Brunshose und Gesangbuch waren wichtig

6. Juni 2019
Christa Hardtmann mit einer Brunshose für die wohlhabende Frau. Durch die praktische Öffnung konnte man im Stehen Pipi machen. Frauen trugen im Allgemeinen erst ab dem frühen 19. Jahrhundert Unterhosen. Foto: Daniela Leberer

Immer sonn- und feiertags um 14 Uhr gibt es im Bauernhaus-Museum wechselnde Themenführungen. Das WOCHENBLATT begab sich auf Spurensuche und entdeckte Spannendes aus dem Leben der Frauen von früher.

Wolfegg –Mit einem herzlichen „Verstehen Sie auch alle schwäbisch?“ begrüßte Museumsführerin Christa Hardtmann in der Zehntscheuer die Besucher zu der Führung „Kuhstall, Kinder, Küche, Kirche“. Die erste Station war das Haus Andrinet. Hier wurde Pauline, das ledige Kind einer Magd, geboren.

Sie schlug sich wie viele als Tagelöhnerin durch. Allesamt waren sie die Verliererinnen ihrer Zeit und standen noch unter einer Magd. Tagelöhner schufteten auf Höfen einen ganzen Tag lang oft nur für einen Leib Brot. Wenn der Bauer keine Lust hatte, sich an die Vereinbarung zu halten, gingen sie leer aus. Eine Magd hingegen hatte zwar ihr Auskommen, aber der Bauer durfte sein Gesinde nach der damaligen Gesindeordnung züchtigen und kontrollieren.

An eine Heirat war für den niedrigen Stand nicht zu denken. Keine Schwiegermutter mit Hof hätte eine Frau ohne Aussteuer gelitten. Fast noch wichtiger in Oberschwaben und im Allgäu war das „richtige Gesangbuch“ und das musste katholisch sein. Eine Wüstgläubige (evangelische Frau) wäre nie und nimmer geduldet worden. Dieser Ausdruck kommt daher, dass die damalige evangelische Bevölkerung sich immer in schlichtem Schwarz kleidete und die Katholischen mehr Wert auf bestickte und bessere Kleidung legten. Das „wüst“ wurde auf die Kleidung bezogen und mit dem Glauben vermischt.

Zur Aussteuer gehörten mindestens ein Dutzend selbstgefertigter Leinentücher, verschiedene Wachsbildstöckle, Kerzenständer, Gesangbuch, Wäsche... Die Leinentücher mussten zuvor von den Mädchen mühevoll hergestellt werden. Im Allgäu war Flachsanbau bis vor 200 Jahren weit verbreitet. Viele Höfe bauten Flachs zur Selbstversorgung und als Zubrot an. Von der Pfl anze bis zum Faden – alles wurde selbst gemacht.

„Ich hab eine aufgegabelt“

Was heute ein lustiger Tupperabend ist, war damals die Einladung zum gemeinsamen Spinnen – nur mit viel Arbeit. Die Mädels kamen zusammen und natürlich schauten auch die Burschen vorbei. Die Bäuerin war in der Habachtstellung und man setzte die Oma dazu. Der schenkten die Jungs Most ein und mit viel Glück schlief die Aufpasserin am Kachelofen ein. Jetzt konnten sie gruselige Geschichte erzählen, manches Mädel bekam dabei Angst und musste natürlich heimbegleitet werden... Schenkte ein Bursch‘ seiner Angebeteten eine selbstgeschnitzte Spinngabel und stoß dabei auf Interesse, war eine Hochzeit denkbar. Daher auch der bis heute verwendete Ausdruck „Ich hab mir eine aufgegabelt“. Zuvor gingen Töchter aus besseren Häusern aber noch für ein Jahr auf die Klosterschule. Beliebt war hier St. Antonius in Friedrichshafen.

In fast jedem Haus wurde in die Dachrinne eine Hauswurz gepfl anzt. Sie schützte vor Hexen und Blitzschlag. Beim Teig kneten für das Brot galt eine einfache Regel: Zwei Vaterunser beten und der Teig ist fertig.

Im 18. und 19. Jahrhundert war es keine Seltenheit, dass eine Frau in 26 Jahren 18 Kinder auf die Welt brachte. Die Nachgeburt wurde in der Nähe vom Haus oder unter einem Rosenbsuch vergraben. Viele Frauen starben auch im Kindbett. Zur Erinnerung schnitt man der Mutter Haare ab. Daraus wurden Haar- und Gedenkbilder für die zurückbleibenden Kinder erstellt. In den Haaren steckte dem Glauben nach Kraft. Zwei Drittel der Kinder wurden nicht mal sechs Jahre alt. Gab es in einem Haus viele Töchter, zählten die Mutter und die neugierigen Nachbarinnen alle vier Wochen mit Argusaugen die ausgekochten Monatsbinden auf der Leine nach.

Viehhändler war wichtig

Hatte ein Mädchen ihre Periode, durfte sie nicht beim Einkochen, Wursten und Schlachten helfen. Streng verboten war auch der Blick durch ein Fernrohr – das wäre blind geworden.

Ein verlässlicher Heiratsvermittler war der Viehhändler. Er kam viel herum und sah vorallem den Tierbestand. Dieses Wissen lockte junge Burschen zum Einheiraten an. Der älteste Sohn bekam den Hof, die anderen, wenn sie schlau waren, wurden Pfarrer, Lehrer oder mussten nach einer Frau mit „Sach“ Ausschau halten. Bei den Mädels gingen auch viele ins Kloster. Auch hier war eine Aussteuer Pfl icht. Mehr interessante Geschichten gibt es bei den Führungen in Wolfegg.

Daniela Leberer

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