Viele Gaffer, aber keine Helfer
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28. März 2019
Hier am Anleger 2a fiel der Junge ins Wasser Foto: Dieter Leder

Für Rosalinde Merkle wird ein Ausflug nach Überlingen zum Alptraum: Sie rettet ein Kind aus dem Bodensee und bekommt keine Hilfe - Passanten schauen nur zu. 

Überlingen – Strahlender Sonnenschein und Frühlingswetter, der erste Ausflug mit dem Motorrad: „Seit fünf Jahren war ich mal wieder in Überlingen“, berichtet Rosalinde Merkle vom vergangen Samstag. Nach Pizza- und Eisessen sitzt sie gegen 15 Uhr am Landungsplatz auf den Stufen direkt am See, als es passiert und hinter ihr ein Kind in den Bodensee fällt: „Ich hörte ein lautes „Platsch“ und sah wie das Kind im Wasser strampelnd und mit den Händen ringend unterging, da gab es für mich kein Halten mehr.“ Sie zögert keine Sekunde und springt hinterher, in voller Motorradkluft.

Das Kind treibt ab, sie schwimmt zu dem Kind. „Meine nasse Kleidung hat mich runtergzogen“ berichtet sie sichtlich schockiert, „ich werde sterben, ich hab mich schon gesehen, wie ich tot bin.“ Aber das Kind steht für sie im Vordergrund: „Es war mir egal, wenn ich untergegangen wäre.“ Immer wieder greift sie nach dem Kind im nur 7 Grad kalten Bodensee. „Ich habe das kalte Wasser gar nicht gespürt“, erzählt sie, „ich war in Panik!“ Nach unendlichen fünf bis sechs Minuten im kalten Wasser erreicht sie mit dem Kind wieder das Ufer, Passanten ziehen zuerst das Kind und dann sie aus dem Wasser. Doch das war die einzige Hilfe, die sie von den Passanten erhalten hat. „Plötzlich waren viele Menschen da, jeder hat nur geschaut, kein einziger hat bei der Rettungsaktion geholfen“, berichtet Merkle, „noch nicht einmal ein Notruf wurde abgesetzt, keiner hatte einen Krankenwagen gerufen oder die Polizei informiert.“ Für sie ist das unverständlich, dass keiner reagiert und keiner geholfen hat. „Das schlimmste waren die Gaffer“, sagt sie mit tränenreicher Stimme. 

Die Mutter des etwa 5 Jahre alten Jungen bedankt sich noch kurz, ihre Schwester bietet ihr Hilfe an, zuhause will sie im Wäschetrockner Merkles Kleidung wieder trocknen. Doch Merkle steht wohl unter Schock, sie will nur nach Hause. Fremde Passanten aus ihrer Nachbargemeinde wickeln sie in Decken und fahren sie mit ihrem PKW zurück nach Hause. 

Sie ist traumatisiert, hat Rückenprobleme, Prellungen, eine Blasenentzündung und ist erst mal für eine Woche krankgeschrieben. Doch in Gedanken ist sie bei dem Kind: „Wie geht es dem Kind?“, fragt sie, „für das Kind muss es schlimm sein.“ Die Mutter wollte sich zu den Vorfällen nicht äußern. Dem Kind geht es offensichtlich ganz gut, wie aus dem persönlichen Umfeld der Familie zu erfahren war. Und noch etwas wird bekannt: Der Junge kann offenbar noch nicht schwimmen und hatte am Samstag damit wohl einen riesen Schutzengel. 

„Sie hat super gehandelt“, attestiert Andreas Bergelt, Vorsitzender der DLRG Überlingen, das Verhalten der Lebensretterin,  „die Courage ist herausragend!“ So lange im kalten Wasser sei „ganz nah an der Grenze des machbaren“, weiß er zu berichten. Auch Rosalinde Merkle hatte damit wohl einen Schutzengel. Bergelt rät, immer die Eigensicherung zu beachten und auch vor dem Beginn von Rettungsmaßnahmen im Wasser Hilfe und Verstärkung zu holen. Er bemängelt in dem Zusammenhang auch das Fehlen von Rettungsringen an der Promenade und am Landungsplatz. Nur dank dem beherzten Eingreifen von Rosalinde Merkle ist  Überlingen ganz knapp an einer Katastrophe vorbei gekommen.

„Das wird mich noch eine Weile beschäftigen, ich muss die schlechten Bilder verdrängen“, sagt Merkle ein paar Tage nach dem Vorfall gegenüber dem WOCHENBLATT. Sie klingt schon wieder positiv: „Ich komme wieder nach Überlingen.“ Und an die vielen untätigen Gaffer gerichtet appelliert sie, bitte in Zukunft auch zu helfen: „Ich würde sofort wieder helfen, ich würde es sofort wieder tun, nicht nur für das Kind.“      

Dieter Leder

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