Bischof Gebhard Fürst gibt Interview

16. April 2019

RAVENSBURG – Bischof Gebhard Fürst hatte beim Besuch in Ravensburg noch einmal sein klares Nein zur „Ravensburger Erklärung“ bestätigt. In der hatten sich katholische und evangelische Christen gegenseitig zum Abendmahl und zur Eucharistiefeier eingeladen. Das WOCHENBLATT hat nochmal nachgefragt. Das ausführliche Interview finden Sie hier. 

Für Sie ist es ein ‚Herzenswunsch‘, dass evangelische Christen anders mit dem Leib und Blut Christi umgehen. Der Umgang sei für Sie ‚schwer verständlich‘. Ein ‚ehrfurchtsvollerer Umgang‘ mit den Gaben wäre ein Schritt zu einer möglichen gemeinsamen Teilnahme an Abendmahl und Eucharistie. Das sind die Schritte, die die evangelischen Christen gehen könnten. Inwiefern könnte sich die katholische Kirche auf die Evangelischen zubewegen? Wie sähe dieses Entgegenkommen aus? Wie weit könnte dieses gehen?

Bischof Fürst: Meine Intention, mit der ich nach Ravensburg gekommen bin, war es zuallererst, - wie ich im Schwörsaal gesagt habe – zu zeigen, dass mir die Öku-mene selbst ein Herzensanliegen ist und dass ich dieses Anliegen mit allen, die ein Interesse an einer lebendigen Ökumene haben, von Herzen teile. Sodann bin ich eingeladen worden, um mich zu erklären, warum ich beim augenblicklichen Stand der Ökumenischen Beziehungen dem letzten Satz der Ravensburger Erklärung nicht zustimmen kann, sich gegenseitig zu Kommunion und Abendmahl einzuladen. Ich habe diese meine Überzeugung mit dem Glaubensbekenntnis vieler großer Glaubenszeugen bis hin zu Martin Luther dargelegt. In diesen Bekenntnissen spiegelt sich die Glaubensüberzeugung der Kirche im Verständnis der Eucharistie bzw. des Abendmahls bis zur Reformation wider. Dass manche, diese meine Worte als bloße Ideologie der Macht abgetan habe, bedaure ich sehr. Wir sollten uns doch gegenseitig Rechenschaft geben über das, was wir tun und warum wir das so tun.

Theologisches Nachdenken ist kein abstruses Gelehrten-Gezänk, sondern das Ringen um das rechte Verständnis dessen, was uns Jesus im Abendmahlsaal zu tun aufgetragen hat. Im theologischen Nachdenken ringen wir um den Sinn dessen, was wir in Verantwortung tun oder lassen wollen und sollen.

Nicht in meinem Vortrag, sondern ganz am Ende des Gesprächs am Abend habe ich gesagt, dass ich noch einen Wunsch äußeren möchte. Nämlich den, dass mit den eucharistischen Gaben von Brot und Wein, von Leib und Blut Christi, nach dem Empfang ehrfurchtsvoller umzugehen. Ich habe damit keinen anderen Wunsch geäußert, als das zu tun, was im Gottesdienstbuch für die Evangelische Landeskirche Württemberg unter dem Abschnitt ‚Der Umgang mit den übrig gebliebenen Abendmahlsgaben‘ steht: ‚Christus ist unter Brot und Wein im Mahl gegenwärtig, ‚real präsent‘. Das hat Auswirkungen auf den angemessenen Umgang mit den übrig gebliebenen Gaben nach dem Mahl: Alle bereiteten Gaben sollen verzehrt werden. Übrig gebliebenes Brot kann nach altem Brauch unmittelbar nach dem Gottesdienst kranken Gemeindemitgliedern gebracht werden. Auf diese Weise werden die Besuchten in die Feier der Gemeinde einbezogen.‘ (Anmerkung der Redaktion: Die Quelle ist das Gottesdienstbuch für die Evangelische Landeskirche Württemberg. Erster Teil. Predigtgottesdienst und Abendmahlsgottesdienst. Ausgabe 2004, S. 384). Ist es unökumenisch zu wünschen, dass das, was im Gottesdienstbuch für die evangelische Landeskirche Württemberg benannt wird, auch getan werden möge?

