Der Gründervater des Pfrunger-Burgweiler Rieds

29. August 2019
Die Wiedervernässung wird auch in Zukunft noch bestehende Moorbereiche stabilisieren und vielen Arten alte und neue Heimat bieten. Foto: Benz

Als Lothar Zier als frischgebackener Revierförster von Franken nach Bayern kam, waren Motorsägen noch weitgehend unbekannt. Dass diese ihn einmal in Oberschwaben zum Sonderbeauftragten des Pfrunger-Burgweiler Riedes machen sollten, konnte er damals noch nicht ahnen.

KÖNIGSEGGWALD – Als Lehrer in der Münchner Waldbauernschule konfrontierte man Zier erstmals mit der Maschine, die Axt, Säge und Keil beim Bäumefällen ablösen sollte. „Nie zuvor hatte ich ein solches Gerät in der Hand, sollte aber meine Schüler an die Arbeit damit heranführen“, erinnert er sich. Vom Hersteller in Waiblingen zurück, hatte er eine Motorsäge im Gepäck, „mit der ich einmal üben sollte“, sagt er.

Motiviert in die Zukunft

„Schwer vom Gewicht und leistungsarm war sie, im Vergleich zu den heutigen Modellen“, meint er. „Ambition und Motivation ist Teil meiner Persönlichkeit, so wollte ich gleich loslegen“, und erhielt umgehend Übungsfl äche. „Ein starker Sturm kam auf in Bayern, stieß 100 000 Bäume zu Boden. Die Waldbesitzer wurden nervös, zu wenig Arbeitskräfte standen zur Verfügung, um per Hand das Sturmholz zu verarbeiten“, so Zier. Zeitgleich informierten die Zeitungen über die ersten Motorsägen. Zier ergriff die Chance. Und mit seinem Buch über die Möglichkeiten von Motorsägen in der Tasche – „ich hatte bis dato nichts davon verstanden und trotzdem darüber geschrieben“ – machte er sich auf den Weg quer durch Bayern, um die Waldbesitzer, Kommunal- und Forstbetriebe den Umgang mit der Maschine beizubringen. „Durch Motivation, Hoffnung und Katastrophe wurde mein berufl icher Weg geebnet“, sagt Zier, der zuvor im breiten berufl ichen Feld der Forstwirtschaft noch seine entgültige Berufung gesucht hatte. Die hatte er nun: „An der Schule tat ich nichts anderes mehr, als Forstschutz und Forsttechnik zu lehren.“

Von Bayern nach K‘Wald

Dies zu einer Zeit, als der Beruf des Waldfacharbeiters noch nicht spruchreif war. „Vor 60 Jahren war es noch undenkbar, mit einem Mähdrescher in den Wald zu fahren“, erinnert sich Zier. Seine ganze Zeit in der Forstwirtschaft habe er nichts anderes getan als die forsttechnische Entwicklung zu begleiten. Im Verlauf seiner Lehrtätigkeit kam er in Kontakt mit dem größten Waldbesitzer Deutschlands, dem Fürstenhaus Thurn und Taxis, dessen Waldarbeiter er schulte. „Herr Zier, wir haben auch noch Waldbestände im Württembergischen. Wollen Sie diese auch auf Vordermann bringen?“, hieß es dort. Zier wollte und kam nach Sießen, Ehingen, Obermarchtal. Und dachte: ‚Jetzt bin ich schon in Sießen, jetzt schaue ich auch noch nach Königseggwald.‘ „Die Zeitungen berichteten von der Ära der neuen Forstwirtschaft in der Grafschaft, die über in Bayern noch gänzlich unbekannte Maschinen verfügte.“ Es folgte Ziers Blick über die Schlossmauer: „Hinter dem Haus begann das Ried. Das faszinierte mich“, erzählt er.

Neuland erschließen

Er traf sich mit Gleichgesinnten, die sich bereits mit der Geschichte des zweitgrößten Moors Südwestdeutschlands befasst hatten. „Wenn ich mich mit einer Sache befasse, dringe ich in die Tiefe“, sagt Zier, ließ sich das Ried zeigen und opferte fortan seine Freizeit auf dem damals noch vom Torfabbau geprägten Gelände, bestimmte unermüdlich Flora und Fauna, kartierte, notierte, forschte und stellte wissenschaftliche Dokumentationen auf, um die Ergebnisse zu belegen. „Meine Frau sagte immer: ‚Hast wieder einen ganzen Heuschopf mitgebracht‘, wenn ich nach Hause kam.“ In Stuttgart besuchte Zier den Besitzer der größten Fläche, den Schwäbischen Heimatbund. „Ich wollte wissen, warum diese Naturschutzorganisation sich kaum um das Ried kümmerte.“ Kurz zusammengefasst, kam Zier nach Hause zurück mit seinem neuen Posten als Vertreter des Schwäbischen Heimatbundes und Chef des Pfrunger-Burgweiler Riedes. Nun musste ein Team gefunden werden. „Aber alle waren mit Studium oder Arbeit beschäftigt.“ Also lief Zier los, erwarb Flächen jeglicher Größe.

Deals um Fläche

„Ich drehte Deals, war der schlimmste Querulant im Dorf, um auch die kleinsten Areale von ihren bisherigen Besitzern abzukaufen“. Er konnte das Gebiet erweitern und lernte den damaligen Direktor der Ringgenhofklinik kennen. „Er hieß sogar Rieth, Eberhard Rieth. Und der sagte: ‚Warum baust du dort kein Naturschutzzentrum auf?“. Die folgenden zehn Jahre machte Zier sich daran, in dem alten Häuschen, aus dem später das jetzige Naturschutzzentrum Wilhelmsdorf wurde, Lehrpfade zu konzipieren, später die Schautafeln zu entwickeln und Ausstellungen zu entwerfen. Lehrreisen um den halben Globus folgten und mehrsprachige Vorträge, auch in Gedichtform.

Pia Wilhelm, die jetzige Leiterin stellte sich ihm an die Seite. „Pia wollte zunächst ehrenamtlich arbeiten, musste aber auch ihr Geld verdienen. Sie wurde angestellt und übernahm später das Heft.“ In Wirklichkeit ist die Geschichte detailreicher, würde ganze Bücherseiten füllen, mehr, als Zier jemals veröffentlicht hat – und das sind einige. Im September stellt er sein neuestes vor. Auf 260 Seiten erzählt er die Geschichte von Riedhausen, natur- und heimatkundlich. Jetzt will Zier kürzer treten, vergangene Woche hat er seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Christina Benz

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