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Große Veränderungen

Große Veränderungen
Bettina Rommelfanger und ihr Stellvertreter Michael Ilg. (Bild: Polizei)

Wie das neue Referat Prävention aussehen soll

Ab dem 1. Januar wird vieles neu rund um die Polizei in Tuttlingen. Durch die Neustrukturierung wandert die komplette Führungsebene ab nach Konstanz. Anders sieht es jedoch im Referat Prävention aus. Dieses verbleibt unter der Leitung von Polizeirätin Bettina Rommelfanger in Tuttlingen und ist zukünftig für fünf Landkreise zuständig. Darüber sprach sie mit dem Wochenblatt

1. Können Sie uns erst einmal einen kurzen Überblick geben, wie das Referat Prävention aktuell organisatorisch und thematisch aufgestellt ist?

Hierzu möchte ich gern ein bisschen weiter ausholen, um zu verdeutlichen, welchen Weg die polizeiliche Präventionsarbeit genommen hat, von wo wir gestartet sind, wo wir heute stehen und wohin es gehen soll.
Die Prävention gehört, genau wie die Repression zu den ureigenen Aufgaben der Polizei und ist als gesetzlicher Auftrag festgeschrieben. So gab es bereits lange polizeiliche Verkehrsprävention, bekannt als Verkehrserziehung und zuständig in erster Linie für die Radfahrausbildung, zugeordnet zur Verkehrspolizei sowie die polizeiliche Kriminalprävention, zugeordnet zum Teil der Pressestelle, zum Teil den Polizeirevieren, mit einigen festen Aufgaben in der schulischen Prävention (Gewalt, Drogen, Medienprävention) sowie zur Unterstützung regionaler Bedarfe der Kommunalen Kriminalprävention sowie diverser Projekte mit internen und externen Netzwerkpartnern. Diese Präventionslandschaft wies regional große Unterschiede auf und entsprechend schwierig waren Wirksamkeiten und Erfolge messbar.
Mit der Strukturreform zum 01.01.2014 wurde erstmals landesweit in den regionalen Polizeipräsidien das Referats Prävention eingerichtet, direkt dem Polizeipräsidenten unterstellt und Verkehrs-/ und Kriminalprävention gebündelt, um eine Standardisierung der präventiven Maßnahmen zu generieren.
In Tuttlingen waren fortan, wie in jedem der fünf Landkreise des Polizeipräsidiums, vier Mitarbeiter für die Verkehrsprävention (je zwei für die beiden im Landkreis betriebenen Jugendverkehrsschulen) tätig, zu deren Aufgaben neben der Radfahrausbildung, auch das Schulbustraining, die Durchführung von Verkehrssicherheitstagen sowie die Umsetzung von Schulungsprogrammen und Projekten für Hauptrisikogruppen (Junge Fahrer 18-24 / Senioren ab 65 / Kinder) gehörte. Auch besonders gefährdete Verkehrsbeteiligungen, wie das motorisierte Zweirad, wurden in den Konzepten berücksichtigt und geschult. Eine Besonderheit und in der Präventionslandschaft des Landkreises feste Institution war und ist in Tuttlingen der Betrieb einer Puppenbühne durch die Verkehrsprävention für Grundschüler während der Wintermonate, mit ihren Gründungsvätern, den Kollegen Rainer Großmann und Raymond Jean, ergänzt durch Kollegen Klaus Vogt.
Weiterhin bedienten fortan zwei Mitarbeiter den Bereich der Kriminalprävention. Hierbei war Kollege Michael Ilg, gleichzeitig Vertreter der Referatsleitung, im Schwerpunkt für die schulische Kriminalprävention (Gewalt / Drogen / Medienprävention), den Bereich der Kommunalen Kriminalprävention und Themen, wie Zivilcourage, AMOK, politisch motovierte Prävention zuständig. Kollege Michael Göbel deckte den Bedarf an sicherungstechnischen Beratungen von Privatpersonen und Firmen, um sich gegen Einbruch, bzw. letztere auch gegen Übergriffe schwieriger Kunden zu schützen (Behördensicherheit), außerdem sensibilisiert er die wachsende Risikogruppe der Senioren, die aktuell vermehrt Opfer von Straftätern werden, ob durch Telefonbetrug (Falscher Polizeibeamter, Gewinnversprechen, Enkeltrick), rechtswidrige Haustürgeschäfte oder im Internet.
Somit waren in Tuttlingen sechs Mitarbeiter bei der Prävention im operativen Bereich tätig, in den fünf Landkreisen zusammen, 30 MitarbeiterInnen.
Die strategische Leitungsebene bestand für alle zusammen nur aus der Leiterin, also mir, worin sich das Referat Prävention in Tuttlingen von anderen Präsidien unterschied, die, gemäß landesweiter Empfehlung, ein sogenanntes strategisches Kernreferat von fünf MitarbeiterInnen (Leiter, Referent Querschnitt=Stellvertreter, Referent Kriminalprävention, Referent Verkehrsprävention und Geschäftszimmer) bildeten. Dies war im Polizeipräsidium Tuttlingen geschuldet dem großen Bedarf an Mitarbeitern in der operativen Ebene durch den Zusammenschluss von fünf Landkreisen und des fest zugewiesenen Personalschlüssels für die Prävention, von 31 Haushaltsstellen (abhängig vom gesamten Personalschlüssels des Präsidiums).
Über Delegation von strategischen Aufgaben und Bestellung von Verantwortlichen für jeden Landkreis wurden pragmatische Lösungen für dieses Tuttlinger Modell gefunden, Abstriche bei der strategischen Leitung zugunsten der operativen Aufgabenwahrnehmung waren dennoch unumgänglich.

