Mit Blaulicht zur Entbindung
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21. Juni 2018
Die Eltern Sarbast und Midia mit ihrer neuen Tochter Elsa sowie Geburtsbegleiterin April Lanman. Foto: Dieter Leder

Der Kreißsaal in Überlingen ist temporär geschlossen, werdende Mütter müssen zur Geburt in umliegende Krankenhäuser ausweichen. Dieter Leder hat für das WOCHENBLATT eine Betroffene interviewt. Ein Erfahrungsbericht.

Überlingen – Als die schwangere Midia das offizielle Schreiben erhielt, dass der Kreissaal im Überlinger Helios-Spital auf Grund von Hebammen-Mangel temporär geschlossen wird, reagierte sie zunächst gelassen: Schlimmer konnte es für sie nicht kommen. „In meiner Heimatstadt Afrin“, sagt die Kurdin, die vor knapp drei Jahren mit ihrer Familien aus Syrien floh, „gibt es kein Krankenhaus mehr, da gibt es auch keinen Kinderarzt mehr, da ist alles kaputt.

“Ihre Flucht endete in Überlingen. In einer kleinen Wohnung wurde Midia mit ihrem Mann Sarbast und den Kindern Silva, Mahammad und Khaleel untergebracht: Midia wurde letztes Jahr nochmals schwanger. Ihre Wohnung liegt unweit des Krankenhauses, „wir hätten zur Geburt laufen können“ scherzen sie.

Doch dann kam das offizielle Schreiben. Ihr Entbindungstermin fiel genau in die Schließzeit. Als Alternativen wurden ihr die Krankenhäuser in Singen und Friedrichshafen vorgeschlagen. „Wir haben kein Auto“, sagt Sarbast rückblickend, „wie hätten wir dort hin kommen sollen?“

Dass sie dennoch ruhig blieben, war insbesondere auch April Lanman zu verdanken. „Das ist der Sinn der Sache, dass du dich entspannen kannst“ erklärt die selbst vierfache Mutter, die GfG zertifizierte Doula ist, eine Geburtsbegleiterin während der Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. „Jede Frau braucht eine Doula“ sagt sie, „und wer mal die Erfahrung einer Doula gemacht hat, der kommt immer wieder zurück.“

Sie verbrachte viel Zeit mit der syrischen Familie, bereitete die Mutter und insbesondere auch die Familie auf die Geburt vor. Langsam wurde April auch ein Teil der syrischen Familie, es entstand eine enge Bindung und Freundschaft. „Das war eine sehr schöne Zeit“ sagt sie rückblickend. Insbesondere, da sie auch eine neue Kultur kennen gelernt hat. Denn Midias Entbindungstermin fiel nicht nur in die Zeit der Schließung des Krankenhauses, sondern auch noch in den Fastenmonat Ramadan.

Es war Samstagabend, Midia und ihr Mann hatten schön gekocht, sie hatten Freunde eingeladen um gemeinsam nach Sonnenuntergang das Fastenbrechen zu feiern. Doch der Abend verlief anders, gegen 21 Uhr setzte die Wehen ein. „Kannst du noch 10 Minuten warten“ sagte ihr Mann zu ihr, dann könnten sie noch gemeinsam das Fastenbrechen feiern. April Lanman war mittlerweile auch alarmiert worden, die kam sofort. Und weil eben alles so gut vorbereitet und entspannt war, hatten sie noch kurz Zeit gemeinsam zu feiern und essen.

Alle Kinder waren wach und die eingeladenen Freunde mussten kurzerhand auf sie aufpassen. Um 23 Uhr haben sie einen Krankenwagen gerufen. „Das sollten wir so machen“ erklärt Midia, „denn bei dem Verkehr auf der Straße durften wir nicht im Stau stehen.“ Und so ging es mit Blaulicht ins Krankenhaus – nach Singen. Es war eine entspannte und schnelle Fahrt erinnern sie sich, Samstagnacht war nicht viel Verkehr unterwegs. Sonntagmorgen um 1.40 Uhr erblickte Elsa das Licht der Welt: „Ein deutscher Name“ erklären die Eltern ganz stolz, „der kommt von Elisabeth, das gefällt uns sehr.“

„Es war eine schöne Geburt“ sagt Midia ein paar Tage später, „es war alles gut. Auch dass April Lanman dabei war, es war wie eine Schwester dabei zu haben.“

Das Krankenhauspersonal sei sehr nett gewesen und April Lanman und die Assistenzärztin kannten sich sogar. Dennoch, auch das spricht Midia an: „Es war alles ein bisschen weit weg.“ Ihr Mann besucht sie in den nächsten Tagen regelmäßig, ihre Nachbarn nehmen ihn mit nach Singen: Auch die haben dort – und nicht in Überlingen – ihr Kind zur Welt bringen müssen.

Dieter Leder

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