Stunde Null der Häfler
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11. April 2019
Nach dem Angriff der Royal Air Force liegt Friedrichshafen in Schutt und Asche Foto: Stadtarchiv FN, Sammlung Hättig

Frühling 1944: Der Zweite Weltkrieg tobt, verbreitet überall Angst und Schrecken. In der Nacht zum 28. April greift die britische Royal Air Force Friedrichshafen an. Innerhalb von 50 Minuten fallen knapp 190 000 Bomben auf die Stadt, 136 Einwohner verlieren ihr Leben, über 350 werden verletzt. Das WOCHENBLATT hat mit einer Zeitzeugin über Friedrichshafens dunkelste Stunde gesprochen.  

Friedrichshafen – „Wir wussten, dass dieses Mal etwas Großes auf uns zukommt“, sagt Maria Morandell zur Stimmung am Abend vor dem Angriff. Die 88-Jährige erlebte die Zerstörung Friedrichshafens als Jugendliche hautnah mit und erinnert sich noch genau an besagte Nacht im April 1944. „Wir sind schnell die Treppe runtergerannt, über den Hof ins Nebengebäude unseres Hotels und ab in den Gewölbekeller“, erzählt die gebürtige Häflerin, die heute in Langenargen lebt. 

Vor 75 Jahren hieß Maria Morandell noch Maria Milegg und lebte mit ihrer „stadtbekannten Familie“, wie sie sagt, im Hotel Deutsches Haus am Stadtbahnhof, welches beim Angriff der Briten vollständig zerstört wurde. Damals galt es als bestes Hotel der Stadt, heute befindet sich an dieser Stelle das Seehotel. 

„Ich habe mich in dieser Nacht von meiner Mutter verabschiedet und bin vom Gewölbekeller zu unserer nahegelegenen Gartenlaube gerannt, wo ich mich unter einer Parkbank verkrochen habe“, erinnert sich Maria Morandell. Erst als sie im Morgengrauen gefunden wurde, ging es in den Luftschutzbunker. „Die Abläufe bei Alarm wurden irgendwann zur Routine“, sagt sie. Kein Wunder, insgesamt gab es während des Zweiten Weltkriegs elf Luftangriffe auf Friedrichshafen.

 Die Ursache für den Lärm, den Maria Morandell unter der Parkbank in der Gartenlaube noch wahrnahm, waren allerdings keine Bomben mehr: „Die Häuser in der Innenstadt sind nacheinander zusammengekracht. Es war laut, staubig, verraucht.“ Was sie beim Anblick ihrer zerstörten Heimatstadt gedacht habe? „Gar nichts. Wir waren einfach froh, dass wir trotz der vielen Brand- und Sprengbomben alle beieinander waren.“

Aber natürlich gab es nicht jede Woche und schon gar nicht täglich Alarm, weshalb Maria Morandell auch eine weitgehend unbeschwerte Kindheit genoss und zum Zeitpunkt des Angriffs Schülerin der Pestalozzischule war. „Uns ging es gut. Mein Papa Karl hatte als Zimmerpolier alle Hände voll zu tun, ebenso meine Mutter Maria mit insgesamt acht Kindern zuhause“, erzählt die vitale 88-Jährige. 

Die Eltern waren strikt gegen das Nazi-Regime und daher habe niemand aus der Familie Milegg jemals den Hitlergruß gemacht: „Bei uns war keiner hitlerisch“, betont Maria Morandell während des Gesprächs mit dem WOCHENBLATT mehrmals ausdrücklich. Dennoch ging es der Familie Milegg sehr gut, denn Adolf Hitler förderte Familien mit Kindern mit Extra-Zuwendungen. „Wir hatten so viel, dass  wir Lebensmittelkarten an ärmere Bekannte verschenken konnten. Der Hunger in der Bevölkerung kam erst nach dem Krieg. Da hatte ich dann sogar Hungerödeme an den Beinen“, erzählt Maria Morandell, die mit ihrem verstorbenen Mann Hermann später fünf Kinder großzog und heute sechs Enkel- und fünf Urenkelkinder hat. 

Nach dem Angriff 1944 musste sie die Stadt verlassen und bekam in Altshausen so fürchterliches Heimweh, dass sie bald an den Bodensee zurückkehrte. Seit den 50er-Jahren lebt sie nun in Langenargen und erledigt den Haushalt nach dem Tod ihres Mannes alleine. Zum Einkaufen fährt sie mit einem Kastenwagen, denn „mit so einem Kleinwagen würde ich nicht klarkommen. Da geht ja nix rein“, sagt sie schmunzelnd. Was sie heute über die Zeit des Krieges denkt? „Das Positive überwiegt definitiv. Für all die schlimmen Dinge, die die Nazis gemacht haben, habe ich mich nie interessiert.“

David Balzer

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