Ein Spaziergang durch gelebte Geschichte
Empfehlung

23. August 2018
Der Lokschuppen des Dampflokmuseums Sven Krause

Das Tor quietscht, der Asphalt ist nass und dampft und auf dem ersten Blick sieht das Areal des Dampflokmuseums in der Möhringer Vorstadt verlassen aus. Es wirkt ein wenig wie aus einem Film von Akira Kuroswa und der oftmals von ihm inszenierten apokalytischen Stimmung. Einsam und doch majestätisch prangen die alten Dampfloks vor dem wolkenverhangenen Horizont. Fast vergessen wirkt das alte Hauptgebäude des ehemaligen Bahnbetriebswerks.tuttlingen – Plötzlich, fast wie aus dem Nichts kommend steht  Werner-Patrick Girrbach hinter mir. Mit einem fröhlichen „Hallo, Herr Krause“ reißt er mich aus meinen Gedanken und holt mich zurück. Zurück in die Gegenwart des Dampflokmuseums und der mehr als zwei Jahrzehnte harter Arbeit, die aus einem komplett heruntergekommenen Areal ein echtes Schmuckstück gemacht haben.Ingrid Girrbach, die graue Eminenz des Fördervereins und Eigentümerin des Areals, das sie nach dem Tod ihres Mannes erworben hat, bringt es mit dem ihr ganz eigenen Realitätssinn auf den Punkt: „Es sah schlimmer aus wie nach dem Krieg. Es war keine Scheibe mehr heil, das Dach war ruininiert und viele Metallteile oder anders verwertbares Material ist in den Auf- und Ausbau vieler Häuser und Firmen hier in der Gegend geflossen.“Auf die Frage nach den Arbeitsstunden und Tonnen Material, das im Laufe der Jahre in die Wiederherstellung des Geländes und vor allem des Lokschuppens mit der weiterhin funktionstüchtigen Drehscheibe davor geflossen ist, schauen sich Mutter und Sohn nur kurz an, schütteln den Kopf und sagen unisono: „Unendlich viel.“Was dabei heraus gekommen ist, das zieht auch mich Nicht-Eisenbahner direkt in seinen Bann. Allein die Parade der fünf, sechs alten, riesig wirkenden Lokomotiven der Serien 50, 41 und 44, die den Besucher in ihrer ganzen Erhabenheit auf dem Parallel zum Besucherparkplatz liegenden Gleis erwarten, lässt einen erschauern und auch ein wenig vor Ehrfurcht erstaunen. Jede dieser Loks - obwohl in Serie gefertigt - wirkt wie ein Orginal, wie ein extra erstelltes Kunstwerk und strahlt immer noch eine unglaubliche Dynamik und Kraft aus. Kein Vergleich mit den sterilen ICE-Triebwagen des Jetzt-Eisenbahnzeitalters.Klar, natürlich könnten sie alle mal wieder eine Schönheitskur vertragen, würde sich jeder der metallenen Riesen über ein wenig Schleifpapier, neue Grundierung und frischen Lack freuen. Aber vielleicht ist es gerade auch der Rost, der Metallstaub und der Dreck, der sich auf den alten Bedienhebeln oder den Trittleitern abgesetzt haben, die quasi als Patina von langsam wieder zum erwachenden Monumenten einer vergangenen Zeit auf den Loks klebt, die dieser Szene dieses Gefühl von gelebter Geschichte verleiht.Nur ein paar Meter weiter auf dem Weg durch frisch gemähtes Gras Richtung Drehscheibe und der Front des Lokschuppens strahlt uns der Fortschritt der Sanierungsarbeiten entgegen. Eine von Mutpol in Eigenarbeit restaurierte und frisch lackierte Achse neben einer ebenso neuen Bank lädt zum Fotografieren und verweilen ein. Doch annehmen kann ich dieses Angebot gerade nicht, zu gespannt bin ich auf die Drehscheibe, die vielen weiteren Lokomotiven und vor allem das Innere des Lokschuppens.Und ich werde nicht enttäuscht. Quasi wie ein alter Bekannter begrüßt mich die Anna 1, die auf der Schachtanlage in Bergkamen noch bis in die 1960er-Jahre als Zuglok von voll beladenen Kohle-Güterwagons eingesetzt wurde. Für mich als Jungen aus dem Pott, der mit den Geschichten über die fast vergessene industrielle Glanzzeit meiner Heimat groß geworden ist, ein emotionaler Moment. Fast ehrfürchtig berühre ich die Metallhaut und stelle mir vor, wie viele Kumpel dies früher während ihrer Schicht auch getan haben.Doch viel Zeit den Moment zu genießen bleibt mir auch hier nicht, mit einem prusten und spucken setzt Werner-Patrick Girrbach die KÖF in Betrieb. Deren alter Dieselmotor sorgt für Qualm, wie ihn auch die alten Kohleloks ausgestoßen haben. „Wir nehmen die KÖF immer für unsere Ausfahrten über das Areal und die strahlenden Gesichter der kleinen und großen Jungs sind uns immer wieder Ansporn hier weiter zu machen“, sagt Girrbach und grinst dabei. Und ich grinse zurück. Wie zwei große Jungs und ihr großes Spielzeug.

Seit 1993 ist das Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerkes in der Möhringer Vorstadt im Besitz von Ingrid Girrbach aus Pforzheim. Vor allem zusammen mit ihrem Sohn Werner-Patrick Girrbach und vielen Freunden und Helfern haben Sie in dieser Zeit tonnenweise Erde aufgeschüttet, zwei Kilometer Zaun gesetzt, Dach und Fenster erneuert, Schienen ausgebessert und der Außenanlage eine neues Gesicht gegeben. Dazu wurden rund zwei dutzend alte Dampflokomotiven, dazu verschiedenen Waggons und Tender vor allem in der ehemaligen DDR erstanden und nach Tuttlingen transportiert, wo sie Stück für Stück restauriert werden. Im direkt an der Donau gelegen Areal treffen sich inzwischen während der Saison zwischen dem 1. Mai und 3. Oktober Eisenbahn- und ganz besonders Dampflokfreunde aus der ganzen Republik. Besonders beliebt sind die Rundfahrten mit der Anna 1 auf dem rund einen Kilometer erneuerten Schienenstrang. Zudem wird die Location inzwischen auch immer häufiger für Hochzeiten, Meetings oder Workshops genutzt. Zudem finden sich in der Regel an jedem Wochenende rund ein Dutzend Hobbyfotografen auf dem Gelände ein. Wer Interesse an einem Besuch hat oder selber mit anpacken möchte, meldet sich unter 07461/9116827.

Sven Krause

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