Der Klimawandel lässt grüßen! Auch die, die den Gruß nicht wahrnehmen wollen...

Der Klimawandel lässt grüßen! Auch die, die den Gruß nicht wahrnehmen wollen...
Roland Roth ist Oberschwabens Wetterexperte Nummer eins – das zeigt seine langjährige Erfahrung. Mit uns spricht er über den Klimawandel. Foto: PR
7. Oktober 2019

Die Diskussion um den Klimawandel wird derzeit auf allen Ebenen und mit bisher kaum gekannter Schärfe geführt. Wir baten Roland Roth, Oberschwabens Wetterexperte Nummer 1, um eine Bewertung.

Hat Sie der aktuelle Bericht des Welt-Klimarates erschrocken?

Überhaupt nicht. Ich beschäftige mich schließlich seit beinahe vier Jahrzehnten mit der Thematik und habe darüber mehr als 300 Vorträge gehalten. Doch geändert hat sich in all den Jahren nichts, ganz im Gegenteil. Wir haben uns vor zwanzig, dreißig Jahren weitaus klimafreundlicher verhalten als heute. Mich erinnert dies an einen riesigen Öltanker, der, um in den Hafen von Rotterdam sicher einfahren zu können, bereits weit draußen auf dem Meer die Maschinen auf Stopp stellen muss. Wir geben, trotz besseren Wissens, dagegen noch Vollgas und brettern rein.

Wurde die drohende Gefahr des Klimawandels nicht ernst genug genommen (von wem)?

Definitiv, denn die Problematik ist "kalter Kaffee" und den Politikern, aber auch uns Bürgern selbstverständlich schon längst bekannt. Hermann Flohn, ein bedeutender und weltweit anerkannter deutscher Meteorologe, hat in den 60er Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass der Mensch in das Klimagefüge eingreife und es verändere und die vom US-Präsidenten Jimmy Carter 1977 in Auftrag gegebene Umweltstudie 'Global 2000' hat dies nachdrücklich bestätigt. Bernd Schmidbauer (CDU) hat als Vorsitzender der Enquête-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" bereits vor dreißig Jahren den deutschen Politikern, wissenschaftlich untermauert, ins Stammbuch geschrieben, dass sie rechtzeitig Vorsorge zum Schutz des Klimas treffen sollten. Ich selbst referiere seit 1982 über den Klimawandel und bin selbst hin und wieder baff, wie rasch dieser vonstattengeht. So hätte ich es damals nicht für möglich gehalten, dass der Nordpol noch in meiner Lebenszeit nach Millionen von Jahren eisfrei sein werde. Und auch Temperaturen von über 42 Grad in Deutschland, wie in diesem Sommer, waren für mich kaum vorstellbar, vom "Jahrhundertsommer 2003" ganz zu schweigen. Nur nebenbei, ich habe schon anfangs der 80er Jahre, auch angesichts der Katastrophe in der Sahelzone, von Klimaflüchtlingen gesprochen. Der Klimawandel lässt grüßen, auch die, welche den Gruß nicht wahrnehmen wollen.

Auf welche Wetter-/Klimaveränderungen müssen wir uns wohl einstellen?

Die Wetterextreme werden weiter zunehmen. Seit 1968, dem Beginn der Aufzeichnungen der Wetterwarte Süd, ist die Temperatur im Jahresmittel um rund eineinhalb Grad gestiegen. Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, wodurch das Niederschlagspotenzial der Schauer und Gewitter größer ist. Die Luftmassen sind, vereinfacht gesagt, energiegeladener. Das ist ungefähr so, wie wenn man von einem VW-Käfer oder Trabi auf einen Ferrari oder Porsche umsteigt und Gas gibt. Da ist einfach mehr Power dahinter. Das heißt aber auch, dass wir trotz der allgemeinen Erwärmung  weiterhin, ja sogar verstärkt mit Spätfrösten rechnen müssen. So, wie es auch künftig durchaus noch eisige Kälteperioden und Schnee geben wird, allerdings nicht mehr so zuverlässig, wie dies  früher der Fall war. Lang anhaltende Trockenzeiten gehören zum Klimawandel genauso wie ausgeprägte Regenphasen und Starkniederschläge mit Überflutungen. Global gesehen kommt es zur Verschiebung ganzer Klimazonen, der Meeresspiegel wird weiter ansteigen und die Wüstenbildung voranschreiten.

Welche Auswirkungen und Gefahren sind für Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion zu erwarten?

Einzelne Tier- und Pflanzenarten werden aussterben, andere hinzukommen, wie die asiatische Tigermücke oder die Hyalomma-Zecke, die vier bis fünfmal so groß ist wie die europäische Zecke, der Holzbock, und aktiv "jagt". Die Fichte, der "Brotbaum" vieler Waldbesitzer, wird wärme- und trockenresistenteren Baumarten weichen. Die Landwirtschaft kann sich nur schwer auf die sich ändernden klimatischen Verhältnisse einstellen, da es vermehrt längere Perioden mit zu viel geringen, aber auch immer wieder mal mit zu großen Niederschlagsmengen geben wird. Auch der Schädlingsbefall nach zu milden Wintern und aufgrund feucht-warmer Witterung ist ein Thema. Andererseits wird die Vegetationszeit länger, damit aber die Gefahr von Spätfrostschäden im Frühjahr größer.

Was muss getan werden, um die Gefahren (so weit es noch geht) zu begrenzen?

