Erinnerungen: Juden in Bad Buchau

21. März 2019
Charlotte Mayenberger blättert in ihren Aufzeichnungen Foto: PR

Ende des 14. Jahrhunderts siedelten sich die ersten Juden in Buchau an. Als Händler und Unternehmer prägten sie die wirtschaftliche Entwicklung der Reichsstadt. Viele Arbeitsplätze entstanden, die Juden brachten sich in die Gesellschaft und in die Vereine ein. Im Dritten Reich endete diese Verbundenheit in einer Tragödie.

Bad Buchau – Die Juden kamen ab etwa 1382 nach Buchau. Sie erkannten die Möglichkeiten, durch Handel ihre Zukunft positiv zu gestalten. In der Reichsstadt waren sie willkommen, weil sie mit den Zahlungen von Aufnahme- und Schutzgeld die Stadtkasse aufbesserten. Dafür wurde ihnen eine freie Religionswahl zugesichert. „Die Juden siedelten sich zuerst am damaligen Rande der Stadt, in der heutige Judengasse an. Als Händler fuhren sie auf Märkte der Umgebung, waren Bindeglied nach außen und brachten von dort Informationen und Neuigkeiten mit“, berichtet Charlotte Mayenberger.

Geschätzte Arbeitgeber

Ende des 16. Jahrhunderts wird Buchau bereits als Jüdische Gemeinde benannt. Die Industrialisierung hielt ab 1830 Einzug in Bad Buchau. 1835 wurde von Samuel Neuburger eine Baumwollfabrik gegründet. „Noch bedeutender für die Entwicklung der Stadt wurde die Gründung einer Hemdenfabrik von Hermann Moos. Weitere Fabriken und Fertigungsstätten für Textilien entstanden. Die Unternehmer waren erfolgreiche Geschäftsleute und von ihren Mitarbeitern sehr geschätzt“, beschreibt Mayenberger diese stürmische Wirtschaftsentwicklung in der Federseestadt.

Die Firma Moos baute eine Trikotweberei mit Filialen in Weingarten und Schussenried auf. Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte Moos rund 200 Arbeitnehmer/innen und rund 400 Heimarbeiter/innen. Viele Familien in Buchau und im Federseegebiet konnten sich so ein Zubrot verdienen. Moos war der bedeutendste Arbeitgeber bis zum Dritten Reich. Auch Louis Einstein war mit seiner „Süddeutschen Trikotweberei“ sehr erfolgreich. Kein Wunder, dass in der Stadtkasse die Gewerbesteuer sprudelte. Im Dezember 1938 wurden die Juden in Deutschland aus dem Wirtschaftsleben verbannt.

Soziales Engagement

Mayenberger verweist auf ein weitsichtiges, soziales Engagement von Moos: „Er war seiner Zeit um fast ein Jahrhundert voraus. Er schuf eine werkseigene Kinderbetreuung und, für die damalige Zeit außergewöhnlich, richtete er auch ein Bad für die Mitarbeiter/innen ein.“ Die jüdischen Mitbürger engagierten sich in Vereinen, waren Sportkameraden und geschätzte Mitbürger. So sorgte beispielsweise Moos beim 1. Adelindis-Fest (1924) die Kinder mit Trikotagen.“ Der Bau des ersten Federseesteges im Jahre 1911 wurde nur durch die Großzügigkeit der Juden möglich. Sie schulterten fast zwei Drittel der Spenden.

Synagogen in Buchau

Eine erste Synagoge entstand 1730 in der Judengasse. 1839 wurde die deutlich größere Synagoge, am Eingang zur Hofgartenstraße, im Beisein von Wilhelm I., König von Württemberg, eingeweiht. Damals lebten in Buchau über 700 Juden, in Kappel nochmals fast 150. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge in Brand gesetzt. Der Brand wurde jedoch von der Feuerwehr, Juden und Christen gelöscht. „Das war nur möglich, weil die Integration der Juden in die Buchauer Gesellschaft so stark war. Die Buchauer sprangen den neuen ‚Herren‘ und ihren Ideen nicht blindlings hinterher“, erzählt Mayenberger. In der Nacht danach aber wurde von einem Kommando die Synagoge erneut angezündet, ein Löschen wurde von ihnen verhindert.

Im Dritten Reich lebten noch 270 Juden in Buchau. Sie wähnten sich relativ sicher, da sie stark in die Buchauer Gesellschaft integriert waren, manche Männer sogar im 1. Weltkrieg gedient hatten. Eine tragische Fehleinschätzung. Mit harter Hand ging der Ortsgruppenleiter Schüssler gegen die Juden vor. 106 Juden wanderten 1939 aus, 44 Juden starben während des Dritten Reiches (vier durch Suizid), 113 wurden in Konzentrationslager verbracht, nur vier kehrten zurück.

Maximilian Kohler

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