Satellitenbau in neuen Dimensionen

Satellitenbau in neuen Dimensionen
Feierliche Eröffnung am vergangenen Freitag: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) durchschneidet zusammen mit Mitarbeitern von Airbus das Band zur Eröffnung des ITC Foto: David Balzer
28. Februar 2019

Airbus hat am verganenen Freitag feierlich das Integrated Technology Centre, kurz ITC, nach rund zwei Jahren Bauzeit in Immenstaad eröffnet. Der 45-Millionen-Euro-Bau verdreifacht die Integrationsflächen und ist ein klares Bekenntnis von Airbus zum Standort am Bodensee. 

Der Airbus-Standort Friedrichshafen nimmt Europas modernstes Satelliten-Integrations- und Raumfahrt-Technikzentrum, das sogenannte Integrated Technology Centre (ITC), offiziell in Betrieb und verdreifacht damit seine Reinraumflächen zum Bau von Satelliten, Sonden, Raumfahrt-Instrumenten und -experimentieranlagen auf 4 200 Quadratmeter. Das hochkomplexe Zentrum ist für rund 45 Millionen Euro in nur zwei Jahren Bauzeit errichtet worden. 

Herzstück des ITC ist der sogenannte Cleanroom, welcher nun der größte Satelliten-Reinraum Europas ist. Er ist rund 10 000-mal sauberer als ein herkömmliches Büro. Dies veranlasste Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der mit Airbus-Mitarbeitern das Band zur Eröffnung des ITC durchschnitt, zu einer süffisanten Bemerkung in seiner Rede: „Für Schwaben geht heute ein Traum in Erfüllung: Sie haben ohne Kehrwoche einen blitzblanken Raum geschaffen.“ Unter Reinraumbedingungen verschiedener „Sauberkeitsklassen“ - von ISO 8 bis ISO 5 - findet die Schlussintegration der Satelliten auf einer Grundfläche von rund 2 100 Quadratmetern statt, davon 400 Quadratmeter unter ISO 5. Aufwändige Klima- und Filteranlagen wälzen ein Luftvolumen von 900 000 Kubikmetern bis zu 60 mal pro Stunde um und sorgen so nicht nur für die geforderte Reinheit, sondern auch für konstant erhöhten Luftdruck und regeln Feuchtigkeit sowie Temperatur.

Kretschmann weiter: „Das ITC ist das Ergebnis harter Arbeit und passt perfekt zum Hightech-Land Baden-Württemberg. Die Satelliten vom Bodensee sind trotz starker Konkurrenz gefragt, weil sie von unglaublich hoher Qualität sind. In der Raumfahrttechnik haben wir jetzt schon deutschlandweit die Nase vorn – bei der Forschung und Wissenschaft, der Entwicklung und Technik und bei der Begeisterung für die Luft- und Raumfahrt.“ Dietmar Pilz, Leiter des Airbus-Standortes, nannte den Cleanroom „einen Raum der Superlative.“

„Die Raumfahrt hat in den vergangenen Jahren eine enorm positive Entwicklung genommen. Neben Wissenschaftsmissionen zur Erkundung unseres Sonnensystems und fundamentaler physikalischer Gesetze, tragen wir als Raumfahrtunternehmen einem schnell steigenden Bedarf an höchst leistungsfähigen und top zuverlässigen Erdbeobachtungs-, Wetter- und Navigationssatelliten Rechnung“, sagte Nicolas Chamussy, Leiter von Space Systems bei Airbus. „Dank des neuen Satelliten-Hub ist die Produktion am Airbus-Standort Friedrichshafen sowohl bei Qualität wie auch bei der Quantität gegenüber unseren Wettbewerbern bestens aufgestellt.“

Das ITC-Gebäude mit Abmessungen von rund 70 x 60 Metern und einer Deckenhöhe von bis zu 18,50 Metern wurde als Erweiterung der heutigen Satellitenintegrations-Halle verwirklicht. Der neue „Doppel“-Komplex ermöglicht deshalb eine effizientere und ökonomischere Abwicklung von Projekten und bietet durch modernste Technik und neuer „Dimensionen“ auch neue Möglichkeiten bei der Akquise von künftigen Raumfahrtprojekten wie zum Beispiel bei großen Weltraumteleskopen. 

Vier so genannte seismische Blöcke, jeder 150 Tonnen schwer, „entkoppeln“ spezielle Integrationstische vom Gebäude und sorgen für eine absolut erschütterungsfreie Umgebung für die Montage optischer Instrumente. Eine computergesteuerte Ventilator- und Filtermatrix an der Südseite des Reinraums erzeugt Luftströmungsprofile, die adaptiv auf die Belegung des Raumes eingestellt werden können. Dieses Konzept ermöglicht erstmalig in Europa die Realisierung unterschiedlicher Reinraumklassen in einer einzigen Halle ohne störende Zwischenwände oder Vorhänge. 

In den beiden Seitenflügeln des ITC sind weitere 1 100 Quadratmeter Integrations- und Laborflächen für die Komponentenfertigung und Technikflächen eingerichtet. Im Westflügel des Gebäudes befinden sich im ersten Stock eine Konferenzzone und ein multifunktionaler Show- und Informationsraum. Große Panoramafenster ermöglichen einen einmaligen Blick auf die Fertigung der Flughardware. Gegenwärtig sind die ersten Projekte mit vier Sentinel-Satelliten für das europäische Umwelt- und Sicherheitsprogramms „Copernicus“, dem europäisch-japanischen Erdbeobachtungssatelliten EarthCARE sowie zwei jeweils 12,30 Meter langen planaren Radarantennen in das neue Zentrum eingezogen – Auftragsvolumen: 1,2 Milliarden Euro. Noch im ersten Halbjahr soll mit den Integrationsarbeiten für JUICE, einer Mission zu den Eismonden des Jupiters (Start 2022), begonnen werden.

Am Airbus-Standort Immenstaad arbeiten über 2 200 Menschen, davon 1 100 für die Raumfahrtsparte, die im Jahr 2018 rund elf Milliarden Euro Umsatz gemacht hat. Standortleiter Dietmar Pilz: „Wir sind für die Zukunft nun sehr gut aufgestellt.“

David Balzer/pr

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