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26. April 2018
Krankheiten wie Kinderlähmung (medizinisch Polio) oder Masern kommen durch das Impfen in Deutschland so gut wie nicht mehr vor FOTO: T. ARHELGER

Diese Woche findet die von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufene Europäische Impfwoche statt. Im Gespräch erklärt uns Dr. Michael Föll, Leiter des Gesundheitsamtes, wie wirksam das Impfen als Gesundheitsmaßnahme ist und wieso es so wichtig ist, dass sich so viele wie möglich schützen.

REGION – „Fragen Sie doch mal Ihre Großmutter nach der Eisernen Lunge“, meint der studierte Epidemiologe Föll. „Noch in den 50er und 60er-Jahren standen Turnhallen mit denen voll. In Deutschland war dieses Bild Gang und Gäbe.“

Die „Eiserne Lunge“ war das erste klinische Gerät, mit dem die maschinelle Beatmung eines Menschen möglich war. Sie wurde bei Patienten mit Kinderlähmung eingesetzt, die aufgrund einer Muskellähmung nicht mehr selbständig atmen konnten. „Solche Bilder sind aus unserer Wahrnehmung komplett verschwunden“, erklärt Michael Föll – und wieso? „Weil es bei uns kein Kind mehr mit einer Kinderlähmung gibt.“

Die Kinderlähmung ist nur ein Beispiel für den Erfolg und die Wirksamkeit des Impfens, dazu gehören zum Beispiel auch die Masern. Krankheiten, an denen früher noch viele Menschen gestorben sind, gibt es heute fast nicht mehr. „Die Todesfälle sind in diesem Bereich um 98 bis 100 Prozent zurückgegangen“, erklärt der Leiter des Gesundheitsamtes.

Dabei kann diese Erfolgsquote nur bestehen bleiben, „solange wir uns auch impfen.“

„In der Regel müssen sich mehr als 95 Prozent der Gesamtbevölkerung gegen eine Krankheit impfen, damit sie auch ausgerottet werden kann“, so Dr. Michael Föll. „Denn nur wenige Prozent reichen schon aus, um sie fortzuführen.“

Dr. Föll spricht in diesem Zusammenhang von einem altruistischen Beitrag, den der Einzelne für das Große und Ganze – für die Gesellschaft – leisten kann. Außerdem würden gerade auch nicht geimpfte oder gefährdete Personengruppen geschützt, wie zum Beispiel Säuglinge oder Chemotherapie- Patienten.

Angst versus Wahrheit

Michael Föll kann die Sorge von Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, zwar nachvollziehen – er hat selbst vier. Doch schätzt er das Impfrisiko als minimal ein: Die Wahrscheinlichkeit eines Impfschadens liege bei rund 1:999 999 Fällen. „Ja, es gibt Einzelfälle“, sagt er. „Doch sollen wir uns von einem diffusen Angstgefühl oder von der Wahrheit leiten lassen?“ Die Menschen sollten deshalb eine rationale Entscheidung als informierte Bürger treffen.

Letztlich sei das Impfen ein „Opfer seines eigenen Erfolgs“: Da viele Krankheiten gerade durch die Maßnahmen nicht mehr auftreten und dadurch nicht mehr sichtbar sind, entziehen sie sich auch unserer Wahrnehmung. Michael Föll meint: „Als Elternteil kann ich ja nicht fühlen, wie es ist, wenn mein Kind an Masern gestorben wäre.“

Empfehlungen fürs Impfen gibt die ständige Impfkommission des Robert Koch-Instituts ab. Auf der Homepage (www.rki.de) kann ein Impfkalender abgerufen werden, der ein Standard- Impfschema auflistet. Die Kosten für diese Schutzmaßnahmen werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen.

An dieser Stelle kann auch noch mit einer „gefühlten Wahrheit“ aufgeräumt werden: Im Zuge der Flüchtlingswelle ging in der deutschen Bevölkerung die Sorge um, die Gefl üchteten würden bereits durchs Impfen ausgerottete Krankheiten einschleppen. „Das ist durch Fakten nicht belegbar“, erklärt Dr. Michael Föll. „Im Durchschnitt sind die Flüchtlinge besser geimpft als die deutsche Wohnbevölkerung, gerade Menschen aus Syrien.“

S. Wölke

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