Ein Schmuckstück mit Potenzial - Stadt Tuttlingen eröffnet ihre neu gestaltete Fußgängerzone
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4. September 2019
Blick aus der Vogelperspektive auf die neu sanierte Innenstadt Tuttlingens. Foto: Stadt Tuttlingen

Gute drei Jahre lang wurde den Händlern, Pendlern und Besuchern der Innenstadt in Tuttlingen einiges abverlangt. Die groß angelegte Sanierung und Neuausrichtung der City verschliss nicht nur Millionen – sie  hat auch viele Nerven gekostet.

Tuttlingen – Nun aber ist sie fertig und Tuttlingens Herz hat eine modernde und helle Optik bekommen. Angesichts der großen Eröffnung und der in diese integrierte NachtKultour blicken wir im Rahmen eines Interviews mit OB Michael Beck, einer ersten Bestandsaufnahme mit der neuen City-Managerin Fabienne Lübcke, dem Programm der NachtKultour und vielem mehr zurück – auf die Zeit vor der Sanierung und voraus auf das,  was noch alles kommen soll. 

Ein Stadtzentrum nach Wunsch - Interview mit OB Beck:

Sie ist fertig. Nach drei Jahren. Nach 40 000 Arbeitsstunden. Und nach rund 10 Millionen Euro an Investitionen. Die Sanierung der Tuttlinger Fußgängerzone ist am Ziel angekommen. Grund genug, diese zum einen am Samstag, 7. September, ab 11 Uhr mit einem kleinen Festakt, zu feiern. Grund genug, um mit OB Michael Beck zurückzublicken und von ihm zu erfahren, welche Effekte er sich erhofft.

Viele werden sich an die Entstehungsgeschichte der „neuen“ Fußgängerzone nicht mehr erinnern. Erzählen Sie uns noch einmal, aus welchen Beweggründen die Sanierungsidee entstanden ist?

Michael Beck: Das Problem hat uns schon viele Jahre beschäftigt. Das Pflaster war schadhaft, wurde ständig ausgebessert und war an vielen Stellen ein Flickenteppich aus gebrochenen Platten und Asphaltbelägen. Schön geht anders. Zuerst haben wir überlegt, ob wir nur die Beläge ersetzen  sollen, dann stellte sich aber heraus, dass auch im Untergrund einiges marode ist. Als klar war, dass es auf einen Totalsanierung hinaus läuft, haben wir beschlossen, die Chance zu nutzen und die Innenstadt komplett aufzuwerten.

Wie verlief die Sanierung?

Für ein Projekt dieser Größenordnung überraschend reibungslos. Dass es an Details hakt oder Ärger gibt, lässt sich nicht vermeiden. Unterm Strich bin ich sehr zufrieden. Hier haben viele Akteure gemeinsam eine tolle Arbeit gemacht.Dennoch beklagten viele Händler die Pausen während der jeweiligen Bauabschnitte.

Wie können und wollen Sie diese wieder ins Boot holen?

Wir haben so gut es geht versucht, die Probleme abzumildern. Die Tiefbauer haben Brücken, Umwege und Stege gebaut, das Citymanagement hat den Prozess aktiv begleitet. Dass es für den Einzelnen Härten gab, ist mir bewusst. Hier danke ich für die Geduld, die die Anlieger und Händler aufgebracht haben. Alles beim Alten zu belassen, wäre keine Alternative gewesen. Ich hoffe, dass die Händler für die harten Phasen entschädigt werden.Zudem muss nachgebessert werden am Pflaster. Warum das? Das sind in der Regel aber nur kleine Korrekturen. Man darf nicht vergessen: Granit ist ein Naturprodukt, die Kanten sind unregelmäßig, das lässt sich nicht so herstellen und verarbeiten wie Betonstein. Dafür hält es aber länger. Außerdem muss regelmäßig nachgesandet werden

Ein weiteres Ärgernis sind die Kaugummis auf dem Pflaster. Was kann die Stadt dagegen tun?

Das tut auch mir richtig weh. Und dass Menschen so respektlos mit dem Eigentum der Allgemeinheit umgehen, finde ich erschreckend und frustrierend. Wir reagieren doppelt: Der Bauhof hat Spezialgeräte mit Wasserdampf – die bekommen die Flecken ganz gut weg. Und der Kommunale Ordnungsdienst  ahndet es schärfer und häufiger, wenn Kaugummi ausgespuckt wird. Das kostet dann 50 Euro. 

Was bringt dieses neue Pflaster, die neue Beleuchtung für Vorteile aus Ihrer Sicht?

Die Fußgängerzone wurde heller, großzügiger, moderner, einladender und abends sicherer - kurzum so, wie man es sich für ein Zentrum wünscht.Nun steht zur Einweihung ein großer Festakt an.

Wann können sich die Tuttlingen und die Besucher aus dem Landkreis auf was freuen? 

Wir haben bewusst auf einen klassischen Festakt und auch auf ein großes und teuer eingekauftes Event verzichtet.  Statt dessen gibt es ein sympathisches Bürgerfest – mit Torte für alle, Musik auf der Bühne, einer Modenschau, leckerem Essen und abends dann der Nachtkultour.

Und danach?

Nur mir Pflaster ist es nicht getan.

Was muss noch getan werden?

