Andante für eine Drehorgel

8. August 2019
Das Erarbeitete wird gleich vorgeführt Foto: Benz

Das Kreiskulturforum und der Landkreis Sigmaringen bieten noch bis zum Jahresende einen Einblick in die Geschichte von Handwerk und Gewerbe. Vergangene Woche zeigte der Musikarrangeur Edi Hofmann, wie die Harmonien in die Drehorgel gelangen.

PFULLENDORF — Edi Hofmann aus Pfullendorf-Denkingen ist einer der wenigen Musikarrangeure in Deutschland, die noch per Hand die Melodien für Drehorgeln erst auf Walzenpapier zeichnen, stanzen und dann in die Dose bringen, die ins Instrument eingesetzt wird.

Im vergangenen Jahr feierte Edi Hofmann das 30-jährige Bestehen seines gleichnamigen Unternehmens in Denkingen. Dort arrangiert er wortwörtlich am laufenden Meter Musik für professionelle und private Drehorgelspieler. Seine Kunden kommen aus rund 30 Ländern. Bei Hofmann erwerben sie die grünen Plastikdosen, in denen sich die auf wettergeschützten Papierrollen gestanzten Schlager, klassischen Stücke, Weihnachts- oder Hochzeitslieder befi nden. „Jede Rolle trägt im Schnitt vier Lieder. 600 habe ich bereits. Also füllen rund 2500 Melodien mein Archiv“, so Hofmann. Dennoch senden seine Kunden häufi g Noten von Wunschmelodien an ihn, die Hofmann dann für die Drehorgel ausarbeitet. So wie jetzt: Im Auftrag eines Kunden soll Hofmann das Volkslied „Mein Waldeck“ drehorgelkonform arrangieren.

30 Meter Musik

Hofmann setzt sich an die Orgel, spielt sich selbst die Melodie vor und konzipiert gleich eine zweite und dritte Stimme. Die Papierrolle vor sich ausgelegt, beginnt er mit Lineal und Kugelschreiber aus dem Kopf die Takte und Tempi einzuzeichnen. „Jetzt lege ich mit der Schablone die Stellen fest, an die die Melodie eingestanzt wird“, erklärt er.

Wer vom Musikarrangieren keine Ahnung hat, kann sich nicht erklären, was Hofmann da tut, wenn seine Hände in Windeseile Kreise und Striche auf das Papier bringen. „Fertig ist das Musikstück“, behauptet er. „Raten Sie mal, wieviele Löcher es braucht, um eine Melodie zu erzeugen“. Fast 30 Meter misst die Rolle. „Einige tausend“, antwortet er selbst. Und die stanzt jetzt gleich Getrud Bixler, seine Mitarbeiterin. Auch sie verfügt über Profi wissen, stanzt Hofmanns Harmonien in Papier, fast so lange, wie das Unternehmen existiert.

Als das Stück auf die Rolle aufgezogen ist, beweist Hofmann an seiner Drehorgel, dass die Löcher Musik sind. Tatsächlich: „Mein Waldeck“ kommt mehrstimmig aus seinem Leierkasten. „Leiern ist ein abfälliges Wort“, sagt er. „Schlecht gebaute Drehorgeln waren früher mit lockeren Nägeln versehen, die die Musik leiern ließen.“ Das kann man von Hofmanns Drehorgeln nicht behaupten. Alle Instrumente klingen bei ihm, wie sie sollen. „Für eine kleine Orgel kann man nicht allzu große Arrangements anfertigen. Dazu hat sie zu wenig bauliche Möglichkeiten. Aber die große, die kann‘s,“ sagt Hofmann und legt die Rolle mit dem MozartArrangement „Andante für eine Walze“ ein.

Ein Klang wie aus einer Kirchenorgel! Man könnte stundelang lauschen, auch, wenn sich bei Drehorgelmusik bei so Manchem doch immer ein wenig Beklemmung zum Nostalgiegefühl gesellt. „Das kommt von der traurigen Geschichte dieses Instrumentes“, meint er. „Nach den Kriegen stattete der Preußenkönig Kriegsinvaliden mit Drehorgeln aus, damit sie auch etwas Geld verdienen konnten.“ Edi Hofmann allerdings lebt gut von seinem Geschäft und sagt: „Es ist meine Leidenschaft. Mit Stift und Papier in der Hand bin ich in meiner Welt.“

Christina Benz

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