 

Sind in diesem Zusammenhang ein gemeinsames Abendmahl und eine gemeinsame Eucharistie von der katholischen Kirche überhaupt gewünscht, beziehungsweise werden sie angestrebt?

Bischof Fürst: Mit der Möglichkeit, dass in konfessionsverbindenen Ehen, der evangelische Partner zur Teilnahme am Empfang der Kommunion eingeladen ist, haben wir in der Bischofskonferenz einen wichtigen Schritt nach vorne getan. Seit vergangenem Sommer gibt es in der Diözese Rottenburg-Stuttgart für evangelische Ehepartner in konfessionsverbindenden Ehen nach Gespräch mit einem Pfarrer und aufgrund der eigenen Gewissensentscheidung die Möglichkeit, an der katholischen Kommunion teilzunehmen. Das ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, die sich viele wünschen. Vielen geht das sicher noch nicht weit genug, aber es ist ja auch noch nicht das Ziel. Aber mit der Möglichkeit, dass in konfessionsverbindenen Ehen, der evangelische Partner mit zur Teilnahme am Empfang der Kommunion eingeladen ist, haben wir in Deutschland einen wichtigen Schritt getan.

 

Wie sieht Ihre Position zur ökumenischen Gastfreundschaft aus? Wo fängt für Sie Ökumene an und wo sind ihre Grenzen?

Bischof Fürst: Das Leben der Ökumene kann nicht allein auf gegenseitige offene Einladung zu Abendmahl und Eucharistie bezogen, begrenzt, eingeschränkt wer-den. Im Übrigen gilt: Vom Empfang der Kommunion in der katholischen Kirche darf niemand zurückgewiesen werden.

Mit all den Sätzen der Ravensburger Erklärung, in denen es um die Bereitschaft und Aufforderung geht, miteinander ökumenisch zu glauben, zu beten, zu leben und zu handeln, kann und möchte ich mich gerne und ganz identifizieren. Ich will die gute ökumenische Atmosphäre in Ravensburg befördern und da gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten eines guten Miteinanders. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen macht in ihrem Faltblatt, das ich am Abend zur Ravensburger Erklärung in hoher Zahl mitgebracht und zum Verteilen ausgelegt habe, eine Fülle von Vorschlägen gemeinsamen ökumenischen Feierns und Handelns.

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland – kurz ACK - steht für eine Fülle von Anregungen für gemeinsames ökumenisches Wirken. Kurz zusammengefasst sind die Ziele: Einander informieren, einander einladen, begegnen und kennenlernen. - Miteinander beten und Gottesdienst feiern. - Gemeinsame Gebete und Wortgottesdienste regelmäßig anbieten. Anlässe im Kirchenjahr miteinander feiern. Ökumenische Gottesdienste auch aus anderen Anlässen feiern. Wir wollen und sollen im ökumenischem Geist zusammenarbeiten. Die gemeinsame Beschäftigung mit der Bibel ist neben den ökumenischen Gottes-diensten eine zentrale ökumenische Aufgabe. In gemeinsamen Veranstaltungen können Grundthemen des Glaubens und des christlichen Lebens angesprochen werden. Die Bildungswerke der Kirchen sollen im ökumenischen Geist zusammenarbeiten. Es soll informiert werden über den ökumenischen Dialog und auch das Studium wichtiger ökumenischer Dialogergebnisse. Als wichtig soll erkannt werden, dass in der Situation der zunehmenden Säkularisierung und Entkirchlichung die ökumenische Zusammenarbeit in der Evangelisierung besonders notwendig ist. Als gemeinsame Aufgaben sollen die Zusammenarbeit der christlichen Gemeinden bei der Beziehung zu jüdischen Gemeinden realisiert werden. Und der Dialog mit anderen Religionen als gemeinsame Aufgabe der Kirchen begriffen werden. Die in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenfassten Kirchen wollen gemeinsame Verantwortung wahrnehmen für die Welt.

