„Der Tod ist nur des Schlafes Bruder“

„Der Tod ist nur des Schlafes Bruder“
Sascha Kraft: „Den Tod mehr ins Leben zu integrieren, ihn als einen natürlichen Prozess anzusehen, nimmt die Angst vor ihm.“ Foto: Christina Benz
13. November 2019

Sascha Kraft ist Bestattermeister. In dem von dem 28-Jährigen gegründeten Familienunternehmen in Hohentengen beschäftigen sich Großmutter, Mutter, Vater und Bruder gemeinsam mit Inhaber Sascha tagtäglich mit einer Thematik, die in vielen Menschen Verunsicherung und  Trauer hervorrufen kann. Sascha Kraft aber will dem Tod mehr Leben schenken, wie er sagt.

Bad Saulgau - „Herr Kraft, was ist der Tod?“ – Mit Sascha Kraft kann man gerade über solche Themen sprechen, er will sogar, dass man es tut. Ich treffe mich mit dem jungen Mann am Vorabend zu Allerheiligen an einem seiner beruflichen Einsatzbereiche: dem Hohentengener Friedhof. Kein Wimpernzucken seinerseits, als ich mit diesem Motiv ins Interview einsteige, kein amüsiertes Lächeln. Als ich seine Antwort erwartet, habe ich eine kleine Friedhofführung hinter mir.

Sascha Kraft hat mir die alte Kapelle gezeigt, das Kriegerdenkmal, die Bepflanzung der alten Friedhofsmauer und mich auf die Stimmung an diesem Ort an diesem Vorabend zu jenem Tag hingewiesen, an dem den Vorausgegangenen der Familien besonders gedacht wird. „Wie auf dem Wochenmarkt geht es hier zu“, sagt er. Aus allen Ecken und Winkeln wird  er gegrüßt von jenen, deren verstorbene  Angehörige er „in die ewige Ruhe begleitet“ hat. Beinahe erinnert mich das an Hebammen, die kleine Menschen auf der Welt begrüßen.

Kraft verabschiedet sie nach ihrem Verscheiden, wie er erzählt, ebenso achtsam und respektvoll. Er fühle sich eher für das Lebensende als für dessen Anfang geschaffen, meint er. „Was folgt, wenn mir Angehörige ihren Verstorbenen anvertrauen, ist zunächst die klassische Arbeit eines Bestatters, die Vorbereitung des Verstorbenen für seine Beisetzung“, erzählt er. 

 „In den Mittelpunkt stelle ich stets den Trauernden“, so Kraft weiter. „Dem Verstorbenen geht es jetzt gut. Die Hinterbliebenen setzen sich nun mit der Trauer auseinander.“ Seine Weiterbildungen und sein großes Interesse an Trauerpsychologie, aber auch eine unverzichtbare Menschenkenntnis schaffen für unterstützende Gespräche die Grundlagen. „Da geht es nicht um Trost, sondern dass der Mensch sich wieder in eine stabile Richtung einordnen kann.“ In der Trauer sei man kaum fähig, Entscheidungen zu treffen.

Impulse seien dann wichtig, individuelle Rituale, die eine dem Hinterbliebenen entsprechende Verabschiedung erlauben. „Wenn erwünscht, biete ich die Infrastruktur, den Verstorbenen in vertrauter Atmosphäre zu Hause zu verabschieden. Gerade dem ländlichen Brauch gemäß organisiere ich auch Totenwachen.“

Einen letzten Fingerabdruck lässt er in einen Ring  fassen. Eine Gesichtsmaske als Andenken fertigen.„Es ist Zeit, die Dinge neu zu denken“, sagt Kraft. Es dämmert auf dem Friedhof, die Grableuchten werden sichtbar. Tatsächlich bewegt sich Kraft dort, als sei er nie woanders gewesen: Sicherheit gebend, selbstbewusst, wie auf einem Spaziergang. Das käme so ungefähr hin, antwortet er auf meine Bemerkung.  „Schon als kleiner Junge habe ich mich auf dem Friedhof aufgehalten, bei Beerdigungen zugeschaut. Anders als Gleichaltrige hat mich das fasziniert.“

Gerne am Samstag  

So sei er keinem Handwerksberuf gefolgt, sondern zum Repräsentanten seines eigenen Unternehmens geworden, auf einer Basis, der er sich schon immer nahegefühlt habe: dem Tod. „Herr Kraft, was ist er nun, der Tod?“ Die von ihm im Aufbahrungsraum entzündeten Kerzen wärmen die Traueratmosphäre mit orangefarbenem Licht. „Lieben Sie Johann Sebastian Bach? Der Tod ist des Schlafes Bruder.“ 

Der Tod sei ihm vertraut. Seine „Gäste“, wie er die im Kühlraum seines Unternehmens aufgebahrten Verstorbenen nennt, ängstigen ihn nicht. Nur seine eigenen Vorfahren, in deren Haus Kraft nun sein Unternehmen eingerichtet hat, „die rütteln ab und zu mal an den Türen, öffnen Fenster oder lassen Gegenstände verschwinden“, glaubt er. Könne er sich seinen Sterbetermin heraussuchen, wäre das ein Samstagmorgen. „Da bin ich frisch geduscht und würde mich noch so vorbereiten, dass mein Bestatter dann nicht zu viel Arbeit mit mir hätte.

Christina Benz

Zurück

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzbestimmungen. Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite. Cookies akzeptieren