Lämmchen an Ostern – Wenn 800 Mutterschafe Junge bekommen, wird‘s eng
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18. April 2019
Zur besseren Orientierung werden die süßen Wollknäuel nummeriert Foto: Oliver Hofmann

Wer Willi Mang in seinem Stall in Reichenbach besuchen kommt, wird zunächst mit lauten „Määäh“s begrüßt. Denn jetzt sind seine 800 Mutterschafe zuhause um ihre Lämmer pünktlich zu Ostern zur Welt zu bringen. Aber ab Ende April zieht der Berufsschäfer wieder mit seiner Herde auf die Weide. 

Reichenbach – Ende März ist im Schäferbetrieb Mang in Reichenbach richtig was los: Wer sich dem Stall nähert, vernimmt trotz geschlossener Türen das aufgeregte „Mäh“ der Schafe im Stall. Man spürt: hier lebt‘s! 

Und das stimmt, schließlich werden hier während der rund dreiwöchigen Ablammphase im Schnitt fünf bis zehn junge Lämmchen am Tag geboren. Denn vor rund fünf Monaten hatten die Mutterschafe Besuch: Extra für diese Aufgabe ersteigerte Schafböcke haben jeweils rund 50 Schafe gedeckt. Hauptkriterien bei der Auswahl der Zuchtböcke sind gute Bemuskelung und Fruchtbarkeit, um die Zuchtlinie seiner Schafe bestmöglich zu erhalten. Ein Bock befruchtet in dieser Zeit allerdings nicht die ganze Herde, sondern „nur“ fünf bis sechs Schafe jeden Tag. 152 Tage später ist dann mit Nachwuchs zu rechnen.

Als Hebamme zum Einsatz kommt Willi Mang selten, denn die Schafe bringen ihre Lämmchen eigenständig zur Welt. Ob mit dem Nachwuchs  alles in Ordnung ist, erkennt Mang gleich: „Wenn es sich bewegt und aufsteht, ist meistens alles gut. Danach sollte man darauf achten, ob die Mutter das Junge auch versorgt.“ 

Im Normalfall schleckt die Mutter ihr Kleines nach der Geburt gründlich ab und befreit es von Schleim und Haut. Nimmt ein Lamm aber plötzlich einen anderen Geruch an, kann es vorkommen, dass die Mutter sich nicht mehr kümmert. Deshalb darf frühestens dann mit den Lämmchen geschmust werden, wenn ihnen ein wenig Fell gewachsen ist.

Reine weibliche Merino-Landschafe behält Willi Mang am Ende. Der Rest der Lämmer wird geschlachtet. Tut so etwas eigentlich im Herzen weh? „Als kleiner Junge hat mir das schon immer sehr leid getan. Aber mittlerweile denke ich einfach anders über die ganze Sache. Von irgendetwas muss man schließlich überleben.“

Apropos, wie finanziert man sich seinen Lebensunterhalt als Schäfer denn eigentlich? „Hauptsächlich durch den Lämmerverkauf.“ Auch Schafswolle verkauft Mang. Ein Schaf ergibt circa drei Kilo Wolle. Pro Kilo verdient der Schäfer 1,50 Euro, davon bleibt am Schluss also kein all zu großer Betrag übrig. Ohne Subventionen könnte er mit seinem Beruf nicht überleben, ist sich Mang sicher. 

Dabei ist der Beruf „Schäfer“, heute heißt er „Tierwirt mit Schwerpunkt Schafhaltung“, genau so anerkannt, wie der eines Handwerkers. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Was Willi Mang alternativ geworden wäre, kann er gar nicht beantworten, denn er ist seinem Vater in die beruflichen Fußstapfen gefolgt „Alte Schäfer sagen immer, Schäfer sein ist eine Berufung“. Und das merkt man. 

Abends um 10 oder 11 Uhr noch zu seinen Schäfchen zu fahren, das macht Willi Mang sogar gerne. Und auch einen Arbeitstag mit rund 15 Stunden nimmt er täglich in Kauf. An seinem Beruf liebt Willi Mang besonders, dass er sein eigener Chef ist, mit Tieren arbeitet und viel frische Luft schnappen kann. Mitte April geht es für ihn und seine Herde wieder auf Tour, dann wandern sie im Rahmen eines 5-Tage-Marsches auf die Sigmaringer Sommerweide, über Stock, Steine, Wiesen und vor allem auch: Straßen. 

Da kommt es schon vor, dass Autofahrer sich gedulden müssen, wenn mal eben eine 800 Köpfe starke Schafherde die Straße überqueren möchte. Darauf erlebt er gemischte Reaktionen, teils Ungeduld, häufig aber auch Freude. Von einer Kategorie Autofahrer ist Willi Mang jedoch besonders begeistert: „Die LKW-Fahrer. Das sind echt die Lässigsten. Sie stehen wahrscheinlich am meisten unter Zeitdruck, halten aber immer als erstes an.“

Laura Hummler

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