Wichtig ist mir, darauf hinzuweisen, dass die Ökumenische Bewegung größer und umfassender ist, als allgemein bekannt. Sie ist größer als die Ökumene zwischen Katholiken und Evangelischen. Zur ACK gehören auch die orthodoxen Kirchen. Auch für sie gilt: Vom Trennen zum Teilen zu gelangen, indem wir aufeinander zu-gehen. Auch für sie gilt: Zeichen zu setzen für Frieden und Versöhnung, indem wir Türen öffnen. Auch für sie gilt: sich an einen Tisch zu setzen und Grenzen zu überwinden. Bei ökumenischen Bemühungen dürfen und wollen wir die anderen ACK-Kirchen nicht außen vorlassen.

Gemeinsam können wir ein besseres Zeugnis unseres christlichen Glaubens geben, als getrennt voneinander.

 

Sehen Sie für Ravensburg die Möglichkeit eines Sonderweges? Beide Konfessionen teilen den christlichen Glauben schon eng miteinander zum Beispiel in gemeinsamen Arbeitskreisen. Und gerade auch in Bezug zur Geschichte von Ravensburg hatte die Stadt eine besondere Position, zum Beispiel diente die Stadtkirche in der ehemals paritätischen freien Reichsstadt als Gotteshaus für Katholiken und Protestanten.

Bischof Fürst: Die katholischen und evangelischen Christen in Ravensburg haben mit dem Ravensburger Konzil von 2013 mit dem Titel ‚Kirche hört zu!‘ einen guten, engagierten, ökumenischen Weg begonnen. Dieser Weg sollte fortgesetzt und vertieft werden im Geist und in der Tat christlicher Nächstenliebe. Beispielsweise mit bezüglich der oben angeführten vielfältigen Vorschläge des Arbeitskreises christlichen Kirchen.

 

Wo könnte die Ökumene in zehn Jahren stehen? In welchen Bereichen könnten sich Katholiken und Evangelische weiter annähern, unabhängig vom gemeinsamen Abendmahl und der Eucharistie?

Bischof Fürst: Christen müssen in dieser Zeit großer Umbrüche in unserer Gesellschaft und angesichts weltweiter Herausforderungen von bisher so nicht gegebenen Dramatik miteinander und den Menschen insgesamt Zeugnis geben von der Hoffnung, die in uns lebt. Aus dem Bild vom Menschen, das Christen gemeinsam haben, müssen wir gemeinsam handeln.

Die 2001 in der sogenannten Charta Oekumenica gemeinsam unterzeichneten Selbstverpflichtungen zum ökumenischen Denken und Handeln haben ihre Dringlichkeit nicht verloren. Dort heißt es zum Beispiel: ‚Wir verpflichten uns in der Kraft des Heiligen Geistes auf die sichtbare Einheit der Kirche Jesu Christi in dem einen Glauben hinzuwirken, die ihren Ausdruck in der gegenseitig anerkannten Taufe und in der eucharistischen Gemeinschaft findet sowie im gemeinsamen Zeugnis und Dienst.‘ In vielen Bereichen des ökumenisch gelebten Alltags wird diese Selbstverpflichtung heute bereits eingelöst. Und dennoch wollten wir uns in diesem Sinne weiter bemühen: Es sind insbesondere die Orte und Taten an das gemeinsame Anliegen, diakonisch Kirche zu sein, sichtbar wird: an denen Menschen in ihrer Not einander begegnen, die uns zu einem gemeinsamen christlichen Handeln herausfordern: in den Altenheimen und Hospizen, in der Telefonseelorge, in den Gefängnissen, an den Bahnhöfen und Flughäfen, in der Trauerpastoral und im Einsatz für Frieden und Klimagerechtigkeit.

Die Ökumene wird in besondere Weise dort leben, wo die Lebendige Beziehung zu unserer gemeinsamen Mitte deutlich ist und bleibt: Bekenntnis zu Jesus Christus-Dies kann nur gelingen, wenn wir immer wieder gemeinsam Beten in Gebetskreisen und in öffentlichen ökumenischen Gottesdiensten unseren Glauben feiern.

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