Die Kirche aus dem Koma boxen – und Priesterin werden

29. April 2019
Jacqueline Straub ist eine junge, moderne Frau mit Kämpfergeist und hat ein großes Ziel: Priesterin werden Foto: Meli Straub

Jaqueline Straub hat sich etwas vorgenommen. Sie will Priesterin werden. Als Frau. In der katholischen Kirche. Im Interview erklärt die 28 Jahre  Theologin, Journalistin und Autorin, was sie antreibt.

Pfullendorf – In mittlerweile mehreren Briefen an den Papst, drei Büchern und etlichen öffentlichen Statements verteidigt Jacqueline Straub ihren Wunsch, in der katholischen Kirche Priesterin werden zu wollen. Dabei fand die Pfullendorferin ihren Weg zu Gott erst als Jugendliche. Worte wie High-Heels oder Schminke hat sie nicht erst aus dem Repertoire gestrichen, und auch bei ihrem Sport denkt man nicht unbedingt an Kirche: Jacqueline boxt. 

"Kickt die Kirche aus dem Koma“, fordert Straub daher in ihrem aktuellen gleichnamigen Buch. Immer mit den Waffen einer Frau: Stärke und Kämpfergeist. Der britische Sender BBC zählt Jacqueline Straub zu den 100 inspirierendsten und einflussreichsten Frauen der Welt. .

Frau Straub, wie lange liegt ihr letzter Brief an Papst Franziskus zurück? Schreiben Sie aktuell einen Brief an ihn? 

Das war im Dezember 2017. Zuvor hatte ich bereits zwei weitere geschrieben, aber den letzten habe ich persönlich übergeben, bei der Generalaudienz in Rom. Meine Bücher habe ich ihm dabei auch in die Hand gedrückt. Monate später erhielt ich auch eine nüchterne Antwort darauf, die aber sehr allgemein verfasst war. Aktuell liegt wieder ein Gedankenkonzept auf meinem Schreibtisch, das ich allerdings erst noch ausarbeiten muss.

Warum ist es als Frau so schwer, sich durchzusetzen? Welche Argumente bringt die Kirche Ihrem Vorhaben entgegen?

Beim Thema Frauenpriestertum wird immer die Tradition genannt. Ich höre zum Beispiel oft, dass „Frauen nicht berufen sein können“ oder dass „Frauen nicht in Führungspositionen gehören“, was dann jedoch nicht weiter ausgeführt oder theologisch begründet werden kann. So etwas steht in der Bibel nirgendwo geschrieben. Womit auch häufig argumentiert wird, ist, dass Jesus ein Mann war. Gott musste in einem Mann Mensch werden, weil eine Frau in der damaligen Zeit öffentlich nicht hätte sprechen dürfen. Diese Strukturen sind völlig veraltet, da muss sich was ändern. 

Ist es im Zeitalter des offenen Umgangs mit Sexualität überhaupt noch möglich, 100 Prozent katholisch zu leben?

So, wie es der Vatikan predigt,  nicht. Keinen Sex vor der Ehe zu haben, auch während der Ehe auf Verhütung zu verzichten, sich ausschließlich aus Fortpflanzungsgründen anzunähern, all diese „Regeln“ erscheinen mir unrealistisch und schlicht nicht mehr zeitgemäß.  Gewisse Komponenten wie Heiratsalter und Geschlechtsreife haben sich heutzutage einfach völlig verändert, wir werden früher geschlechtsreif, heiraten aber später – daraus ergibt sich eine ganz andere, viel längere Zeitspanne, in der wir unsere Partner wählen können. Selbstverständlich toben wir uns da auch mehr aus. Die katholische Kirche braucht eine neue, der Zeit entsprechenden Sexualmoral. Zumal gerade sie dafür mitverantwortlich ist, dass tausende Menschen von eben den Menschen missbraucht wurden, die eigentlich keusch leben sollten, Priestern.

