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Interview mit Jürgen Häring

Interview mit Jürgen Häring
(Foto: PR)

Welche zwei, drei Themen beschäftigten Sie gerade besonders?

Jürgen Häring: Wir befinden uns aktuell in einer Phase umfassenden Wandels: Die Automobilindustrie beschäftigt sich mit Themen wie E-Mobility, autonomem Fahren, Car Sharing oder der zukünftigen Rolle des Diesels. Ein Brexit – in welcher Form auch immer – wird die deutsche Wirtschaft ebenfalls beeinflussen. Aber auch die Rollen von Italien, der EU im Allgemeinen sowie China werden Faktoren sein, die wir bei unserem Wirtschaften in den kommenden Monaten berücksichtigen werden.

Auf diese politischen Faktoren haben wir keinen Einfluss; hier können wir nur heute schon Strategien entwickeln, wie wir mit den Veränderungen umgehen werden. Proaktiv handeln können wir in Bereichen wie der eigenen Digitalisierung, der Entwicklung neuer Fertigungstechnologien und der Mitarbeiter/-Nachwuchskräfte-Gewinnung – dies alles tun wir kontinuierlich, deshalb ist der Anton Häring KG auch nicht bange. Ein Beispiel ist das neue Industrie-Studium, das wir mit anderen Unternehmen sowie der Hochschule in Tuttlingen entwickelt haben.

Warum sind es gerade „die“ Themen, und wie wollen und werden Sie diese zu einem positiven Abschluss bringen?

Diese Themen betreffen nicht nur uns, sondern die gesamte Wirtschaft – darauf müssen wir uns einfach einstellen, und zwar nicht nur an unserem Standort in China, wo alle dort in der Automobilindustrie tätigen Betriebe starke Umsatzschwankungen wahrnehmen. Vor allem auch in Europa verändert sich der Automobilmarkt. Die Anton Häring KG ist dahingehend gut aufgestellt, als dass wir als Fertigungsspezialist für Mittel- und Großserien sehr flexibel sind. Verändern sich die Teileanforderungen, verändern wir die Produktion.

Sie agieren weltweit und bekommen dadurch die Auswirkungen des Handelskriegs zwischen den USA und China besonders zu spüren. Wie erleben Sie diesen, und welche Auswirkungen bringt er mit sich?

Wir erleben einen sehr volatilen Markt mit einer großen Unsicherheit. Dies bedeutet für uns: Anpassungen an diese Themen, Kostenoptimierungsprogramme sowohl an den Standorten in China als auch in Bubsheim sowie Polen und eine präzise Überprüfung anstehender Investitionen.

Das Gute ist aber auch, dass ungenutzte Potenziale, die durch die Hochkonjunktur in den letzten zehn Jahren entstanden sind, jetzt angegangen werden können. Wenn man das längerfristig betrachtet, haben wir eine konjunkturelle Schwankung als Chance dafür bekommen, um uns für die Zukunft wieder neu und besser aufstellen zu können – gerade auch in Sachen Digitalisierung.

Ein weiteres spezielles Thema, das die Branche beschäftigt, ist die Mobilitätswende. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Ich denke, dass die Diskussionen zum Diesel, zum Verbrennungsmotor allgemein, den Fahrverboten in Städten, der CO2-Thematik im Rahmen der Überthemen Klimawandel und Umweltschutz aktuell auch politisch sehr stark getrieben sind. Es muss uns bewusst sein, dass uns diese Diskussion in Europa – und auch speziell in Deutschland – vor große Herausforderungen und Probleme stellen wird. Hier wird noch sehr viel Flexibilität, Fleiß und Engagement notwendig sein sowie die Akzeptanz der Veränderung – sowohl eines jeden Einzelnen als auch von Unternehmen im Ganzen. Wohin es die Gesellschaft führt, wenn Menschen die Veränderungen am eigenen Geldbeutel spüren oder Arbeitsplätze in einst starken Branchen wegfallen, müssen wir sehen – dadurch entstehen schnell auch mal neue Themen oder radikale Parteien.

Beim Einhalten der Klimaziele müssen wir alle bei uns selbst anfangen – jeder kann einen anderen Beitrag leisten. Ich bin ja nicht nur Unternehmer und Geschäftsführer, sondern ich habe auch eine Familie, die eine gute Zukunft haben soll.

Und als Geschäftsführung von Anton Häring?

Der Wandel ist ja nicht komplett neu. Schon seit einigen Jahren fertigen wir auch Präzisionsteile und Baugruppen für Elektrofahrzeuge – Tendenz steigend. Aber natürlich werden die Veränderungen der Mobilitätsbranche auch für uns in den nächsten Jahren eine spannende Herausforderung bleiben. Hier profitieren wir von der außergewöhnlichen Fertigungskompetenz unserer Mannschaft, die uns flexibler macht als viele andere. Dadurch können wir neue Themenfelder schnell besetzen und offen sein für neue Ansätze.

