Lebensretterin kämpft mit Erinnerungen

Lebensretterin kämpft mit Erinnerungen
Sie hat ein Kind aus dem Bodensee gerettet: Rosalinde Merkle saß vor zwei Wochen an dieser Stelle, als das Kind hinter ihr ins Wasser fiel Foto: Dieter Leder
11. April 2019

Zwei Wochen nach ihrer spektakulären Rettungsaktion war Rosalinde Merkle wieder am Ort des Geschehens. Sie hat ein Kind vor dem Ertrinken bewahrt, die Geschehnisse aber noch lange nicht verarbeitet. Mittlerweile ermittelt die Polizei und es gibt viel Dank für die Retterin.  

Überlingen – Rosalinde Merkle sitzt alleine am Landungsplatz auf den Stufen am Wasser, viel ist nicht los an diesem wolkenverhangenen Samstagmittag. Wenige Passanten gehen am Landungsplatz vorbei. Ein kleines Kind kommt hinter ihr angerannt, nimmt die Stufen runter zum Wasser und zu den Enten. Sein achtsamer Vater ermahnt es, nicht zu nah ans Wasser zu gehen. Das Kind gehorcht und geht wieder hoch zu seinem Vater. Ob Rosalinde Merkle das Kind hinter sich bemerkt hat?

Sie hat es wahrscheinlich mitbekommen. So, wie sie auch vor zwei Wochen das Kind hinter sich mitbekommen hat. Es war ebenfalls Samstagmittag, sie saß auf derselben Stufe am Landungsplatz, etwa zur selben Uhrzeit. Strahlend schien die Sonne, sie unterhielt sich zufällig mit einem Ehepaar, „die hatten so einen süßen Hund.“ Auf den Stufen über ihr saß ein junges Paar, an die beiden erinnert sie sich auch noch ganz genau, „die haben Eis gegessen.“ Und in der Idylle passierte es plötzlich: „Ein lautes Platsch hat es gemacht. Das war nicht zu überhören.“ Rosalinde Merkle drehte sich um. Sie hatte das Kind bemerkt, das hinter ihr ins Wasser gefallen war. Und sie erkannte, dass es nicht schwimmen konnte: „Der hat gestrampelt, mit den Armen gerungen, der ging unter“, erzählt sie. Sie rief um Hilfe, aber niemand reagierte. Sie aber zögerte keine Sekunde, stand auf, lief zwei Schritte und sprang sofort in den sieben Grad kalten Bodensee, um das Kind zu retten. Ihr kommen immer noch die Tränen bei der Erzählung, sie sagt denselben Satz, den sie schon vor zwei Wochen gesagt hatte: „Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen.“ Sie ist keine ausgebildete Rettungsschwimmerin, sie bekam mit dem Kind Probleme, sie selber befand sich in größter Lebensgefahr.

Denn das Wasser war kalt, ihre Kleidung wurde schwerer, sie wurde nach unten gezogen. Nach fünf Minuten aber hatte sie das Kind gerettet, beide waren wieder am Ufer.

Kein Passant hilft

Doch keiner hatte ihr dabei geholfen, sie blieb alleine bei der Rettungsaktion. „Die müssen doch gesehen haben, dass wir immer wieder untergehen“, beklagt sie sich. Keiner der Passanten hatte aktiv geholfen, noch nicht einmal ein Notruf wurde abgesetzt. Und auch als sie wieder an Land war, bekam sie keine Hilfe: „Warum hat denn keiner aus den Cafés oder aus den Geschäften Decken für uns geholt?“ Sie weint, sie zeigt nochmals auf die Stelle, an der das junge Paar saß: „Die saßen immer noch da und haben immer noch ihr Eis gegessen, während wir um unser Leben gekämpft haben.“

Auf Grund des Berichtes im WOCHENBLATT hat die Polizei  mittlerweile Ermittlungen zu dem Fall aufgenommen. Denn es ist nicht nur Sachschaden entstanden durch nicht mehr tragfähige Kleidung und ein kaputtes Handy, es gab auch eine Verletzte: Rosalinde Merkle erlitt Prellungen und einige Tage später noch eine Blasenentzündung, sie war eine Woche krankgeschrieben. Und dann ist da noch der Schock und die Erinnerungen, die sie wohl so schnell nicht los wird. Belastend ist für sie aber auch, dass sich die Eltern von dem Kind nicht melden. „Ich will keinen Dank, ich einfach nur wissen, wie es dem Kind geht und es nochmals wiedersehen.“ 

DLRG bedankt sich

„Sie hat großen Glück gehabt“ sagt Andreas Bergelt von der DLRG. Merkle war mit ihrer Motorradkleidung ins Wasser gesprungen. Diese sog sich langsam voll Wasser und wurde immer schwerer. Aber das war auch ihr Glück: „Die Motorradkleidung wirkte in dem kalten Wasser wie ein Neoprenanzug und hat sie vor dem Auskühlen bewahrt“ so Bergelt. Auch er ist immer noch von der Courage der Frau begeistert. Die DLRG Überlingen jedenfalls wird sich bei Rosalinde Merkle bedanken: „Mit Worten, Blumen und einem Essen.“ Auch auf kommunaler Ebene wird es wohl eine Würdigung ihres Einsatzes geben.

„Es hat hier tatsächlich keine Rettungsringe“, sagt Rosalinde Merkle etwas verwundert. „Den hätte ich so dringend gebraucht, ich war ja völlig erschöpft. Ich hatte schon überlegt, mich an der Buhne festzuhalten.“ Auf Anfrage an die Stadt erklärt das Presseamt, dass es keine rechtliche Grundlage für Rettungsmittel an der Promenade gäbe. Die Stadt hat im Zuge der Umgestaltung der Uferpromenade mit allen beteiligten Behörden und Fachabteilungen ausgiebig auch über sicherheitsrelevante Themen diskutiert und beraten, doch die Notwendigkeit für Rettungsmittel war nicht gegeben. „Wir werden die Anregung aber aufnehmen und uns erneut mit diesem speziellen Thema auseinandersetzen“, so die Aussage des Presseamtes.  D

Dieter Leder

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