Vom Potschamberle bis hin zu Maulschellen

8. August 2019
Eine Runde melken gefällig: Wer Lust hat, kann bei dieser Kunstkuh sein Glück versuchen Foto: Daniela Leberer

Warum aus manchem Lehrer besser ein Buchhalter geworden wäre und wieso man einst im Rathaus einen Spucknapf brauchte, sind Fragen, auf die es in Kürnbach Antworten gibt. Hier wird die Geschichte unserer Heimat lebendig. Wir haben ein paar Besonderheiten herausgepickt.

Bad Schussenried – Über 30 historische Gebäude aus sechs Jahrhunderten laden im Museumsdorf Kürnbach die Familie zu einer besonderen Reise ein. Spannender als jeder Science Fiction-Film ist für Kinder etwa die Frage, wie oft ein oberschwäbischer Rektor während seiner 51 Dienstjahre die Schulkinder einer einklassigen Volksschule gehänselt hat. Im Rathaus aus Andelfingen steht eine ausführliche Liste:  20 900 Klapse, 10 000 Maulschellen, 911 000 Stockschläge, 79 000 Ohrfeigen, 124 000 Rutenhiebe, 136 700 Handschmisse, 1 115 800 Kopfnüsse, 22 700 Notabenes (Schläge mit einem Buch),  777 mal auf Erbsen knien lassen,  613 mal auf eckigem Holz knien lassen, 5000 mal das Eselsschild tragen lassen.

Neben den Schulräumen war im Rathaus auch der Leichenwagen untergebracht. Fragt man Kinder bei Führungen, was dies wohl für eine Kutsche ist, sagen fast alle „Da isch bestimmt ein König drin gsessa“. 

Spucken war gesund

Interessant ist auch der Spucknapf. Viele Besucher denken zuerst an ein Katzenklo mit Stange. Über Jahrhunderte war es üblich, wo man stand und ging, auf den Boden zu spucken. Um 1900 stellte man hier in der Region die ersten Spucknäpfe auf, gegen die Ansteckung mit Tuberkulose. Sie standen bis in die 1960er Jahre vorallem in öffentlichen Gebäuden. Bäder und Toiletten sucht man vergeblich im den Häusern im Museumsdorf.  Üblich war  der Potschamberle (von franz. potde chambre = Zimmertopf). Er stand unterm Bett und jeder, der bei Nacht seine Notdurft verrichten musste, ging drauf. Wer wollte schon im Winter oder im Dunklen raus aus dem Haus auf den Donnerbalken? Geleert wurde morgens. Das älteste Haus ist das Kürnbachhaus. Es steht am Original-standort und seine Geschichte beginnt am 1. Dezember 1661. Im 1. Stock findet man einen Gebärstuhl von 1828. Über Generationen brachten Frauen in so einem Holzgestell ihre Kinder auf die Welt. Meistens war er im Besitz der Gemeinde und wurde von den Hebammen beim Einsetzen der Wehen aus dem Rathaus geholt. Der Stuhl war hölzern, unbequem und eng. Die seitlichen Scharniere deuten an, dass er Fußstützen besaß, gegen die sich die Gebärende stemmen konnte. 

Etwas Undenkbares für die damalige Zeit ist im Haus Laternser aus Meßhausen bei Fronreute geschehen. Im Jahr 1820 kam der neunjährige Christian aus Vaduz als Schwabenkind auf den stattlichen Hof. In den Folgejahren kehrte es als Hütebub immer wieder zurück und stieg zum Knecht auf. Mit 34 Jahren gelang ihm etwas fast Unmögliches. Er heiratete die Hoferbin Josefa Kaplan und wurde Hofbauer. Seine Frau starb im fünften Jahr der Ehe. Christian Laternser heiratete wieder. Aus beiden Ehen gingen 15 Kinder hervor. Einer der Nachkommen lebt noch immer und ist über 90 Jahre alt.

Plattdeutsche Saubohnen

Wer an den zwei Liegestühlen vor dem Stüble des Unteren Bauhofs vorbeikommt, sollte kurz innehalten. Hier lebte von 1947 bis 1969 die Familie Thruns aus Pommern. Ihre Mitglieder fanden als Flüchtlinge in Betzenweiler eine neue Heimat und wurden lange Zeit kritisch beäugt. Sprachen sie doch Plattdeutsch, waren evangelisch, backten Kartoffelpuffer und kochten Saubohnen. Undenkbar, da man diese Bohnen doch in Oberschwaben nur an die Schweine verfütterte. Zu allem Übel schafften Thruns auch noch Liegestühle an. Und  kauften sich ein Teufelsgerät, dass man Fernseher nannte.

Tägl. 10-18 Uhr. Mehr Infos, auch zu den Aktionstagen: www.museumsdorf-kürnbach.de 

Daniela Leberer

Zurück

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzbestimmungen. Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite. Cookies akzeptieren