Nichtsdestotrotz ist der Verbrenner beziehungsweise das Automobil in Deutschland ein sehr wichtiger Industriezweig, an dem viele andere Branchen wie z.B. der Maschinenbau etc. hängen. Ob das jedem in der Form bewusst ist, wage ich zu bezweifeln. Wir in Deutschland alleine können die Welt nicht retten, wenn wir dadurch die Automobilindustrie kaputt machen. Es muss zwingend so sein, dass sich alle – vor allem die großen Industrienationen – verbindlich an die Klimaziele halten. Dies wäre für mich der erste unumgängliche Schritt in die richtige Richtung.

Welche Chancen und Risiken bringt dieses Thema mit sich?

Es gibt sowohl große Risiken als auch große Chancen. Solch umfassende Veränderungen gehen an keiner Branche oder an keiner Gesellschaft spurlos vorbei. Für viele unvorbereitete Zulieferer von Automobilkonzernen kann der Wandel zum echten Problem werden. Wir bei Häring nutzen ihn schon seit einiger Zeit als Chance, denn als international tätiges Unternehmen sehen wir die großen Möglichkeiten durchaus positiv, die sich ergeben bei neuen Geschäftsfeldern, der technologischen Weiterentwicklung und der Gestaltungskraft, die wir heutzutage vielleicht stärker und schneller entfalten können als jemals zuvor. Wir sind flexibel, stellen uns breiter auf und haben dadurch bessere Chancen und kleinere Risiken.

Werden wir noch einmal grundsätzlich. Wie denken Sie, wird sich die Mobilität generell und speziell hier im ländlichen Raum in den kommenden zehn Jahren verändern?

Im ländlichen Raum sehe ich in den nächsten zehn Jahren relativ wenig Veränderungen in der Mobilität, da es aktuell noch keine Ansätze gibt, wie man das Thema anders, besser, günstiger und auch umweltfreundlicher angehen kann. Es sollte hier einfach auch an neue Konzepte gedacht werden, wie zum Beispiel individuelle, günstige Möglichkeiten, von A nach B zu kommen. Es ist auf dem Land bisher leider oft nicht einmal möglich, nachts so ohne Weiteres ein Taxi zu rufen …

Durch die Verstädterung beziehungsweise Landflucht wird sich die Mobilität verändern – natürlich auch politisch stark getrieben, aber man muss auch sagen, dass Städte in den Blechlawinen ersticken. Elektrofahrzeuge werden nicht im großen Stil die Veränderungen bringen – eher Car Sharing oder auch andere Möglichkeiten wie autonomes Fahren. Hier gilt es zu vermeiden, dass sich das mobile Leben in der Stadt und auf dem Land nicht immer mehr voneinander weg entwickeln.

Wie kann und muss sich der ÖPNV entwickeln, um wirklich eine ernsthafte Alternative zu werden?

In den Städten wird es Richtung Car Sharing und autonomes Fahren gehen. In ländlichen Gegenden wird in 20, 25 Jahren autonomes Fahren stärker genutzt werden können. Während Car Sharing eher schwierig ist, bieten sich hier sicher noch Möglichkeiten des ÖPNV, um mit neuen Ansätzen Menschen mobil zu machen.

Stau, Platzmangel, schlechte Luft – das alles ist auf dem Land nicht das große Thema, und deshalb ist der Veränderungsdruck auch nicht entsprechend hoch. Dies sieht man an den jetzigen Möglichkeiten mit Bus und Bahn auf dem Land: Das hat sich in den letzten 30 Jahren nicht durchgesetzt, und das wird es auch nicht in den nächsten zehn Jahren. Anders autonomes Fahren mit Ruftaxis – mit so etwas könnte man auf dem Land einsteigen.

Stichwort Breitband und 5G? Wie erleben Sie diese Themen?

Man glaubt es nicht, aber da sind wir in Deutschland fast abgehängt, und wenn man das Thema dann weltweit anschaut, muss sich da gewaltig etwas bewegen. Wir haben die Möglichkeiten dazu, aber wir müssen es auch endlich konsequent angehen, sonst werden wir von den Themen erdrückt. Und wir brauchen neue Lösungen: Diskussionen gab es schon bei 3G. 5G erfordert noch viel mehr Sendemasten und Sendeleistung. Da müssen wir unsere Hausaufgaben in Deutschland machen, damit wir uns in den nächsten Jahren nicht selbst ausbremsen in Sachen Digitalisierung.

