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"Wir sind sehr weit!" – Interview mit Prof. Peter Anders zum zehnjährigen Bestehen des Hochschulcampus Tuttlingen

"Wir sind sehr weit!" – Interview mit Prof. Peter Anders zum zehnjährigen Bestehen des Hochschulcampus Tuttlingen
(Foto: PR)

Seit zehn Jahren gibt es nun den Hochschulcampus in Tuttlingen. Der Gründungsdekan, Professor Peter Anders, hat die ganze Zeitspanne miterlebt. Wir haben mit ihm gesprochen.

Sie hatten sicher vor zehn Jahren bestimmte Erwartungen. Sind diese erfüllt worden?

Prof. Anders: Größtenteils ja. Ich bin mit der Entwicklung in den letzten zehn Jahren sehr zufrieden. Wobei das nicht bedeutet, dass man nicht die Notwendigkeit hatte und hat , die Dinge weiter zu entwickeln Mit einem einmaligem Anschub ist es da nicht getan, so dass man jetzt die Hände in den Schoß legen könnte. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Ich hätte vor zehn Jahren nicht gedacht, dass wir heute so weit sein würden. Was wie gesagt nicht heißt, dass wir schon am Ziel sind.

Bekommen alle Bewerber einen Studienplatz, oder gibt es da Wartelisten?

Wir haben zwei sehr stark nachgefragte Studiengänge – das betrifft die Medizintechnik und die Ingenieurpsychologie. Bei der ist der Überhang so groß, dass wir um einen Numerus Clausus nicht herumkommen. Bei Medizintechnik ist es uns gelungen, alle Bewerber unterzubringen.

Bekommen alle Absolventen einen Arbeitsplatz?

Die Schwierigkeit ist, dass ja keiner mitteilen muss, wo er nun geblieben ist. Aber durch unseren recht familiären Campus haben wir einen recht guten Überblick und können sagen, dass vielleicht von ein paar Ausnahmen abgesehen, alle einen Arbeitsplatz bekommen haben.

Gibt es Firmen, die Studienplätze für ihre Studierenden reserviert haben?

Firmen können keine Studienplätze reservieren. Manche Firmen bieten aber Plätze für Werkstudenten. Um den Studienplatz müssen sich die Bewerber selbst bemühen. Die Zahl dieser Werkstudenten dürfte in den nächsten Jahren sehr stark zunehmen, da wir im Rahmen unserer Studienreform in diesem Sommer ideale Bedingungen für diese Form praxisnahe Ausbildung geschaffen haben.

Wie viele Studiengänge bieten Sie an?

Fünf.

Sollen noch mehr hinzukommen?

Im Masterbereich gibt es ganz konkrete Pläne ja. So arbeiten wir zurzeit – Stichwort Medizinproduktegesetz – an einem Master-Studiengang mit dem Arbeitstitel „Regualtory Affairs“, der genau die Komplexität dieses Genehmigungsprozesses zum Gegenstand hat und sich an Interessenten wendet, die schon eine Ausbildung in der Medizintechnik haben. Die Idee hierfür ist vor einem guten halben Jahr zum ersten Mal angesprochen worden, und wir suchen jetzt schon den ersten Professor für dieses Gebiet. Sie sehen an diesem Beispiel, wie schnell wir auf Wünsche der Industrie reagieren können. Ich rechne damit, dass vielleicht auch durch den Wandel im Automotive-Bereich, E-Mobilität und Ähnlichem und die Tatsache, dass jetzt in Immendingen, hier vor der Haustür, ein Weltmarktführer in dieser Richtung unterwegs ist, vielleicht auch noch kurzfristig in dieser Richtung neue Angebote entstehen werden.

Wer ist denn für die Genehmigung von neuen Studiengängen, neuen Abschlüssen zuständig?

In letzter Konsequenz das Ministerium , der ganz Prozess ist gesetzlich klar geregelt. Entscheidend ist letztendlich, von wem der Impuls ausgeht, und da hat sich die Kooperation zwischen Hochschule und Industrie, vertreten durch den Förderverein, in vorbildlicher Weise bewährt. Das macht die Stärke dieses Campus aus, dass man ständig miteinander redet.

Mussten Sie denn schon einen Studiengang mangels Interesse aus dem Angebot nehmen?

Ja, das hat es leider auch gegeben. Das was der Studiengang „Virtual Engineering“- also Simulationstechnik. Wobei man da wieder differenzieren muss, was Interesse bedeutet. Das Paradoxe war, dass wir Schwierigkeiten hatten, geeignete Interessenten für diesen Studiengang zu finden. Unter dem Namen „Virtual Engineering“ haben viele junge Leute so etwas wie Virtual Reality verstanden. Dass hinter dem Fach hochkomplexe Ingenieur-Mathematik steckt, hat viele Interessenten abgeschreckt. Umgekehrt ist schon sehr schade, dass Firmen noch Jahre nach Schließung dieses Studiengangs nach Absolventen gefragt haben. Also das Firmeninteresse war sehr groß, aber wir konnten niemanden anbieten. Wir führen die Inhalte dieses Studiengangs zum Teil jetzt im Master-Bereich fort, im Mechatronik-Studiengang.

Wir haben relativ schnell reagiert und geschaut, wo in anderen Bereichen Bedarfe sind. So entstand die Ingenieurpsychologie – als bundesweit erstmaliger Versuch, im Bachelor-Bereich so etwas anzubieten. Da ist die Nachfrage derzeit riesig, aber da ergeben sich wieder andere Herausforderungen, zum Beispiel didaktischer Art. Die Studierenden müssen zu 60 Prozent Ingenieurwissenschaften machen – und wenn das ihre Leidenschaft wäre, hätten sie Ingenieurwissenschaften studiert. Aber die Anstrengungen werden sich hier lohnen, für Dozenten wie für Studierende, weil hier ein ganz wichtiges Thema behandelt wird. Es macht keinen Sinn, die tollsten intelligentesten Systeme – Handy, Navi, Roboter für die Wirtschaft und auch den alltäglichen Bereich zu entwickeln, wenn außer ein paar Spezialisten niemand damit umgehen kann. Technik so aufbereiten, dass sie verständlich wird und den Menschen nutzt, darum geht es hier.