Also gibt es zwischen den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche und dem Zölibat eine Verbindung?

Ja. Aber der Zölibat alleine ist nicht schuld an den Verbrechen. Viele Kleriker haben ihre Macht missbraucht. Es herrscht seit langem eine Doppelmoral, deshalb bin ich auch so stark für einen freiwilligen Zölibat. Viele Menschen haben keine Lust mehr auf die Kirche, weil sie diese Doppelmoral satt haben. Einerseits Keuschheit predigen, andererseits die ganzen Vergewaltigungsfälle. Das passt nicht zusammen. Leider werden Frauen in der Kirche stark sexualisiert. Als Frau hat man die Auswahl zwischen Maria und Eva. Die Jungfrau Maria ist aber nicht erreichbar und dem sündenbelastenden Bild der Eva will wohl keiner nachstreben. Ich finde, dass Frauen so sein sollen, wie sie sind. Sie sollen sich kleiden dürfen, ohne dass jemand ihnen etwas vorschreibt. 

Sind Glaube und Religion für Sie überhaupt noch vereinbar?

Ich mache da gar keinen Unterschied. Meine Religion ist das Christentum, meine Konfession römisch-katholisch. Klar könnte ich auch ohne die Kirche an Gott glauben, aber sie liegt mir viel zu sehr am Herzen. Ich glaube, dass sie im Grunde eine gute und wichtige Institution ist und Heimat für viele Menschen sein kann.Sie setzen sich dafür ein, der Jugend die Kirche wieder näher zu bringen.

Wieso schreiben Sie ausgerechnet Bücher und machen nicht zum Beispiel Youtube-Videos?

Bücher sind einfach zeitlos. Zudem schreibe ich einfach sehr gerne. Ich habe sogar einen Youtube-Kanal, auf dem ich aber nicht so aktiv bin. Ich bin bei Instagram und Facebook präsent und versuche dort den Menschen zu zeigen, wie schön es ist, an Gott zu glauben.

In ihrer Freizeit steigen Sie gerne in den Ring. Steht dieses Hobby nicht im Gegensatz zu Ihrem Glauben?

Also ich finde, beim Fußball geht es teilweise härter und vor allem unfairer zu. Ein guter Trainer schickt einen nicht in den Boxring, wenn man aggressiv ist oder einen schlechten Tag hat. Man muss sehr konzentriert sein und die Regeln des Sports, also Fairness respektieren.Außerdem kann ich beim Boxen Parallelen zu meinem eigenen Leben entdecken: Du musst lange trainieren, bis du in den Ring steigen kannst. Du musst demütig sein und akzeptieren, dass du nicht jeden Kampf gewinnen kannst. Du gehst K.O., stehst aber wieder auf, das gibt nicht nur körperliche, sondern auch geistige Kraft. Für mich hat Boxen nichts mit sinnlosem Prügeln zu tun, sondern mit geistiger Stärke und Intelligenz.

Sie haben auf Social Media ein neues Format: „Schlag und Frag“, das alle zwei Wochen erscheint. Worum geht es dabei?

In der Serie steige ich mit Menschen in den Ring, die auch im privaten Leben schon Kämpfe bestritten haben. Wir werden im Ring tatsächlich „kämpfen“, im Anschluss aber auch reden. Jeder von uns kämpft mal irgendwann in seinem Leben, der eine mehr, der andere weniger. Es braucht Mut, dazu zu stehen und den möchte ich Menschen, vor allem Jugendlichen, machen. Sie sollen sehen, dass es okay ist, nicht perfekt zu sein.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? 

Leider noch nicht als römisch-katholische Priesterin. Ich werde dafür kämpfen, aber realistisch gesehen werde ich wohl noch im Journalismus beheimatet sein. Aufhören, für die Gleichberechtigung der Frau in der katholischen Kirche zu kämpfen, werde ich niemals.

 

Laura Hummler

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