Appell für Bleiberecht
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17. Mai 2018
Zusammenarbeit lohnt sich: Vaude gewann nicht nur neue Arbeitskräfte, sondern baute auch eine Upcyclingwerkstatt mit Geflüchteten auf Foto: VAUDE

80 Unternehmen schließen sich zusammen

Der Tettnanger Bergsportausrüster Vaude appelliert an die Politik, wertvolle Arbeitskräfte nicht auszuweisen, auch wenn sie kein Recht auf Asyl zugesprochen bekämen.

TETTNANG – Vaude ist dem politischen Aufruf nach Integration im Arbeitsmarkt gefolgt und hat zwölf Gefl üchtete fest angestellt. Mittlerweile sind alle eingearbeitet, leisten ihren Beitrag im Unternehmen und sind sozial integriert, erklärt Vaude in einer Pressemitteilung.

Nun drohe sieben Mitarbeitern die Abschiebung. „Wir haben Verantwortung übernommen sowie viel Zeit und Geld investiert. Nun sollen wir die Arbeitskräfte, die wir dringend brauchen, wieder verlieren“, so Vaude-Geschäftsführerin Antje von Dewitz. „Das wäre für uns ein hoher wirtschaftlicher Schaden, ganz zu schweigen von der menschlichen Katastrophe. Wir wollen nicht länger Spielball der Politik sein.”

Deshalb startete Vaude eine Initiative, der sich innnerhalb weniger Wochen über 80 Betriebe und drei Verbände aus Baden- Württemberg angeschlossen haben. Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl empfi ng Ende April die Initiative unter der Federführung von Antje von Dewitz und Gottfried Härle von der gleichnamigen Brauerei zu einem konstruktiven Austausch.

Die Unternehmen der Initiative beschäftigen aktuell insgesamt 2000 Geflüchtete. Gemeinsam forderten sie im Gespräch eine Bleibeperspektive für Gefl üchtete mit einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Das Gespräch sei konstruktiv verlaufen, sagt Lisa Fiedler von der Stabstelle für Unternehmensentwicklung, die sich im Unternehmen für Geflüchtete engagiert. „Wir können mit der Integration nicht erst beginnen, wenn die Entscheidung über den Asylantrag gefallen ist“, erläutert sie und verweist auf die unbestimmte Dauer des Verfahrens: „Ein Kollege ist seit drei Jahren in Deutschland und hatte bislang nicht einmal seinen Anhörungstermin.“ Umso wichtiger sei es für ihn, die Wartezeit sinnvoll zu füllen.

Diese Ansicht teilt auch Josef Schober, der sich als Teil des Leitungsteams des Asylnetzwerks Tettnang dafür einsetzt, Gefl üchtete in Arbeit zu bringen. „Wer nur rumsitzt, der hat zu viel Zeit darüber nachzudenken, was war und was kommen wird.“ So sei ein Job wichtig für die seelische Verfassung. Hinzu komme, dass Gefl üchtete vor Anerkennung oft keinen Platz im Deutschkurs bekämen und Arbeit die einzige Möglichkeit sei, die Sprache zu lernen. Er erinnert sich zurück ans Jahr 2015, als er herausfand, dass einer der von ihm ehrenamtlich betreuten Gambier von Beruf Schneider sei, wie er daraufhin bei Vaude anrief und sofort auf offene Ohren stieß, als es darum ging, diesen einzustellen. „Das Unternehmen ist auf jeden Fall ein Vorbild“, lobt er. Die berufl iche Vermittlung sei heute erschwert, da viele Unternehmer die Sorge hätten, dass ihre neuen Arbeitskräfte gerade eingelernt schon abgeschoben würden: „Das ist ein fatales Signal der Politik.“

Laut Lisa Fiedler hätte Vaude sich 2015 zum ersten Mal mit Bleiberecht und dem Fehlen eines deutschen Einwanderungsgesetzes befassen müssen. Ein mit ihr vierköpfi ges Team aus Mitarbeitern betreut seitdem die Gefl üchteten, die bei Vaude arbeiten. Doch auch die deutschen Muttersprachler stoßen dabei an ihre Grenzen: „Einige Regelungen sind nicht transparent. Das erleben wir jetzt hautnah mit Gefl üchteten als Kollegen.“ Da gebe es zum Beispiel die gern zitierte Mitwirkungspfl icht bei der Identitätsfeststellung. Doch für all jene, die keinen Pass besäßen, bestehe keine klare Regelung. „Bei einem irakischen Kollegen wäre die einzige Möglichkeit, seine Papiere zu beschaffen, dass er in den Irak zurückgeht, aus dem er wegen Verfolgung gefl ohen ist.“

Umso wichtiger sei die gegründete Initiative, „ein echter Selbstläufer“, mit 80 Unternehmen als Mitstreiter. Für die Zukunft sei geplant, Vorschläge an die Politik zu konkretisieren und sich mit Innenminister Strobl für ein Einwanderungsgesetz einzusetzen, aber auch für Übergangslösungen für all jene, die jetzt schon ins Land gekommen seien. „Die hier gut Integrierten zwischenzeitlich auszuweisen, das darf nicht die Lösung sein“, betont Fiedler.

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