Dem Citymanagement fällt hier eine immer größere Bedeutung zu. Ohne aktive Förderung, vor allem aber ohne branchenübergreifende Kooperationen, hat der stationäre Handel wenig Chancen. Hier liegt es an der Stadt, solche Initiativen zu koordiniere und begleiten – beispielsweise die Aktion „Buy local“; die Stiefel Manz angestoßen hat. Wir hatten hier ja auch schon einen guten Austausch im Rathaus. Letzten Endes liegt es aber an uns allen. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Wer selber am liebsten online einkauft, darf sich über aussterbende Innenstädte nicht beklagen.

Ist die Stadt bereit dafür weiter Geld in die Hand die zu nehmen? Vielleicht auch als Pächter aufzutreten, um weiterer Gastronomie die Möglichkeit zum Start hier in der City zu erleichtern?

Mit unserem Citymanagement und Investitionen wie der Fußgängerzone nehmen wir viel Geld in die Hand. Dass wir selber Gastronomie betreiben, kann ich mir aber nicht vorstellen. Das ist nicht Aufgabe einer Kommune und würde zurecht andere Gastronomen verärgern. Was ich mir eher vorstellen könnte, wäre Starthilfe für junge innovative Ideen – zum Beispiel in Form eines Popup-Stores.

Die OGL/LBU hat eine Verkehrsberuhigung der Weimarstraße mit der Ansiedlung von Gastronomie und Kultur.  Wie stehen Sie dazu?

Das Thema Donauufer wird uns weiter beschäftigten. Auch für mich wird diese wunderbare Allee bisher unter Wert verkauft. Ob wir den Autoverkehr hier völlig rausbekommen, halte ich aber für fraglich – letztlich wäre das vor allem eine Verlagerung zu Lasten anderer schon jetzt stark befahrener Straßen. Aber dass sich hier etwas tun sollte, sehe ich auch so. Lassen Sie uns aber erst mal die Fußgängerzone feierlich einweihen – danach brauchen wir ja auch noch Aufgaben.

Wenn wir uns in fünf Jahren erneut treffen, was wäre Ihr Wunsch-szenario?

Eine Fußgängerzone mit vielen interessanten Geschäften, die auch nach Ladenschluss noch belebt ist. Dazu viele gute und originelle Restaurants, Kneipen und Cafés mit Außenbewirtung – und eine ansprechende Flaniermeile entlang der Donau.

 

Viele Ideen trotzen Leerstand

Von Konstanz nach Tuttlingen ist es rein entfernungstechnisch nicht so weit. Vom reinen Lebensgefühl musste sich City-Managerin Fabienne Lübcke allerdings schon ein wenig umstellen. Doch spätestens wenn an diesem Wochenende mit der Eröffnung der Fußgängerzone und der NachtKultour das zweite von ihr organisierte Großereignis über die Bühne geht, ist sie in der Welthauptstadt der Medizintechnik angekommen.

Tuttlingen – Dabei war der erste Eindruck von Fabienne Lübcke durchaus positiv. „Ich war sehr angenehm überrascht, als ich die ersten Male durch Tuttlingen gegangen bin. Die Bilder, die ich bisher von einer Industrie geprägten Stadt , wie sie Tuttlingen nun auch ist, hatte, waren komplett anders. Ich mag diese offene, breite Innenstadt, die nach amerikanischem Muster angelegt ist, sehr“, erzählt die neue City-Managerin.

Auch ihre ersten Bewertungen, was das gastronomische Angebot angeht oder das Sortiment, das der Einzelhandel vorlegt, waren positiv. „Natürlich kann man in beiden Bereichen immer noch einiges besser machen und es gibt, vor allem was das Angebot für junge Erwachsene angeht, noch einziges nachzuholen, aber grundsätzlich findet man hier viel gutes.“

Die gute Zusammenarbeit mit Ursula Schilling in der Geschäftsstelle von ProTut und den verschiedenen Ressortleitern haben ihr dabei die Arbeit in den ersten Wochen durchaus erleichtert. Auf diese setzt sie auch, wenn sie zwei der großen Themen ihres Aufgabengebiets in den kommenden Wochen angehen will. „Das eine ist der Leerstand. Da werden wir intensiv ins Gespräch gehen, sowohl mit den Vermietern als auch potenziellen Mietern und unsere Unterstützung anbieten. Und dann möchte ich sowohl das Einkaufs- als auch Freizeitangebot Angebot für junge Erwachsene, sowie das grundsätzliche gastronomische Angebot ausbauen. In allen anderen Altersklassen sind wir durchaus gut aufgestellt, aber hier sehe ich einiges an Nachholbedarf.“

Doch bevor sie sich diesem Thema intensiv widmen kann, stehen erst einmal drei intensive Wochenenden an. Am vergangenen das Street-Food-Festival, dann die Eröffnung der Fußgängerzone und am 14./15. September das Stadtfest. 

So freut sie sich auf das kleine, aber feine Zeremoniell am 7. September um 11 Uhr zur Eröffnung der Fußgängerzone. Noch mehr Stolz und Vorfreude entwickelt sie, wenn sie an das Stadtfest denkt. So ein vielfältiges Fest, das ein Wochenende viele Vereine, Gruppen und Nationen vereint, das kennt sie deutschlandweit kaum. „Und danach soll noch einer behaupten, in Tuttlingen wäre nichts los“, meint Fabienne Lübcke mit einem Lächeln und macht sich wieder an die Arbeit.

Sven Krause

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