahr für Jahr konkrete Schritte ableiten.

Seit 2016 hat der Landkreis eine Klimaschutzmanagementstelle eingerichtet. Zu den Hauptaufgaben der Klimaschutzmanagerin gehören die aktive Vernetzung von Akteuren aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt sowie die Initiierung, Koordination und Umsetzung gemeinsamer Energie- und Klimaschutzmaßnahmen und Initiativen aus dem Integrierten Klimaschutzkonzept des Kreises.

Für seine Arbeit wurde der Landkreis in den vergangenen Jahren bereits zweimal mit dem Leitstern Energieeffizienz des Umweltministeriums ausgezeichnet – als „Bester Aufsteiger“ sowie für seine Arbeit im Bereich „Bildung & Nutzersensibilisierung“, in der die Arbeit der Energieagentur besonders hervorgehoben wurde. Zudem unterstützt der Landkreis die unabhängige Energieagentur, die vor wenigen Tagen ihr zehnjähriges Bestehen feiern konnte.

Die landkreiseigenen Liegenschaften erhalten 100 %igen Ökostrom, Photovoltaikanlagen sind auf den Dächern zu finden. Es werden zudem verschiedene Projekte zur Förderung einer nachhaltigen Mobilität umgesetzt. Das bestehende Radwegekonzept des Kreises wurde beispielsweise fortgeschrieben, um den Ausbau und Lückenschluss von Radwegen im Kreisradwegenetz aktiv zu unterstützen.

Der Landkreis Tuttlingen hat sich zudem zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Kreisgemeinden– im Rahmen der Initiative „e-mobil im Landkreis Tuttlingen – innovativ I nachhaltig“ – eine landkreisweite Ladesäuleninfrastruktur aufzubauen, um für die Bürgerinnen und Bürger sowie Besucher des Kreises ein flächendeckendes und kundenfreundliches Netz an Lademöglichkeiten zu schaffen.

Im Rahmen der Initiative wurden – initiiert durch die Landkreisverwaltung - zahlreiche Förderanträge für die Beschaffung von 28 neuen E-Ladesäulen durch die Kreiskommunen eingereicht. Die ersten neuen E-Ladestationen wurden bereits installiert. Durch die Installation von zwei E-Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Pedelecs und E-Bikes am Hauptgebäude des Landratsamtes im Oktober 2017, geht der Landkreis im Bereich nachhaltige Mobilität als Vorbild voran.

Neben den bereits erwähnten European Energy Award erstellt die Energieagentur Energie- und C02-Bilanzen, führt  Schulung von Hausmeistern und Handwerkern durch und organisiert einen „Runden Tisch“ für  Energie- und Umweltbeauftragten in der Region.

Die umfassenden Tätigkeiten und vorzeigbaren Erfolge zeigen, dass der Landkreis Tuttlingen schon gut aufgestellt ist. Die Fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung verschiedener Bereiche (Stichwort Sektorenkopplung) werden neue Herausforderungen mit sich bringen. Darauf müssen sich alle Akteure einstellen.

Thematischerweise stehen auch die E-Mobil-Tage in Tuttlingen vor der Tür. Wie beurteilen Sie diese Thematik?

 Im Verkehr geht es darum, den Energieverbrauch und damit den Ausstoß an Schadstoffen zu vermindern. Weniger Kilometer, effizientere Technik und nachhaltige Energiequellen sind Wege zu diesem Ziel.

Wenn über Mobilität gesprochen wird, sind zwei grundsätzliche Fragen wichtig. Was soll warum von A nach B transportiert werden? Mit welcher Technik soll dieser Transport erfolgen? Die E-Mobilität, so wie sie heute oft diskutiert wird, konzentriert sich darauf, den Verbrennungsmotor durch den Elektromotor zu ersetzen. Sinnvoll ist das aber nur, wenn der Strom aus erneuerbaren Energiequellen stammt. Hier im Süden gibt es noch viel Potenzial für Photovoltaik, das regionale und lokale Angebot an erneuerbarem Strom könnte durchaus noch zunehmen. Damit würde die Mobilität ein Stück weit unabhängiger werden vom Erdöl. Insoweit ist die E-Mobilität ein Weg in die richtige Richtung. Die im Zuge der Nachhaltigkeitsinitiative installierten E-Ladesäulen im Kreis werden allesamt mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben.