Große Nachfrage also für den Studiengang Ingenieurpsychologie – ist auch die Nachfrage seitens der Arbeitgeber da?

Da kann man jetzt noch nichts Abschließendes sagen, weil der erste Jahrgang noch nicht fertig ist. Die ersten Semester kommen sicher alle unter. Die Frage ist, wie die Nachfrage aussieht, wenn das Ganze sich etabliert hat und eingefahren ist.

Befürchten Sie, dass die Eintrübung der Konjunktur Einfluss auf die Studierendenzahlen haben wird?

Es ist damit zu rechnen, ja. Aber die, die wirklich Ingenieur werden wollen, die werden das weiterhin tun. Von den heutigen Bewerbern sind manche zwar durchaus von der modernen Technik fasziniert, aber trotzdem nicht zwingend für ein Ingenieurstudium geeignet.

Was die Firmen betrifft, da muss ich sagen, dass diese eine mögliche Eintrübung der Konjunktur hoffentlich auch als Chance begreifen. Es geht ja  nicht nur die Eintrübung der Konjunktur im Sinne einer temporären Delle. Auch oder vielleicht gerade Tuttlingen wird sehr stark betroffen sein von technologischen Veränderungen, erinnert sei an das Medizinproduktegesetz – viele kleinere Unternehmen werden nicht mehr am Markt agieren können- ;oder die E-Mobiliät, andere Fahrzeuge werden andere Komponenten brauchen, und viele andere Dinge mehr.  Die Firmen werden mit anderen technischen Inhalten konfrontiert und auch anderes technisches Wissen benötigen. Und diesen Prozess können Sie hier ein Stück weit mit steuern, wenn Sie Teil dieses Campus sind. Darin sehe ich eine riesengroße Aufgabe und Chance dieses kooperativen Hochschulansatzes – und ich hoffe, dass alle Firmen das auch so begreifen.

Wie sehen Sie den Stellenwert der Hochschule in der Stadt und bei der Bevölkerung?

Also da glaube ich wirklich eine hohe Akzeptanz feststellen zu können. Der Tuttlinger ist eigentlich stolz, dass es jetzt hier eine Hochschule gibt, und auch Veranstaltungen wie „Open Campus“ und Ähnliches tragen sicher dazu bei. Ganz konkret: Beim letzten Tag der Offenen Tür im IFC war richtig wohltuend zu sehen, wie viel Akzeptanz und wie viel Wohlwollen dieser Einrichtung entgegengebracht wird. Hier muss man auch der Stadt und dem Landkreis danken, was die Baulichkeiten betrifft, die Rahmenbedingungen – hier sind Dinge erledigt in einer Zeit, wo bei „normalen“ staatlichen Hochschulen noch nicht mal ein Antrag gelesen worden ist.

Kommen die Studierenden eher aus der Region oder von weiter her?

Der Einzugsbereich  wird immer größer. Gerade solch bundesweit einmaligen Studiengänge wie Ingenieurpsychologie tragen stark dazu bei, und ich glaube, dass auch dieses Industriestudium als neue Studienvariante den für das Ingenieurstudium fatalen Druck nimmt, in sieben Semestern alles erledigen zu müssen. Die Studierenden  haben parallel zum Studium einen Vertrag mit einer Firma. Sie gehen dort arbeiten, lernen das Berufsleben kennen, haben ihre finanzielle Unabhängigkeit und können mit etwas mehr Ruhe schauen, was ihr Ding ist. Und in jeder Firma hat er seinen Betreuer, seinen Kümmerer, mit dem in Krisensituationen reden kann. Diese Modelle werden dazu beitragen, dass sich das auch überregional herumspricht. Das stellen wir schon bei „Mechatronische Systeme“ fest, unserem industrienahen Master-Studiengang: Der erste Jahrgang bestand fast ausschließlich aus unseren eigenen Absolventen, das ist mittlerweile auf unter 50 Prozent gesunken. Die kommen aus ganz Baden-Württemberg und Bayern, wir hatten auch schon welche von noch weiter weg.

Wie ist der Anteil der Frauen an den Ingenieur-Studierenden?

Die nackten Zahlen sehen da ganz gut aus, es sind etwa ein Drittel. Man muss aber auch sehen: Das liegt an den Studiengängen Ingenieurpsychologie und Medizintechnik, hier sind es die Hälfte oder sogar mehr. Aber in Studiengängen wie Fertigungstechnik oder Mechatronik ist noch verdammt viel Luft nach oben. Was schade ist, weil die jungen Damen eigentlich auch da meist richtig gut sind. Für mich unbegreiflich: Jeder Entwicklungsprozess in der Industrie kann nur davon profitieren, wenn die eine etwas andere Denk- und Handlungsweise des anderen Geschlechts häufiger eine Rolle spielt.

Sind aus den Reihen Ihrer Studierenden auch schon Dozenten oder andere Hochschulmitarbeiter hervorgegangen?

Hochschulmitarbeiter im Sinne von Assistenten ja, aber für eine eigene Professur ist die Zeit noch zu kurz. Was es allerdings gegeben hat: Es haben aus dem Kreis der Tuttlinger Assistenten schon einige  an anderen Universitäten promoviert, also ihre Doktorarbeit geschrieben.

Wolf-Dieter Bojus