60 Jahre sind nicht genug

10. Juli 2019
Reichlich Spaß hatten die beiden Bürgermeister, Pierre Rochat (l.) und Michael Beck während des offi ziellen Festaktes in Bex. Sven Krause

1959 machten sich die ersten Schüler aus Tuttlingen auf den Weg ins schweizerische Bex, um die Pioniere für etwas zu spielen, dass damals außergewöhnlich war und zu einer 60 Jahre andauernden Erfolgsgeschichte werden sollte. Am vergangenen Wochenende feierten die Bellerius und eine Delegation aus Tuttlingen den 60. Jahrestag des ersten Austausches und 40 Jahre Städtepartnerschaft.

Tuttlingen – Mit dabei in Bex war das WOCHENBLATT und erzählt auf einer Sonderseite über die Besonderheiten der Beziehung zwischen der schweizer Kleinstadt und der Welthauptstadt der Medizintechnik und welcher Kitt dafür sorgt, dass die Partnerschaft auch nach 60 Jahren noch intensiv und zukunftsweisend gelebt wird.

Bex – landschaftlich traumhaft gelegen zwischen Genfer See und dem Mont Blanc. Seit 60 Jahren zweite Heimat für viele Generationen von Tuttlinger Schülern und seit nunmehr 40 Jahren offi zielle Partnerstadt der Welthauptstadt der Medizintechnik. Grund genug also ein Wochenende in Bex ganz in Zeichen dieser Verbundenheit zu stellen und es mit dem zu feiern, dass diese beiden so unterschiedlichen Städte seit fast drei Generationen voneinander profi tieren lässt.

Grund genug zudem, gleich vier Busse und mehrere PKW von Tuttlingen auf den Weg zu bringen nach Bex, um dort mit einer Delegation von knapp 80 Vertretern der Stadt, der Vereine und einiger Privatpersonen, die einfach zu dieser partnerschaftlichen Erfolgsgeschichte gehören, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Für drei ganze Tage zelebrierten die knapp 5 000 Bellerins das, was sie ausmacht und was dieser Gemeinschaft der Industriestadt im Donaubergland und der kleinen, aber feinen Wein- und Tourismusregion ein wenig mediterranen Flair verleiht.

Es stand auf keinem Plakat, auf keinem Flyer und in keiner Festschrift, aber diese Herzlichkeit, Lebensfreude und Gastfreundschaft der Menschen aus Bex war in jeder Sekunde fast greifbar zu spüren. Angelica Corthay, die Vorsitzende des Partnerschaftskomittes, brachte es unbewusst aber sehr treffend gleich in ihrer Begrüßung der Delegation aus Gemeinderäten und Vertretern der Politik und Verwaltung zum Ausdruck: „Ich will gar nicht viele Worte verlieren. Aber ich möchte sie einfach Willkommen heißen zu einem Wochenende, das ganz in Zeichen unserer Partnerschaft stehen soll und in der wir hoffentlich alle viel Zeit finden zu lachen und gemeinsam viele schöne Momente miteinander verleben.“ Die Offenheit auch denjenigen gegenüber, wie etwa dem Verfasser dieser Zeilen, der erstmals als Gast in Bex dabei sein durfte, die erstmals im Bergdorf in der französischen Schweiz waren, kennzeichnete auch diese drei partnerschaftlichen Tage. Denn wenn auch offi ziell, zum Glück auch angesichts der hochsommerlichen Temperaturen nur wenig offi zielle Worte fielen, wurde das fast schon zelebriert, was in Tuttlingen manchmal zu kurz kommt: das unkomplizierte Miteinander und das offene, herzliche Gespräch abseits von politischer Diskussion und geschäftlicher Vereinbarung. OB Michael Beck war einer aus der Tuttlingen-Abordnung, die es aussprachen, was Bex mit den Schwaben macht. „Natürlich bin ich hier immer auch der Oberbürgermeister aus Tuttlingen. Aber hier kann ich einfach auch der Mensch sein, der gerne Ski oder Rad fährt. Der Michael Beck, der gerne lacht und isst und auch mal einen Wein trinkt und dabei auftankt und Kraft schöpft.“

Es waren und sind die Menschen, die dieser Partnerschaft seit 60 Jahren immer noch Leben einhauchen und sie weiterführen. Auch wenn diese von der heutigen Schülergeneration anders gelebt wird als etwa von Albrecht Manz, der zur ersten Generation von Schülern gehörte, die 1959 das Abenteuer Bex begannen. „Es war damals eine andere Zeit und diese Reise in die französisch sprachige Schweiz nur 14 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, stand immer noch unter den Nachwirkungen dieser Gewaltepoche. Doch wurden wir sofort, auch wenn es sprachlich manchmal schwierig war, sofort in unseren Gastfamilien aufgenommen und wurden ein Teil der Familie. Mit allen Rechten und Pflichten. Nur mit ein paar mehr Hausaufgaben als die Schüler aus Bex. Denn wir bekamen telefonisch die Hausaufgaben mitgeteilt, die wir sonst auch in Tuttlingen hätten erledigen müssen und musste diese postalisch einmal in der Woche zurückschicken“, erinnert sich der Senior dieses Austausches inzwischen mit einem Lächeln an seine erste Begegnung.

Und so war es auch irgendwie selbstverständlich und passend, dass er mit einem selbstgemalten und selber gebastelten Schild die Tuttlinger Delegation beim großen Festumzug am Samstag anführte. Es war diese Spontaneität, dieses provisorisch, liebevolle, dass dieses Schild ausdrückte. Irgendwie hatte er es geschafft 60 Jahre Partnerschaft auf ein kleines, handgemaltes Schild und ein paar Wörter der Dankbarkeit zu reduzieren´. Und die Menschen aus Bex, die den Straßenrand säumten, zollten dieser Geste mit viel Applaus und dankbaren Ausrufen Respekt. Und, um doch noch ein paar Zahlen einfl ießen zu lassen. Für Bex liefen an diesem Morgen 40 verschiedene Gruppen mit 800 Teilnehmern im Umzug mit. 800 von 5000. Von denen wiederum viele am Straßenrand standen oder auf der Festwiese gerade das anschließende Musikfestival vorbereiteten.

Da war er wieder, dieser ganz besondere haltbare Kitt, der dieser Partnerschaft dieser zwei so unterschiedlichen Städte seit 60 Jahren Leben einhaucht und dies sicherlich, hoffentlich, noch weitere 60 Jahre schafft. Danke Bex, danke Tuttlingen.

Sven Krause

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