Reittherapie: Der Angst davonreiten

4. September 2019
Anna Welzel und Anna Kesenheimer helfen Angstreitern aufs Pferd. Foto: Christina Benz

"Auf dem Rücken der Pferde liegt das Glück der Erde“, solange, bis ein traumatischer Reitunfall oder eine beängstigende Begegnung mit dem Pferd den Sport oder das Hobby beenden. Anna Kesenheimer, Anna Welzel und Birgit Mecking von der Reitschule „Rotachmühle“ der Turn- und Sportgemeinschaft Wilhelmsdorf helfen neben ihrer Haupttätigkeit als Pferdewirtinnen und Reittherapeutinnen sogenannten „Angstreitern“ wieder aufs Pferd.

Wilhelmsdorf – „Da! Er tut es schon wieder! Er schaut mich so komisch an!“ „Er“ ist Paul. Und Paul ist ein Therapiepferd. „Pauls Blick wirkt auf Sie befremdend, weil Pferdeaugen seitlich im Kopf angelegt sind. Wenn er Blickkontakt zu Ihnen aufnehmen möchte, bleibt ihm also nur die Möglichkeit ‚pferdisch’ zu schauen“, erklärt Anna Welzel, Ergotherapeutin im Hauptberuf und nebenberufliche Reittherapeutin in der Rotachmühle ihrer Schülerin mit Pferdeangst, Sabine Maier (Name von der Redaktion geändert). 

Vertrauensverlust

Sabine Maier lernte so lange reiten, „bis das Pferd mich beim Gang in den Stall aus unerklärlichen Gründen an die Wand drückte. Außerdem hatte ich regelrechte Angst vor meinem Reitlehrer“, erzählt sie. In diesem Moment habe sie das Vertrauen in die Tiere und in den Reitunterricht verloren. „Beides kann Ängste auslösen“, erklärt Welzel, mangelnde Kenntnis des Pferdeverhaltens und ungeeigneter Reitunterricht.

Noch vor einigen Jahrzehnten habe der Reitlehrer als Autoritätsperson gegolten. „Reitunterricht stammt aus dem Militär. Viele Lehrer nahmen die Praxis des dominanten Befehlgebens Tier und Schüler gegenüber mit in ihren Unterricht.“ Maiers Angst, das einst geliebte Reiten wieder aufzunehmen, sitze noch immer tief. Aber auch der Wunsch danach. „Ich habe gehört, dass in der Rotachmühle das Reiten einfühlsam und auf moderne Art gelehrt werde. Dass Reittherapeuten vor Ort sind, die sich zwar normalerweise Menschen mit einer körperlichen oder seelischen Behinderung widmen, aber auch mit Angstreitern wie mir umgehen können“, freut sie sich. 

Keine Psychotherapeuten

Bei krankhaften Angststörungen können die Frauen allerdings nicht helfen. „Das gehört in die Hände eines Psychotherapeuten“, so Welzel. „Wir werfen ängstliche Menschen, ob Erwachsene oder Kinder, nicht sofort aufs Pferd“, erzählt Anna Kesenheimer. Ihrer Mutter gehört der Reiterhof. Sie selbst ist Pferdewirtin, Trainer A im Leistungssport und Sportlererin im Behindertensport. „Zunächst führen wir über die Bodenarbeit wie Füttern, Berühren, Satteln und Absatteln, Putzen, von der Koppel oder aus der Box holen an das Tier heran“, sagt sie. 

„Dabei klären wir zunächst, worauf die Angst begründet ist.“ Sind es die körperlichen Voraussetzungen, sind es soziale Kompetenzen wie Selbstvertrauen, die erst einmal gestärkt werden müssen“, so Welzel über ihre Arbeit als Reittherapeutin. „Man erlernt eine natürliche Autorität, die auch im Alltag hilfreich ist. Immer wieder kommen auch Führungskräfte zu uns, die über das Reiten gelassener mit ihrem Team interagieren können. Oder generell Menschen mit mangelndem Selbstwertgefühl.“ 

Wie spricht ein Pferd

Es gelte erst einmal zu erklären, wie ein Pferd sich verhält, um Sicherheit gegenüber dem Tier zu erlangen. „Manche erschrecken, wenn es plötzlich wiehert, denken, das beißt jetzt gleich. Dabei zeigt das Pferd Freude über die angebotene Karotte.“ Oder es schnaubt, scharrt, nickt, pupst. „All das gehört zur Pferdesprache.“ Erst dann geht es in den Sattel. „Meine größte Angst war da bereits überwunden“, so Maier, die seither wöchentlich eine Reitstunde nimmt.

„Die Longe, an der wir die Angstreiter führen, wird erst losgelassen, wenn sie bereit dazu sind“, so Kesenheimer, die Paul gerade sattelt. „Gut zu wissen, dass die Pferde auf dem Hof zum Therapiepferd ausgebildet werden“, sagt Maier und zieht ihren Reithelm auf. „Pferd und Reiter müssen zusammenpassen“, so Welzel. Sabine Maier sitzt auf Paul. Paul schreitet los. Erst als Maier bereit ist, geht es in den Trab. Heute will sie sogar galoppieren. Nach 20 Jahren Pferdeabstinenz aus Angstgründen. Und es ist erst ihre neunte Reitstunde.

Infos: www.rotachmühle.de

Chrisitna Benz

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