Ein altes Stück Saulgau

Ein altes Stück Saulgau
Die ersten Besucher am Urnengrab waren Petra Halder und Hubert Michelberger, der sogar auf der Baustelle als junger Handwerker gearbeitet hat Foto: Christina Benz
21. Februar 2019

Fast 3000 Jahre alt ist die Urne, die im spätmittelalterlichen Keller des ehemaligen Gasthofs Kreuz gefunden wurde: Eine kleine archäologische Sensation. Jetzt wollen es die Forscher genau wissen: Wer wurde da beerdigt?  

Bad Saulgau – „Kein einmaliges Ereignis. Aber einmalig als historischer Fund mit großem wissenschaftlichen Wert“. So beschreibt Beate Schmid vom Landesamt für Denkmalpflege in Tübingen das Fundstück  aus dem „Kreuz“-Keller. Bereits 1921 seien in Saulgau zwei Gräber aus den Jahren 1200 und 800 vor Christus entdeckt worden. Das jetzt gefundene Stück aus der Zeit um 1000 vor Christus sei der bisher älteste Siedlungsnachweis der Altstadt. 

„Wir haben bei den Untersuchungen des Kellers Funde aus dem Mittelalter erwartet“, so Thorsten Kassner vom städtischen Denkmalschutz. Dass man das Grab eines 3000 Jahre alten Saulgauer Siedlers entdecke, damit habe keiner gerechnet. Saulgau ist ja selber erst 1200 Jahre alt. Die archäologische Kostbarkeit stamme aus der sogenannten Urnenfelderkultur. „Brandbestattungen waren damals üblich“, so Schmid. Unüblich sei es allerdings, noch auf solche Urnen zu stoßen. Meist werden sie durch jahrhundertelange Überbauung zerstört. „Im Altstadtkern bei der Kirche wurde stets gebaut“, so die Archäologin. „Es war ein Glücksfall, dass diese Urne überhaupt noch existiert“, sagt Jochen Xander, der Geschäftsführer des Tübinger Unternehmens, welches das Grabungsteam gestellt hat. Sie lag nur 50 Zentimeter tief unter dem heutigen Niveau und war bereits durch einen Leitungsgraben beschädigt“.

Archäologin Beate Schmid: „Als Bauunternehmer und Laie erkennt man archäologische Funde kaum und baggert weiter“. Wahrscheinlich gab es noch mehr, „eine Urne kommt selten allein“. In der Urne befindet sich der sogenannte Leichenbrand, Asche der bestatteten Person. „Zusätzlich enthält sie Grabbeigaben in Form zweier Armreife, eines Fingerrings und Goldflitter.“ Daraus könne man schließen, dass es sich nicht um einen hochgestellten, aber vielleicht einen höhergestellten Bestatteten handelt.

Jetzt ist die Urne in einer Restaurierungswerkstatt. „Dort wird die Erde nochmal sorgfältig gesiebt, die in der Urne enthaltenen Gefäße zusammengesetzt und das Metall restauriert“, erklärt Beate Schmid. „Außerdem wird unser Spezialist für Leichenbrand Alter und Geschlecht der bestatteten Person herausfinden.“

Bleibt noch die Frage nach dem Überraschungseffekt bei einem solchen Fund: „Ein solcher Glücksfall tritt eher selten ein. Da ist man entsprechend aufgeregt“, so Christoph Farion, Teamleiter der Grabungsstelle. „Laute Freudenschreie an der Grabungsstelle sollte man allerdings vermeiden“, erzählt er. „Einen Fund darf man nicht über Nacht an der Grabungsstelle belassen. Würden Freudentänze der Archäologen die Aufmerksamkeit Unbeteiligter erregen, könnten die der Versuchung erliegen, selbst zu graben“. Es war ein vorangeschrittener Winterabend, als er mit seinem Kollegen Maximilian Zerrer auf die Urne stieß. „Unter erschwerten Bedingungen mussten wir den Fund rasch bergen. Da zählt professionelles Vorgehen, nicht emotionales.“ 

Ihre letzte Reise tritt die Urne dann ins Archiv des Landesmuseums nach Rastatt an. Beate Schmid: „Wenn Bad Saulgau Interesse hat, eine vorübergehende Ausstellung der Urne zu organisieren oder sie als Leihgabe zu übernehmen, kann die Stadt den Antrag stellen“.

Christina Benz

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