Ein halbes Jahrhundert geschnitzter Hingabe

Ein halbes Jahrhundert geschnitzter Hingabe
„Mein Leben? Ich habe Schiffe gebaut, dann habe ich Schiffe gebaut, und jetzt baue ich immer noch Schiffe“, scherzt Trtanj Foto: Laura Hummler
9. Mai 2019

Ivan Trtanj ist ein Meister der Schnitzkunst. Seit mehr als 50 Jahren werkelt er hingebungsvoll an Modellschiffen aus dem 18. Jahrhundert. Seit Kurzem ist sein Lebenswerk im Kressbronner „Museum im Schlössle“ um ein weiteres Modell ergänzt, welches noch in diesem Jahr eingeweiht wird. 

Kressbronn – Sein erstes Interview hat er vor 45 Jahren dem WOCHENBLATT gegeben. Jetzt  berichten wir wieder über den mittlerweile  73-jährigen Schiffschnitzer aus Kressbronn. Ivan Trtanj verschönert seit mehr als einem halben Jahrhundert die Welt am Bodensee mit seinen Modellschiffen.

Trtanj holt mit seinen Werken die Geschichte des 18. Jahrhunderts zurück. „Damals beherrschten die Menschen ein von Grund auf anderes Handwerk“, weiß er. Diese Zeit der Entdeckung, des Abenteuers fasziniert den Kunstschnitzer, der ursprünglich aus dem Banat stammt. Außerdem schätzt er die zahlreichen Dekor-Elemente aus der Barock- und Rokokozeit, die eine filigrane, präzise Arbeit seinerseits erfordern. Ivan Trtanj nennt es „Harmonie in Bewegung“.

Der Kunsthandwerker arbeitet zwar stets nach Plan – und zwar nach den originalen Schiffsbauplänen, die er aus Archiven der verschiedensten Museen zusammen gesammelt hat. Doch „Rohlinge“ mit etwa vorgefertigten Bleistiftzeichnungen darauf sind bei ihm nicht zu finden. „Das entspringt alles meiner Vorstellung, für Bemalungen fehlt mir die Zeit“, erklärt Trtanj. Gäbe man dem 73-Jährigen also einen Holzklotz in die Hand, so wüsste er auch ohne Skizze, wie er es sofort zu etwas Plastischem umformen kann. Seine Fähigkeit, dreidimensional denken zu können,  kommt ihm schon sein ganzes Leben lang zu Gute. 

Seine Liebe zur Schiffahrt, beziehungsweise zur Schiffkunst hat Trtanj bereits im Kindesalter entdeckt. „Ich sehe mich schon seitdem ich klein bin  dazu berufen, Schiffe zu schnitzen“, erzählt er. 

15 Jahre Geduld

An einem Werk sitzt Trtanj schon mal bis zu fünfzehn Jahren. Bislang konnte er  17 Modelle in sein Lebenswerk einreihen, alle bis ins kleinste Detail getreu geschnitzt. Auf die Frage, welches sein persönliches Lieblingsstück ist, hat der Kunstschnitzer eine klare Antwort: seine Werke seien wie seine Familie, und da liebt man jedes Mitglied gleich. Sein jüngst fertig gestelltes Werk ist die „Gondola Funerale“, die so etwas wie ein Leichenwagen, nur eben auf Wasser und in Schiffsform darstellt. Auch im Moment arbeitet Trtanj an einem spannenden Modell, das ihn herausfordert: dieses Mal wird die „Holländische Jacht“ dargestellt.

Inspiration holt sich der Künstler aus seiner Fertigungsstätte, dem kleinen Arbeitszimmer in seiner Wohnung. Hier hängen zahlreiche Kunstwerke, an denen er sich orientiert. Viele davon habe er geschenkt bekommen. So sei das auch mit seinen zum Schnitzen verwendeten Materialien, teils kommt das Holz sogar aus Argentinien. „Dieses Holz ist das bislang härteste, mit dem ich je gearbeitet habe. Härteres Holz eignet sich generell immer besser, da es filigraner bearbeitet werden kann“, erklärt Ivan Trtanj. 

Zur Fertigung der Schiffe benutzt der begeisterte Schnitzer Werkzeuge, die eigentlich einem anderen Handwerk zugeordnet werden. „Ich benutze im Grunde die Hilfsmittel, die Zimmerer oder Schreiner, Schlosser oder Goldschmiede auch benutzen.“ Seine Augen und Finger bezeichnet er als seine zwei Gesellen und zehn Handlanger.

Lebenswerk ist Kulturgut

Mittlerweile gilt sein Lebenswerk als Kulturgut, dessen Erhalt gesichert werden soll. Sein längstes Schiffmodell ist stolze zwei Meter und zwei Zentimeter lang. Dabei handelt es sich um die Amphion, das Lustschiff des Schwedischen Königs Gustav III. Alle Modelle, die er schnitzt, sind einst tatsächlich auf See umher geschippert, mit einer Ausnahme: die Prunkbarke des Königs Ludwig II. Diese nennt Trtanj liebevoll „Märchenschiff“. Für dieses Schiff lag Trtanj nicht mehr, als ein Stück Papier, eine Entwurfszeichnung vor.

Einen besonders schönen Moment im künstlerischen Leben des 73-Jährigen hat ihm vor einigen Jahren ein Offizier der französischen Hubschrauberstaffel beschert, der bei der Besichtigung der „Le Canot Imperial“, der Ruderschaluppe Kaisers Napoleon I, spontan vor der französischen Flagge salutierte. An dieses Erlebnis erinnert Trtanj sich besonders gerne zurück. Sein Modell der Canot Imperial hatte damals direkt neben dem Original gestanden.

Wer etwas von dem Meister lernen will, bekommt hierfür mehr als nur eine Gelegenheit, denn der 73-Jährige gibt Kurse für Interessierte. Um sich anzumelden, muss angefragt werden. Ivan Trtanj ist unter der Telefonnummer 07543/6830 erreichbar. Über diese Nummer können auch Einzel- und Gruppenführungen bei Trtanj zu seiner Ausstellung „Historische Schiffsmodelle“ im Kressbronner Museum im Schlössle gebucht werden.

Das Museum im Schlössle öffnet seine Türen von Dienstag bis Sonntag 10 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr für Besucher.
Am Samstag, den 18. Mai um 18 Uhr wird Ivan Trtanjs neustes Schiffsmodell eingeweiht und offiziell seinem Lebenswerk hinzugefügt. Hierzu lädt Trtanj alle herzlich ein, die sich für die Schifffahrt und seine Kunst interessieren.

Laura Hummler

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