Fast 100 und kein bisschen müde - Pfarrer Kuchelmeister predigt auch mit 99 Jahren noch jede Woche in Kappel

16. Mai 2019
Pfarrer Kuchelmeister inmitten einer Schar von Kindern am Palmsonntag. Foto: privat

Die Liebe zu seiner alten Gemeinde zieht den Seelsorger auch im 100. Lebensjahr noch immer in die katholische Kirche von Kappel. Hier hält Rudolf Kuchelmeister jede Woche einen Gottesdienst.   Sein Leben ist geprägt von der Liebe zu Gott und dem Dienst am Nächsten. Neben dem Bergsteigen war das Skifahren seine große Leidenschaft. Vielleicht kommt sein unermüdlicher Elan aber auch daher, dass er mit 90 Jahren noch die Lust am Trampolinspringen und am Bouldern entdeckt hat.

Horgenzell – Der Ruhestand ist für viele Menschen das Ziel, nachdem sie sich lange sehnen. Mit fast 100 Jahren zieht es einen wohl eher in den Schaukelstuhl, als auf die Kanzel. Anders bei Gottesmann Rudolf Kuchelmeister. Fast sein halbes Leben lang verbrachte er in den Gemeinden Wilhelmskirch, Kappel und Winterbach und gehörte über 40 Jahre zu den Blutreitern.  Für viele war er weit mehr als ‘nur‘ ein Seelsorger: Er ist eine Legende. War seiner Zeit immer weit voraus. Und irgendwie „echt cool“. 

Toleranz wurde bei ihm groß geschrieben und besonders die Ministranten liebten seine Unkompliziertheit. Noch viele erinnern sich an die Prozessionen mit ihm. Wenn die Zeit eng wurde und man von A nach B sollte, machte Pfarrer Kuchelmeister nicht viel Federlesen. Er öffnete den Kofferraum seines Autos, lud alle Ministranten ein und fuhr mit offenem Deckel los. Heute undenkbar, früher ein Spaß für alle.

Turbomäßig unterwegs 

Ein Highlight waren die organisierten Wallfahrten nach Lourdes mit Rudolf Kuchelmeister. Viel wichtiger als ein Rosenkranz im Gepäck waren für die Mitreisenden Sportschuhe und ein Stadtplan. Nicht selten kam es vor, dass der taffe Pfarrer ein paar seiner Schäfchen verlor. Sein Tempo war einfach turbomäßig. 

Die Leidenschaft zu den Bergen teilte Kuchelmeister in seiner knapp bemessenen Freizeit gerne mit einigen Sportlichen aus der Gemeinde. Wer allerdings mit ihm mithalten wollte, musste sich warm anziehen. Er fegte die Pisten runter und bracht selbst die jungen Burschen zum Staunen. Bei Bergwanderungen war er immer der Erste am Gipfel, egal wie hoch es hinauf ging – und das alles, obwohl er nicht schwindelfrei ist. Auf die Frage, wie das überhaupt möglich war, kommt ein klares „pures Gottvertrauen“. 

Nicht selten kam es vor, dass der umtriebige Pfarrer bis zu zehn Paare im Monat trauen musste.  Das bedeutete natürlich auch für einen Seelsorger Stress. Aber Kuchelmeister nahm das locker. Es gab drei Predigten für Trauungen und basta. Welche dran kam, war für die Hochzeitspaare wie ein Roulettespiel. 

So umtriebig wie der Pfarrer durch das Leben sprintete, so stramm war auch sein Arbeitspensum. Viele Gottesdienste in vielen Orten standen auf seinem Programm. Kuchelmeister nahm das sportlich und gab in den einzelnen Predigten einfach Gas. Dadurch kam es schon mal vor, dass der Pfarrer ein Lied anstimmte und die Gläubigen noch im Gesangbuch nach der vorgegebenen Liedseite suchten. 

Offen für neue Ideen

Eine tiefe Dankbarkeit verband den Seelsorger mit seiner Haushälterin Josefine. Sie versorgte ihn weit über 30 Jahre. Als sie an Parkinson erkrankte, pflegte Kuchelmeister seine treue Seele aufopferungsvoll über zehn Jahre lang zwischen seinen vielen Verpflichtungen.

Dass der Pfarrer stets für Neues offen war und für alle Probleme ein offenes Ohr hatte, kam sicherlich auch daher, dass er mit 15 Geschwistern aufwuchs. Geboren wurde Kuchelmeister am 12. April 1920 in der Blochinger Mühle. Auf die Frage, warum er Pfarrer wurde, antwortet er mit einem Lächeln: „Meine Mutter und Schwester Rosa wollten es so“. Bereut hat er es bis heute keinen Tag.

Am 6. Mai 1957 kam er als Pfarrer nach Wilhelmskirch und war für fünf Pfarreien zuständig. Im Jahr 2000 feierte Kuchelmeister sein 50-jähriges Priesterjubiläum, seinen 80. Geburtstag und obendrauf kam die Ernennung zum Ehrenbürger der Gemeinde Horgenzell. 

Mit 75 Jahren sollte er wählen: entweder die verdiente Pensionierung oder zehn Pfarreien versorgen – gemeinsam mit einem Gemeindereferenten. Rudolf wählte die „vergrößerte Aufgabe“ und lies sich erst mit 79 Jahren pensionieren. Dass er auch im Ruhestand nebenher seelsorgerische Aufgaben erfüllte, liegt auf der Hand. Besonders das Kloster Kellenried  am Rande des Schussentals hatte es ihm immer angetan. Hier las er noch lange Zeit wöchentlich die heilige Messe. 

Dem Alten treu bleiben

Im Jahr 2001 kam dann der räumliche Abschied. Kuchelmeister zog nach Blochingen zu der Familie seines Neffen und ist steither „Pfarrer im Unruhestand“. Ein Leben ohne die Gemeinde Horgenzell kann er sich nicht vorstellen. Darum bringt er bis zum heutigen Tag jede Woche den Kranken seiner früheren Pfarrei die Krankenkommunion und hält in Kappel einen Gottesdienst. Das Ganze funktoniert natürlich nur, weil der Neffe mit Frau und Freund sich jede Woche die Zeit nehmen und mit dem Unruheständler zur Messe in die alte Heimat fahren. 

Neben dem Gottesdienst wird dann auch immer regional eingekauft, denn nur so ist die Welt für Kuchelmeister in Ordnung: Marmorkuchen,  Seelen,  Brezeln, Obst und Gemüse stehen auf dem Einkaufszettel – und natürlich die selbstgemachte  Wurst vom Kletterkamerad aus Wilhelmskirch: „Eine andere schmeckt mir nicht“, so der Gourmet. Auch ein Pfarrer hat halt so seine „Mödele“.

Daniela Leberer

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