Tausend tobende Schwaben

14. Dezember 2017
Die Gebrüder Alex (vorne) und Georg Köberlein haben mit ihren beiden Bands Schwoißfuaß und Grachmusikoff das Schwabenland ein letztes Mal in Aufruhr versetzt: Ihre Abschiedskonzerte waren restlos ausverkauft Foto: uli landthaler

Mit dem WOCHENBLATT und der Musikgruppe Grachmusikoff verschwinden parallel zwei Institutionen aus Oberschwaben: Letzte Gelegenheit zur kulturhistorischen Verneigung vor dem Schwobarock.

Dies ist die wundersame Geschichte von einer kleinen Schar von sensiblen und begabten Menschenkindern, die auszog in die kalte und dunkle Welt, um die Menschheit mit ihrem künschtlerischen Schaffen zu beglücken.

So veräppelt die Musikband Grachmusikoff auf ihre Homepage ihren eigenen Gründungsmythos. Dabei gab es den wirklich. Die kalte dunkle Welt war das Städtchen Schussenried, wo Ende der 1970er Jahre das Jugendhaus dichtgemacht wurde – wegen fehlender Ordnung und Disziplin der Nutzer.

Die Stadtväter wussten damals nicht, welche Auswirkungen ihr Beschluss auf die oberschwäbische Kulturgeschichte haben sollte. Aus diesem Ereignis heraus entstand eine ganze Protestszene für eine freie Jugendkultur in Obeschwaben, zu der Leute gehörten wie der spätere Politiker Oswald Metzger und Roland Roth, heute Betreiber der Wetterwarte Süd. Man organisierte fürs Jugendhaus die erste Protest-Demo in der Stadtgeschichte. „So viele Menschen und so gute Stimmung sah Schussenried bis dahin höchstens bei der Fasnet“, erinnern sich die Macher.

Und es war die Geburtsstunde der schwäbischen Rockmusik: Der Schussenrieder Georg Köberlein sang ein selbst getextetes Lied: ‚D‘ Marie hoggd dussa ond bläred‘. Erstmal nur zur Gitarre, der Rest kam später.

Kulturgeschichtlich war es kein Zufall, dass dies hier und jetzt passierte, denn die Rockmusik ist ja Rebellion und Ruf nach Freiheit, und für die war es Zeit im Land der Oberschwäbischen Barockstraße. Das Weltbild war konservativ, die Sitten streng und die soziale Kontrolle überall – und die Jugendhäuser winzige Freiräume in einer geregelten Freizeitwelt, wo man in die Katholische Jugend oder den Musikverein eintrat, um was zu erleben und mit Gleichaltrigen zusammen zu sein.

Und um diese neuen Freiräume wurde gekämpft. Nicht nur in Schussenried. Der Autor dieses Berichts erinnert sich an sein erstes Rockkonzert. Mit dem Rennrad ging es als Schüler in ein Dorf im Alb-Donau-Kreis. Open Air mit Schwoißfuaß! Das war die Band aus Schussenried mit den Köberlein-Brüdern, die so gesungen haben wie die Kumpels am Kneipentisch schwätzten: Rotzig schwäbisch. Und das zu Schlagzeug und Elektrogitarre. Das musste man erleben.

Kulturelle Feinschmecker hatten aber ihre Schwierigkeiten mit dem derben Idiom und dem Geblödel von Schweißfuaß und seiner Akustik-Variante Grachmusikoff. „Sie isch aus Kalkutta ond I aus Schussariad – koi Mensch hot se wella ond I hab se kriagt“ – hinter solchem Nonsens muss man den tieferen Sinn erst mal finden. Ein Journalistenkollege empfand es als pure Strafe, jedes Jahr über das Grachmusikoff-Weihnachtskonzert in Ulm berichten zu müssen. Und als ich Schwoißfuaß mit dem Ulmer Zelt veranstaltet habe, verstand dort der Veranstaltungsleiter die Welt nicht mehr. Er war vom Ruhrpott. Und tausend tobende Schwaben johlten die Texte einer ihm zuvor unbekannten Krawall-Band mit, von denen er keine Silbe verstand. Der Mann war fassungslos.

Tobendes Publikum gab es nur teilweise beim Grachmusikoff-Abschiedskonzert in Ravensburg, auch wenn der Zehntstadel ausvekauft war. Man ist zusammen erwachsen geworden. Aber was wird nun aus dem Schwobarock? Er liegt zur Übernahme bereit. Gibt es irgendwo ein Jugendhaus, das dichtgemacht werden soll?

Zurück

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzbestimmungen. Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite. Cookies akzeptieren