Die große Stille
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17. Mai 2018
Oh je: fleißig Bienchen fliegt nicht mehr... FOTO: IROTTLAENDER/FOTOLIA

Dramatischer Rückgang der Insektenpopulationen

Wer durch die Wiesen streift, erlebt zur Zeit eine geradezu beängstigende Stille. Kein Summen und Brummen, die Blumen blühen, aber niemand besucht sie. Was ist denn da los in der Natur?

ÜBERLINGEN – Wir haben mit Thomas Körner, Geschäftsführer NABU-Bezirksverband Donau-Bodensee, über den Insektenschwund gesprochen.

Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, wird feststellen, dass kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe sind. Was sind die Gründe dafür?

Als Erstes wird da der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, wie Neonicotinoide und Glyphosatin der Landwirtschaft stehen. Andere Faktoren sind Monokulturen im Agrarbereich, der Verlust von Hecken und Randstreifen auf den Feldern, die zunehmende Lichtverschmutzung in Städten. Der Klimawandel spielt sicher auch eine Rolle.

Wie stark ist der Rückgang der Insektenpopulationen in den letzten Jahren? Gibt es Insektenarten die besonders stark betroffen sind?

Bei einem NABU-Projekt wurden über viele Jahre Schutzgebiete untersucht – die Ergebnisse sind erschreckend: Mehr als 75 Prozent weniger Biomasse bei Fluginsekten. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob die Insektenwelt in Schwierigkeiten steckt, sondern wie das Insektensterben zu stoppen ist. Besonders stark betroffen sind Bienen. Sie leiden unter Befall von Milben, Viren und Bakterieninfektionen. Als Blütenbestäuber haben Sie einen riesigen, unersetzbaren Wert für Menschen und Natur. Dazu folgender Satz von Einstein: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“

Insektenschwund: Es ist noch nicht zu spät – aber viel Zeit für die Umkehr bleibt nicht mehr!

Systemischen Insektizide, sogenannte Neonicotinoide, so wird gesagt, stehen mit oben auf der Liste der Verursacher des Insektenschwundes. Gibt es fundierte Hinweise auf diesen Zusammenhang?

Schweizer Forscher hatten bereits im Jahr 2016 gezeigt, dass bestimmte Sorten der synthetisch hergestellten Wirkstoffe die Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen verringern und deren Lebensspanne senken. Eine andere Studie befand, dass Bienen die mit den Stoffen behandelten Pflanzen nicht etwa meiden, sondern sogar bevorzugt ansteuern.

Experten zufolge können Neonicotinoide verschiedene Insekten bereits bei einer niedrigen Dosierung lähmen oder sogar töten. Zudem beeinträchtigen sie das Lernvermögen und die Orientierungsfähigkeit der Tiere. Die tödliche Dosis liege für die betroffenen Wirkstoffe bei etwa vier Milliardstel Gramm pro Biene.

Nicht umsonst wurde Ende April von der EU verfügt, dass drei sogenannte Neonicotinoide künftig nicht mehr auf europäischen Äckern versprüht werden dürfen.

Zunächst sind unsere Singvögel davon betroffen, die mit dem reduzierten Nahrungsangebot entsprechend schlecht für ihren Nachwuchssorgen können. Aber auch die Pflanzenwelt wird in Mitleidenschaft gezogen. Worin sehen Sie die größten Probleme in naher Zukunft?

Experten zu Folge ist der Insektenschwund größer ist als bisher angenommen. Der Verlust der Insekten wirke sich kaskadenartig auch auf andere Lebewesen aus und hat weitreichende Folgen für die Ökosysteme insgesamt. Der Weltbiodiversitätsrat schätzt, dass 87,5 Prozent der Blütenpfl anzen von der Bestäubung durch Insekten abhängen. Damit spielen die Bestäuber in der Natur eine zentrale Rolle für die Stabilität von Nahrungsketten. Denn Pflanzen dienen als Nahrung und Lebensraum für viele andere Tierarten. Bei drei Vierteln der wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte hängen Erntemengen und -qualität von der Bestäubung ab.

Was denken Sie, kann getan werden, damit die Insekten wieder zurück kommen?

Der Lebensraum macht bei seltenen Arten sehr viel aus. Wir haben in Deutschland eine Homogenisierung der Landschaft durch die Nutzung, die führt natürlich auch zu einer Homogenisierung der Tierwelt.

Grundsätzlich ist eine Umorientierung der Landwirtschaft in Richtung ökologischer Praktiken und weg vom rein chemischen Pflanzenschutz essenziell, dazu gehört ein Verbot von Neonicotinoiden und Glyphsat.

Auch durch kleinere Maßnahmen wie das Anlegen von Hecken und Blühstreifen kann für Insekten einiges erreicht werden. Das gilt auch für die Bewirtschaftung von Grünflächen in Kommunen und bei Gartenbesitzern.

Dazu muß ein konsequentes wissenschaftliches Insektenmonitoring erfolgen, auch um zu sehen, welche Maßnahmen welche Erfolge bringen.

Wie bedrohlich schätzen Sie die aktuelle Lage ein? Ist es schon zu spät?

Zu spät ist es nicht, das ist die gute Nachricht. Insekten besitzen gute Reproduktionsraten. Fallen die negativen Faktoren weg und werden durch die oben genannten positiven Faktoren ersetzt, dann ist auch durchaus eine Umkehr der Entwicklung möglich. Aber viel Zeit bleibt dafür nicht mehr.

A. Weniger

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