Eine umfassende Änderung der Verkehrspolitik. Zwar ist jeder einzelne von uns gefordert seine Mobilität zu überdenken oder gar in Frage zu stellen, doch die Politik muss die Rahmenbedingungen für eine umfassende Verkehrswende schaffen. Davon sind wir allerdings noch meilenweit entfernt. Nur ein Bespiel. Ich hatte im Sommer an meinem Rad einen Defekt, der nicht repariert werden konnte. Um den letzten Zug von Friedrichshafen nach Bad Schussenried zu erreichen, war ich auf die Mitnahme im Bus angewiesen. Drei, beinahe leere Busse mit großem Platzangebot hielten, doch von den Busfahrern wurde ich mit Verweis auf Rechtsvorschriften und zum Teil auch unverschämt "Das ist Ihr Problem" abgewiesen. Rote Karte für die Stadtverkehr Friedrichshafen GmbH! Städte rufen den Klimanotstand aus und schaffen es in der ganz praktischen Umsetzung noch nicht einmal derart selbstverständliche Dinge auf die Reihe zu bekommen. Wir müssen weg von der wirtschaftlichen Ausrichtung der Bahn und mit ihr des gesamtes ÖPNVs. Wenn man bedenkt, was der Ausbau und der Erhalt des gesamten Straßennetzes in Deutschland kosten, dann sind die finanziellen Mittel für den ÖPNV Peanuts. Diesbezüglich, vor allem jedoch was die Bahn anbelangt, könnte man sich von der Schweiz und Österreich einiges abschauen. Diese beiden Länder stecken pro Kopf das Fünffache in den Erhalt und Ausbau ihres Schienennetzes. Außerdem werden in Deutschland für den Radverkehr gerade einmal 2,5 Promille dessen ausgegeben, was in dieser autoaffinen Republik in den Straßenverkehr gesteckt wird.

Die größte Energiesparmaßnahme sind allerdings wir selbst. Mehr denn je wird gedankenlos Auto gefahren, Müll produziert, werden Einweggüter und Billigprodukte hergestellt und Lebensmittel um den gesamten Planeten gekarrt. Es wird geflogen, was das Zeug hält, und sei es nur zum Shopping oder Kaffeetrinken nach Mailand, London oder Paris. Die Werbeslogans von Media Markt bringen die Gesinnung, die Einstellung vieler Menschen dieser Gesellschaft auf den Punkt: "Geiz ist geil" und "Hauptsache ihr habt Spaß". Für nicht wenige Menschen steht diese Lebenshaltung. Gedankenloser Kommerz bis zum geht nicht mehr und grenzenloser Wachstumswahn, anstatt effiziente Nachhaltigkeit. Etwas mehr weg vom ökologischen Denken hin zum ökologischen Handeln ist dringend erforderlich. Wenn überkandidelte Eltern ihre Sprösslinge morgens in der Früh selbst bei schönstem Wetter mit dem allradgetriebenen Geländewagen bis vor die Eingangstür der Schule fahren und nachmittags ihre süßen Kleinen wieder abholen, gleichzeitig aber mehr Sportunterricht und die Vermittlung von Sozialkompetenzen an Schulen einfordern und das Auto als Statussymbol nicht selten zur Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls dient, dann ist es um den Klimaschutz schlecht bestellt.

Eine Tonne CO2 soll laut Klimapaket anfangs 10 Euro kosten. Ist dies ein ausreichender Betrag? (Eine Maß Bier kostet auf dem Wasen/Oktoberfest über 11 Euro)

Gute Frage, nächste Frage! Über was reden wir eigentlich, wenn Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer beinahe zeitgleich aufgrund von "Platzproblemen" in die USA fliegen und deutsche Regierungsflieger im vergangenen Jahr 800 Leerflüge zwischen Köln und Berlin absolviert haben.

Wenn Sie entscheiden dürften, was würden Sie für den Klima-Schutz sofort anordnen?

Weiterer Ausbau der regenerativen Energien, aber hin zu dezentralen Strukturen und damit auch hin zu mehr Selbstbestimmung. Ein sofortiges, generelles Tempo-Limit und Einführung einer Kerosinsteuer. Ausbau des ÖPNVs, gerade im ländlichen Raum. Modernisierung und Revitalisierung der Bahn, Halbstundentakt auch auf Nebenstrecken. Wiederinbetriebnahme stillgelegter Strecken wie beispielsweise Mengen-Stockach, Krauchenwies-Sigmaringen, Bad Wurzach-Rossberg und Altshausen-Pfullendorf. Umfassender Ausbau des Radwegenetzes mit Fachleuten in den Planungsgremien. Dann würden derart gravierende Mängel und Fehler beim Bau von Radwegen, wie man sie landauf, landab sieht, nicht passieren. Abbau rechtlicher Vorschriften, welche klimafreundliches Handeln verhindern oder beschränken. Steuererleichterung für regionale Waren und höhere Steuern für Überseeprodukte.

Wie denken Sie über Greta Thunberg? Haben sie und ihre Bewegung etwas bewirkt?

Ja klar, wenn Markus Söder über Nacht zum Klimaaktivisten mutiert und die Politiker allerorten, quer durch sämtliche Parteien, die AFD mal ausgenommen, alltäglich, allmedial hektische Betriebsamkeit zeigen, zumindest verbal, dann hat sie was bewegt. Aber man darf die Jugend nicht aus der Verantwortung nehmen, denn sie trägt mit ihrem Konsumverhalten und ihrer Lebensweise nicht unerheblich zum Klimawandel bei. Auch so etwas gilt es deutlich und klar anzusprechen, ohne populistische Anbiederung. Doch das Thema scheint in den Köpfen der Menschen angekommen zu sein, vor allem auch dank der "Fridays for Future"-Bewegung.

Maximilian Kohler 

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