Wie ein Sechser im Lotto
Empfehlung

12. September 2018
Erwin Kaeß heute: Auch mit 74 Jahren denkt er nicht an Ruhestand. Seine Leidenschaft für Sportwagen lebt er nach wie vor gerne aus FOTO: PR/BLAES

Erwin Kaeß war Chef der legendären Disco Zungenkuss

Jeder kennt es: Das „ZK“, „Zirkuss“ oder auch „Zungenkuss“. Friedrichshafens bekannteste Disco ist zwar mittlerweile Geschichte, doch nun leben die Erinnerungen in der Biografie über den Ex-Betreiber Erwin Kaeß wieder auf: Von der Eröffnung über wilde Partys und den drohenden Bankrott bis hin zum Mord – Autorin Renate Blaes lässt in „Vom Bauernjungen zum Selfmade-Millionär“ nichts aus.

FRIEDRICHSHAFEN – Wenn Erwin Kaeß heute über die Zeit als Discobetreiber spricht, fangen seine Augen an zu leuchten: „Ich hatte auch Glück, das braucht man ab und zu im Leben.Es hätte alles schiefgehen können: 1992, schon drei Jahre nach der feierlichen Eröffnung, stand ich vor der Pleite.“ Dann kam ein Vertreter aus Berlin ins „Touch“, wie es damals noch hieß, und sagte zu Kaeß: „In deinem Laden war aber auch schon mal mehr los!“

Dies war der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die in der Region ihresgleichen sucht: Mit komplett neuem Konzept eröffnete Erwin Kaeß unter dem Namen „Zungenkuss“ neu, fortan platzte die Disco bei jeder Party aus allen Nähten. „Das war wie ein Sechser im Lotto. Die Kasse klingelte, die Stimmung war top. Es lief überragend“, betont der heute 74-Jährige. Bis zu einer verhängnisvollen Nacht im Jahr 1996, als plötzlich jemand zustach und danach nichts mehr so sein sollte, wie es vorher war. Die Autorin Renate Blaes hat nun eine Biografie mit dem Titel „Vom Bauernjungen zum Selfmade-Millionär“ über das Leben von Erwin Kaeß veröffentlicht.

Dabei beschreibt sie dessen Kindheit rund um die Gemeinde Achberg, seinen frühen Wunsch, kein Bauernjunge sein zu wollen und schließlich auch den Entschluss,1988 im Osten Friedrichshafens eine neue Diskothek zu bauen. „Erst wollten wir eine Spielhalle eröffnen, aber da hat die Stadt nicht mitgemacht. Gegen eine Disco gab es allerdings keine Einwände“, erzählt Kaeß. „Ein Fehler war allerdings, ein Gebäude zu bauen, in das ausschließlich eine Diskothek reinpasst. Da habe ich arrogant gedacht: „Das wird eh laufen.“ Heute würde ich das so nicht mehr machen“, sagt er schelmisch lachend. Als es Anfang der 90er-Jahre aber nicht mehr lief, wurden die schlaflosen Nächte häufiger.

Rettungsanker Franchise

Als Franchisenehmer eröffnete er nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahr 1992 neu, das „Touch“ hieß nun Zungenkuss und die Gäste „rannten mir die Bude ein“, wie Kaeß betont. Zunächst lief alles wie geschmiert und Kaeß witterte die Chance auf Wohlstand, „obwohl das nie meine Intention war.“ Der negative Höhepunkt dieser wilden Partyzeit ereignete sich im Oktober 1996. „Ich habe damals zuhause einen Anruf erhalten: „Chef, kommen Sie schnell!“ und als ich am Zungenkuss ankam, waren Polizei und Sanitäter schon da“, erzählt der 74-Jährige, der heute in Langenargen lebt und als Geschäftsführer eines Autohandels nach wie vor voll im Berufsleben steht. Sein ausländischer Security-Mitarbeiter feierte damals privat mit einem Rumänen im Zungenkuss und geriet mit einem pöbelnden Gast aneinander. Securitys, die Dienst hatten, griffen ein, aber im Eingangsbereich kam es unvermittelt zu einer Schlägerei mit mehreren Beteiligten. Plötzlich zückte jemand ein Messer – und stach dreimal zu. Der vermeintliche Pöbler, ein junger Mann aus dem Raum Sigmaringen, ging zu Boden und verblutete noch vor Ort. „Ich musste danach umdenken und habe radikale Entscheidungen getroffen. Aber anders wäre es nicht weitergegangen.“

Erwin Kaeß brachte die Polizei damals auf die richtige Spur: Der Rumäne, der oft wegen seines aufbrausenden Temperaments im Zungenkuss aufgefallen war, wurde dank ihm zu 15 Jahren Haft wegen Mordes verurteilt. Daraufhin stellte Kaeß ausschließlich Deutsche für die Sicherheit ein und gab die Anweisung, keine Ausländer mehr in die Disco zu lassen. „Da musste ich mir natürlich einiges anhören. Aber ich kann versichern, dass ich kein AfD-Wähler bin, sondern damals einfach als Unternehmer eine klare Linie fahren musste. Schließlich wurden gewisse Klischees regelmäßig bestätigt.“

Später war die Disco als „Zirkuss“ oder einfach „ZK“ in der Region bekannt, 2006 verkaufte Kaeß sie schließlich. „Wir hatten am Anfang 17-jährige Mädels da, die 2006 Stammgäste und schon zweimal geschieden waren“, scherzt Kaeß. Sein Nachfolger Paolo Lopes habe hingegen „auf der faulen Haut gelegen und unzählige Fehler gemacht.“ Ende 2014 ließ Lopes die Disco für rund 1,3 Millionen Euro umbauen, der Stil passte jedoch nicht nach Friedrichshafen und bald blieben die Gäste aus. Im Januar 2018 folgte schließlich dann das Aus, seitdem steht das Gebäude in der Anton-Sommer-Straße leer.

Was das Highlight in rund 18 Jahren als Discobetreiber war? „Die Feiern an Heiligabend“, antworten Erwin und Ehefrau Heidi, die ihn in der Disco stets nach Kräften unterstützte, aus einem Munde. Warum? „Na,weil die Leute mit vollen Taschen kamen und bestens gelaunt waren“, sagt Erwin Kaeß mit einem Augenzwinkern.

„Vom Bauernjungen zum Selfmade-Millionär“ ist ab sofort im Handel erhältlich (ISBN-978-3-942641-20-3). Die Biografie wird als E-Book bei Amazon und in gedruckter Form in den gängigen regionalen Buchhandlungen sowie über die Homepage der Autorin – auf Wunsch mit Widmung – (www.erwin-kaess.editionblaes.de) erhältlich sein. Das WOCHENBLATTverlost zehn Exemplare der Biografie über Erwin Kaeß. Bis Sonntag, 16. September eine E-Mail mit Name, Adresse,Telefonnr. sowie dem Betreff „Zungenkuss“ an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Zurück

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzbestimmungen. Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite. Cookies akzeptieren