Wichtig sind daneben aber auch Mobilitätskonzepte, welche zum Ziel haben, den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren.

Kann die E-Mobilität und wenn ja, wann aus Ihrer Sicht, eine Alternative in einem eher ländlichen Raum sein?

Mobilität im ländlichen Raum ist nicht in erster Linie eine Frage der Antriebstechnik, sondern der Organisation. Einem Bewohner auf dem Heuberg, der nach Tuttlingen will, kommt es vor allem darauf an, dass er möglichst zügig und zu einer passenden Zeit in die Kreisstadt und zurückkommt. Gefragt sind flexible Lösungen, die Auto, Bus und Zug intelligent miteinander verbinden.

Der Landkreis bietet mit dem Ringzug ein für den ländlichen Raum einzigartiges landkreisübergreifendes „S-Bahn –System“, auf das die Busse im Kreis abgestimmt sind. Gemeinden, welche nicht direkt an der Schiene liegen, werden alternativ mit Bussen bedient und so an den Ringzug angeschlossen.

Wenn über E-Mobilität geredet wird, müssen auch E-Bikes in den Blick genommen werden. Auf kürzeren Strecken, so zwischen fünf bis acht oder zehn Kilometern, können sie Autofahrten durchaus ersetzen und bieten den Nutzern eine hohe Flexibilität. Denkbar sind auch E-Bikes als Zubringer zum Zug, allerdings kommt es dann darauf an, dass die Fahrzeuge an der Haltestelle sicher geparkt werden können.

Carsharing, also das Teilen von Autos, kann für den ländlichen Raum für bestimmte Zwecke eine Lösung sein. Da ist es durchaus sinnvoll, auf Elektroautos zu setzen.

Der Anteil der älteren Menschen steigt, die Wege zum Arzt oder zum Einkaufen werden länger. Diejenigen, die kein eigenes Auto mehr haben oder nicht mehr Auto fahren wollen oder können, sind auf andere angewiesen, die sie fahren. Nicht jeder kann auf die Familie oder Verwandte zurückgreifen. In solchen Fällen können Bürgerbusse eine Lösung sein. Das Nahverkehrsamt des Landratsamts Tuttlingen unterstützt solche Initiativen.

Ein Beispiel ist der Fahrdienst, den Ehrenamtliche in 5G-Gemeinden Aldingen, Deißlingen, Denkingen, Frittlingen und Wellendingen leisten. In jeder Gemeinde steht zu diesem Zweck zwar kein Bus, aber ein E-Auto bereit. Möglich macht das das Engagement von Gemeinden und Freiwilligen.

Auch im touristischen Bereich gibt es viele Möglichkeiten den ländlichen Raum nachhaltig / elektrisch zu erkunden. Im Rahmen der Ladesäuleninitiative des Kreises wurden zahlreiche neue E-Ladestationen installiert, um die Infrastruktur für die Alltagsmobilität aber auch für einen nachhaltigen Tourismus weiter zu stärken. Auch im „Landschaftspark Junge Donau“ (LPJD) wurden im Rahmen des Interreg-Projekt LENA neue Ladesäulen für E-Bikes installiert. Zudem besteht eine kostenlose Fahrradbeförderung im Naturparkexpress (von Mai bis Oktober) zu attraktiven, touristischen Zielen des Kreises.

Zur Person

Professor Heine lehrt: Analogtechnik, Leistungselektronik, Elektrische Antriebe,  Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV), Mikroelektronische Schaltungstechnik und Qualität und Zuverlässigkeit in der Elektronik

Sven Krause

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