Der Braunbär mit der Badehose

27. Juni 2019
Franz Gregetz hat die Ameisenburgen der Region im Blick. Mit seiner engangs erwähnten, ungewöhnlichen Arbeitskleidung will er zwar nicht fotografi ert werden – aber er erklärt, wozu sie gut ist. Foto: Christina Benz

Franz Gregetz ist Ameisenheger: Als Ruheständler kümmert sich der frühere Krankenpfl eger um 1300 Ameisenburgen in Oberschwaben. Er hat sie kartiert und prüft die Haufen regelmäßig auf Vitalität. Zu erzählen weiß er von „Kamikaze-Ameisen“ und Parasiten, die die Krabbeltiere regelrecht hypnotisieren. Wer sich für die Ameisenkunde begeistern kann, bildet er zum Experten aus – der nächste Lehrgang ist am 3. August.

Region – Wenn einem im Wald ein Mann mittleren Alters in Badehose begegnet, einen Damenstrumpf über dem Gesicht und die Brille darüber, dann soll einen das nicht befremden. Es ist Franz Gregetz, der Ameisenheger. „Die Aufmachung ist nicht gerade attraktiv, aber die einzige, mit der ich Ameisenhaufen umsiedeln kann. Nur so bin ich gegen Angriffe der Ameisen auf Augen, Mund und Nase geschützt. Auf der nackten Haut kann ich die Hundertschaften besser abstreifen.“

Die Ameisen halten Gregetz für einen Braunbären. „Der Bär will an ihre Brut. Durch sein dickes Fell geschützt liefert er lediglich im Gesicht eine Angriffsfl äche. Der Mensch ähnelt in seiner Gestalt dem Bären“, erklärt er.

Keine Gefahr

Franz Gregetz erhält von der Obere Naturschutzbehörde eine Meldung, wenn Waldarbeiter am Werk oder Neubauten in der Umgebung von Ameisenhaufen geplant sind. „Einen Ameisenhaufen muss man Schicht für Schicht abbauen und an anderer Stelle wieder errichten“, so Gregetz. Einsaugen wie Hornissennester könne man sie nicht, dazu seien sie zu empfi ndlich. Die nackten Arme, mit denen man vorsichtig den Bau auseinanderschiebt, müssen als Werkzeuge ausreichen. „Die Waldameisen stehen unter strengem Naturschutz. Sie vertilgen eine Unmenge an Schädlingen und greifen den Menschen auch nicht an“. Fühlen sie sich aber bedroht, können sie bis zu einem Meter weit ihre Ameisensäure versprühen.

Das Schwinden der Waldameisenvölker in den vergangenen 20 Jahren sei augenfällig. Dies sei allerdings nicht nur natürlichen Fraßfeinden zuzuschreiben, sondern menschengemacht. „Schwere Baumaschinen bei der Umwirtschaftung des natürlichen Waldes zu klimasensiblen Wäldern ist die Grundursache“, meint er. Manchmal ziehen sie auch von selbst um. „Auch bei Aasgeruch nehmen sie Reißaus, bauen ab und woanders wieder auf“.

Der Feind im Haus

Oder bei Parasitenbefall. Wie etwa vom Lanzettegel mit seiner Fähigkeit, Ameisen regelrecht zu manipulieren: „Seine Larven schlüpfen in einer Schnecke, die den Nachwuchs in kleinen Schleimbällchen regelrecht aushustet. Die Ameise sieht das, freut sich über schleimhaltige Nahrung und Nistmaterial und trägt die Bällchen nach Hause“.

Mitten ins Hirn

Mit schwerwiegenden Folgen: Die winzigen Larven dringen in das Ameisengehirn ein und manipulieren das Tier von dort aus so, dass es nachts gar nicht anders könne, als auf einen Grashalm in Weidenähe zu klettern und darauf zu warten, von einem Rind verspeist zu werden – dem nächsten Zwischenwirt der Larve. „So kann der Lanzettegel etwas, wovon die Forschung noch weit entfernt ist“. Solche Geschichten kennt der Ameisenheger, der sich seit 30 Jahren mit dem Thema befasst. Und auch jene der „Kamikaze-Ameisen“, die beim feindlichen Angriff ihre Körperwände aufreißen und eine schleimige Substanz auf ihre Gegner spritzen. „Die Ameise selbst bezahlt bei dieser Verteidigung ihres Volkes mit ihrem Leben, der Feind nicht. Er ist lediglich mit dem Abputzen des Sekrets für eine Weile beschäftigt“, erklärt Gregetz.

Krieg im Garten

Im Garten vermutet man ein friedliches Nebeneinander mit diesen emsig beschäftigten Tieren, dabei spielen sich unter unseren Füßen ganze Kriegsszenarien ab. Auch Sklavenaufstände und Kinderraub gebe es im heimischen Wald und Garten: „Die Ameisen rennen in den feindlichen Bau, töten die Wachposten, stürmen die Brut, nehmen sie mit und tragen sie in den eigenen Bau.“

Um sich für ein friedlicheres Miteinander unter den Ameisenvölkern einzusetzen, quasi als Ameisen-Mediator zu wirken, dazu fehle ihm die Kommunikationsmöglichkeit, sagt Gregetz schmunzelnd. Alles andere kann man bei Franz Gregetz lernen: in seinem Schulungsangebot zum Ameisenheger. Badehose und Damenstrumpf müssen zum Unterricht nicht mitgebracht werden.

Am Samstag, 3. August, gibt es von 10 bis 18 Uhr im Naturschutzzentrum Wurzacher Ried einen Lehrgang mit ihm zum Ameisenheger. Anmeldungen bis zum 1. Juli bei Franz Gregetz unter  07563/ 1489 oder auch per E-Mail unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  

Christina Benz

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