Ellas Garten: „Ein Impuls treibt mich!“

4. September 2019
Ella Lang in ihrem Garten: „Draußen bin ich am glücklichsten.“ Foto: Christina Maria Benz

„Mein Garten ist mein Lebensglück. Da sehe ich es wachsen und gedeihen, den Wert meiner Arbeit in der Erntezeit.“ Wald, Wiese und Garten – das Leben der 83-jährigen Ella Lang aus Königseggwald spielt sich seit jungen Jahren hauptsächlich draußen ab.

KÖNIGSEGGWALD – „Ich wollte nie etwas anderes als Bäuerin sein“, erzählt sie aus der Zeit, als sie in einen Mischbetrieb einheiratete. „Wenn ich in meiner Ausbildungszeit im Frühling durchs Internatfenster schaute, setzte ein gewisser Impuls bei mir ein.“ Ein Impuls, der sie nach draußen treibe.„Wie der Lebensimpuls in den Pflanzen selbst“, beschreibt sie das Gefühl. Und alles sei noch Handarbeit gewesen, auch das Wetterlesen: „Ich erinnere mich“, erzählt Ella, „als mein Vater im September die Nase in die Luft hielt und sagte: ‚Alles aus dem Boden! Es kommSchnee.“ Dieses Feingefühl für die Natur sei früher grundlegendes Gärtnerwissen gewesen. „Da dachte man nicht darüber nach“, sagt sie. Den Hof bewirtschaftet sie schon lange nicht mehr, das Gärtnern ist ihr geblieben: „Wo einmal die Seele dringesteckt hat, da bleibt sie auch“, sagt sie. Mittlerweile bewohnt sie ein schmuckes, kleines Bauernhaus, gepflegt bis in die Mauerritzen.

Bilderbuchgarten

Vor der Tür entfalten sich die Beete wie eine Seite aus einem Fotoband über alte Bauerngärten: Kartoffeln, Salat, Kohl, gelbe Rüben, Lauch, Meerrettich. Und Blumen. Eine Unmenge an Blühpfanzen! „Aber auch moderne Gemüsesorten wie Zucchini und Kürbis habe ich im Boden“, zeigt Ella. Rote Bete, Karotten, Erbsen, Zwiebeln! Wo ist der Kräutergarten? „Den habe ich dazwischen: Liebstöckel, Schnittlauch, Petersilie, Melisse.“ Keine Lifestyle-Kräuter, sondern Bodenständiges und so kräftig wachsend, dass man die Pflanzen als heiter bezeichnen könnte. Wie Ella selbst. “ Nur handeln, wo nötig, sagt sie. „Ich bin nicht für die Spritzerei im Garten. Bei mir gibt es keine Chemie“, sagt sie.

Struktur im Lebensgarten

„Bei mir wächst nichts, wo es nicht hingehört.“ Ihre ‚Hofgraser’, ihre Hühner, sorgen dafür, sagt sie. Und was unternimmt sie gegen Schädlinge auf den Gemüsepflanzen? „Die fliegen weg, wenn sie mich kommen sehen“, behauptet sie, und wie zum Beweis stürzen sich weiße kleine Fliegen in die Luft, als Ella mit ihrer geblümten Kittelschürze den Kohl streift.

„Das Ungeziefer hat auch ein Recht auf Leben“, meint Ella. „Alles Leben ist nützlich, sonst hätte es uns der Herrgott nicht gegeben, auch dem Gemüse und den Insekten.“ Der Garten gebe schlussendlich auch ihr Lebenskraft, Tages- und Jahresstruktur“, erzählt sie. Und die Struktur sei wichtig, sie bereite dem Leben einen fruchtbaren Boden. Auch die Lebensfreude, die man bei der Gartenarbeit empfinde, Luft und Bewegung seien das, was Körper und Seele brauchen, damit der Mensch zufrieden und kraftvoll durchs Leben gehen kann, überlegt sie auf die Frage, woher sie trotz Schicksalsschlägen ihren Optimismus und Humor nimmt. „Nach dem Tod meines Mannes, da war ich noch jung. Da war es gut, dass es im Frühjahr wieder losgegangen ist mit dem Lebensrhythmus draußen, dass ich wieder ins Leben hinauskonnte“, besinnt sie sich. Gerade jetzt im hohen Alter sei es wichtig, sich jeden Tag Ziele zu setzen, sich einen Plan zu machen, wie einen Aussaatplan im Garten, sagt sie.

Ein Geben und Nehmen

Der Garten scheint Ella ihre Fürsorglichkeit zu danken. Schlussendlich ernährte sie bereits früher ihre Familie von ihm. Und im Herbst wurde eingeweckt, dann gelagert, wo Platz war: im Kartoffel- und Rübenkeller und sogar in einer großen Milchkanne. Ella ernährt sich vom Garten und der Garten von Ellas Arbeit.

„Morgens um 7.30 Uhr erreiche ich sie bereits telefonisch nicht mehr“, sagt ihre Tochter. Da ist Ella schon am Gießen, Jäten, Umgraben. „Ich rate jungen Menschen: Pflegt euren Garten regelmäßig, auch euren Lebensgarten. Sonst macht er irgendwann keinen Spaß mehr. Ein Garten lebt, wenn man ihn liebt.“ Man müsse bewusst säen, pflegen und ernten. „Man muss wissen, was man tut und warum man es tut, nicht leichtsinnig oder nachlässig sein“, sagt sie. „Auch die Kommunikation am Gartenzaun mit den Nachbarn ist dir wichtig“, lenkt die Tochter ein.

Gartenzaungeschichten

Und ja, es wachsen kleine Gartenzaungeschichten auf Ellas Boden: „Im tiefsten Winter kam ein Nachbar daher und bemerkte, er habe sie schon einige Tage nicht mehr im Garten gesehen, ob es ihr gutgehe. „Altes Kalb“, antwortete sie. „Soll ich jetzt Eiszapfen ernten, oder was?“. Ein anderes Mal war sie am Auflesen von Kartoffelkäfern, als der Diakon vorbeilief. „Er fragte mich, warum ich die Käfer in einem Couvert sammle, was ich damit vorhabe. Als ich es ihm mitteilte, kugelte er sich vor Lachen auf dem Boden: ‚Feuerbestattung, Herr Diakon‘, sagte ich nämlich.“ Manchmal müsse man eben gezielt die Sichel setzen und über Leben oder Tod bestimmen. Dennoch denke sie nicht viel nach im Garten, zumindest nichts Sorgenvolles. „Sorgen mache ich mir nur um Regenmangel.“

Im Alter fest verwurzelt

Einsamkeit im Alter, das kennt Ella also nicht: „Wenn man ins Alter kommt, muss man seine festen Dinge wie Wurzeln bereits ins Leben integriert haben. Da muss man nicht mehr suchen wollen. Dann ist es zu spät“, sagt sie. Für Ella ist das ihr Garten.

Christina Benz

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