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Mit dem richtigen Dreh entsteht hier Glück aus Glas

Mit dem richtigen Dreh entsteht hier Glück aus Glas
Aus erhitzten Glasstäben „zaubert“ Charly Hummel als einer von wenigen Kunsthandwerkern in Deutschland noch Murmeln in Handarbeit (Foto: Viola Krauss)

Es ist fast wie Zauberei: Eine Flamme, Glasstäbe und 20 geschickte Finger – damit entstehen im historischen Glasmacherdorf Schmidsfelden in der Nähe von Leutkirch bei Gabi und Charly Hummel durchscheinende Objekte von beinahe magischer Schönheit.

Leutkirch-Schmidsfelden – Das Sonnenlicht tanzt und flirrt auf dem Glas. Die Objekte, die im Atelier des historischen Oberhauses vor den Fenstern hängen und inder Auslage liegen, schimmern und funkeln in allenFarben: durchsichtige und matte Perlenmit allerlei Mustern, Herzen oder ein Froschkönig auf einer blauen Kugel. Ein paar Schritte weiter stößt der Betrachter in der offenen Werkstatt auf ganze Welten, eingefangen in sechsbis acht Zentimeter großen Murmeln: Galaxien mit Sternennebeln, Unterwasserlandschaftenoder zarte Blumen sind da zu sehen. So etwas zieht nicht nur Kinder magisch an.

Die Leidenschaft seiner Frau für den formbaren Werkstoff Glas und ihre Arbeit als Glasperlen-Dreherin (das WOCHENBLATT berichtete im Februar 2018) machten Charly Hummel vor mehr als zehn Jahren nebenberuflich zu einem der wenigen Glas-Murmelmacher in Deutschland. 

Kein Kinderspiel 

Während Gabi Hummel ihre Glasperlen-Kreationen auf Kunsthandwerkermärkten anbot, zeigte ihr Mann, wie sie entstehen. „Das Know-how dafür hat mir Gabi beigebracht. Nach einem Workshop war ich infiziert. Ich habe Glaskünstlern über die Schulter geschaut und habe mir Werkzeug angeschafft.“ So oft es ging, hat er sich hinter die Flamme gesetzt, herumprobiert und Ideen realisiert. Die gläsernen Kugeln, die dabei herauskommen, landen meist nicht nur wegen ihrer Größe von sechs bis acht Zentimetern eher in Vitrinen als fürs Murmelspiel in Kinderhänden.

Auch die Herstellung ist kein Kinderspiel. Jeder Handgriff muss sitzen, damit genau das entsteht, was Charly Hummel zuvor erdacht hat. Eine Galaxie-Murmel soll es heute werden. Der Brenner spuckt eine gelbliche bis zu 2000 Grad heiße Flamme.Der Murmelmeister hält einen daumendicken klaren Glasstab hinein. Der beginnt nach kurzer Zeit wie Kerzenwachs zu schmelzen. Als das Gebilde weich genug ist, legt er es auf eine Grafitplatte, nimmt seinen Kugelformer und schlägt diesen mit der glatten Seitenfläche auf das glühende Ende des Glasstabes. Das Ergebnis sieht aus wie ein Lolli. 

Galaktischer Glitzereffekt

Diese Prozedur wiederholt der 62-Jährige bei einem zweiten Glasstab. Wenig später legt er ein speziell bedampftes Glasplättchen auf einen der „Lollis“ und hält beides wieder an die Flamme. Das Spezialglas stammt aus den USA. Es verschmilzt mit dem „Lolli“. „Das sorgt später für den galaktischen Glitzereffekt im Murmelinneren“, erklärt der Glaskünstler. Wenige Augenblicke später presst er den zweiten „Lolli“ wie ein Sandwichteil obendrauf und hält alles zusammen in die Flamme.Sind alle Teile gut miteinander verbunden, verdreht der Murmelmeister die Glasstäbe gegeneinander – immer in Flammennähe. „Je nachdem, wie stark ich verdrehe, entsteht ein anderer Effekt“, erklärt der 62-Jährige und schaut konzentriert durch seine Schutzbrille.

Damit der glühende Klumpen sich rundet, wird er in einem Metallmodel gedreht. „Der Durchmesser muss kleiner sein als die künftige Murmel“, erklärt Charly Hummel. Wie einen Rührbesen fasst er den Glasstab mit der glühenden klumpigen Masse am anderen Ende und dreht ihn auf dem Formenrand. Kurz darauf lässt er ihn zwischen den Handflächen hin- und herrotieren.Zuletzt prüft der Murmelmeister im Licht einer Lampe, ob er mit dem Ergebnis zufrieden sein kann. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, Zeit für den letzten Schritt.

In der Flamme trennt er den Stab von der Murmel, fängt sie in der Grafitform auf, und legt sie vorsichtig ein paar Schritte weiter für die nächsten Stunden in den Abkühlofen. Als er sich wieder aufrichtet, sagt er fast andächtig: „In einer gelungenen Murmel steckt immer ein kleines Glück.“ Und schon bevor er sie wieder aus dem Abkühlofen holt, ist uns Besuchern längst glasklar: Im Glasstudio der Hummels in Schmidsfelden erhascht man nicht nur einen Blick auf kleine Wunderwelten, eingefangen in Glas. Man wird ein Teil davon.

Viola Krauss