Was muss aus Ihrer Sicht geschehen und von wem?

Man würde es sich zu einfach machen, wenn man alles auf die Politiker abwälzen würde. Natürlich sind diese gefordert, aber hier geht es um uns alle – jede Person und die gesamte Industrie. Das beginnt bereits mit der Bildung unserer Kinder, damit diese mit dem Thema noch mehr in Berührung kommen. Andere Länder sind hier schon auf dem guten Weg, den wir erst noch einschlagen müssen. Wir müssen hier Gelder in die Bildung und Forschung stecken – prozentual erhöhen entsprechend unseres BIP, damit wir wenigstens über dem OECD-Schnitt liegen. Diese Wende – auch in Sachen Digitalisierung – schaffen wir nur mit wirklich gut ausgebildeten Leuten.

Bevor viele nationale und internationale Themen auch Ihren Alltag mehr bestimmten, war es vor allem das Thema Fachkräftegewinnung. Wie sieht es damit aus?

Das Thema Ausbildung beschäftigt uns alle bei Häring täglich – schließlich haben wir eine weltweite Ausbildungsquote von rund 13 Prozent. Aber Sie haben recht: Es ist auch ein absolutes Chef-Thema. Das war schon von Anfang an der Ansatz meines Vaters und Firmengründers Anton Häring.

Dieses Jahr feiern wir 50. Ausbildungsjubiläum am 28. September von 11.30 Uhr bis 17 Uhr mit einem Tag der offenen Akademie – so lange setzen wir bereits auf eine eigene und weltweit einheitliche Ausbildung. Dies schlägt sich später auch in der Besetzung von Führungspositionen nieder, die grundsätzlich von bei uns ausgebildeten Fachkräften besetzt werden. Als Familienkonzern mit internationalen Standorten achten wir darauf, Auszubildende und Studierende anderer Länder mit unserer Philosophie in Bubsheim vertraut zu machen: Deshalb kommen diese für mehrjährige Ausbildungen nach Deutschland, um anschließend in ihren jeweiligen Ländern Führungspositionen zu übernehmen – auch in den USA setzen wir sehr stark auf dieses Erfolgsrezept.

Wie erleben und beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die „weichen“ Faktoren wie bezahlbarer Wohnraum oder ärztliche Versorgung?

Diese Dinge waren für uns immer schon ein wichtiges Thema: Wir haben in den letzten 30 Jahren sehr viel Wohnraum für die Mitarbeiter/-innen gebaut und stellen diesen bezahlbar zur Verfügung, denn ohne Wohnung bekommen wir auf dem Heuberg keine Arbeitskräfte – auf dem Land gibt es einfach zu wenig mietbaren Wohnraum, also schaffen wir welchen.

Hier wünsche ich mir mehr staatliche Unterstützung sowie mehr Engagement von Städten und Gemeinden.

Bei der ärztlichen Versorgung müssen wir ebenfalls neue Wege gehen: Sie ist extrem wichtig und findet dafür noch viel zu wenig Beachtung. Ich denke, dass dies ein Thema sein kann, mit dem sich die Region Heuberg modellhaft hervortun kann. Und ich bin mir sicher, dass die verantwortlich handelnden Kreisräte sich dessen bewusst sind und dass sie diese Chance für die Region zu nutzen wissen.

Wenn Sie zum Abschluss je einen Wunsch an den Landrat, an die Landesregierung in Stuttgart und an die Bundesregierung frei hätten, welcher wäre das?

Etwas ganz anderes als man vielleicht vermutet: Ich denke, dass sie und wir alle versuchen sollten, die Welt für unsere Kinder zu denken – was ist die Welt, in der unsere Kinder leben sollen?

Für mich bedeutet das, dass wir uns wieder mehr mit Kindererziehung, Bildung, Ausbildung und Studium beschäftigen müssen. Solche Dinge sollten meiner Meinung nach das politische Handeln immer begleiten. Auch die Themen Umwelt und Natur: Lassen Sie uns die Vorteile und schönen Seiten des Landlebens in einer Region wie dem Heuberg wieder deutlicher hervorheben. Auch kulturelle und gastronomische Einrichtungen sollte es wieder mehr geben. Hier kann und muss die Politik besser unterstützen.

Für ein besseres Gemeinschaftsleben ist eine egozentrische Haltung, die leider immer weiter verbreitet ist, nicht förderlich. Die gegenseitige Unterstützung, das Miteinander sollte auch in der Politik wieder mehr in den Vordergrund rücken – und weniger Parteipolitik oder Eigeninteressen. Wenn wir das schaffen, haben wir alle eine wunderbare Zukunft.

Wolf Dieter Bojus