2. Welche neuen Verantwortungen und Aufgaben kommen nun ab dem 1. Januar dazu?

Ab dem 01.01.2020 wird das Referat Prävention des neuen Polizeipräsidiums Konstanz aus vier Landkreisen (Konstanz, Rottweil, Villingen-Schwenningen und Tuttlingen) bestehen, bei gleichem Personalschlüssel (31 HHS), sprich, dem Bedarf und der Empfehlung, eine strategische Leitungsebene einzuführen, wurde entsprochen. Der Sitz des strategischen Kernreferates, bestehend aus den oben aufgezählten Referenten und einer Tarifangestellten für das Geschäftszimmer, wird in Tuttlingen bleiben. Damit sind in Tuttlingen dann statt bisher sieben KollegInnen (sechs operative Mitarbeiter plus ein Leiter) nunmehr elf MitarbeiterInnen (sechs operative, Kernreferat mit drei Referenten, einem Leiter und einer Angestellten im Geschäftszimmer) für die Geschicke der Prävention zuständig, sowohl für die präsidiumsweite strategische Ausrichtung als auch für die operative Arbeit am Standort selbst.

Dazukommen werden entsprechende
• strategische Aufgabenbereiche eines Referent Verkehrsprävention, wozu u.a. die
o Umsetzung landesweiter Programme der Verkehrssicherheit für die Landkreise des Polizeipräsidiums Konstanz ebenso gehört, wie
o die Erstellung entsprechender regionaler Konzepte sowie das Netzwerken mit unseren regionalen Partnern der Verkehrsprävention (ADAC, Unfallkasse, ADFC, Verkehrswachten usw.).
Damit wird auch den wachsenden Bedarfen und Veränderungen in der Ausrichtung der Verkehrsprävention genüge getan und die Aufgaben standardisiert in allen vier Landkreisen und damit einheitlicher und transparenter für die Zielgruppen umgesetzt.

Für die operative Verkehrsprävention kommt eine klarere Aufgabenteilung in den Bereich
• der schulischen Verkehrsprävention
o Schulwegsicherheit
o Radfahrausbildung
o Schulbustraining
o Schütze dein Bestes (Kampagne für die Nutzung des Fahrradhelmes)
o Verkehrssicherheitstage
o Berufsschule (Junge Fahrer) und
• der allgemeinen Verkehrsprävention hinzu,
o die u.a. durch neue Verkehrsbeteiligungen generiert werden, sprich das Pedelec und den E-Scooter. Wir bilden in Zusammenarbeit mit der Deutschen Verkehrswacht bereits im November drei Mitarbeiter für Pedelec-Schulungen für Senioren und Wiedereinsteiger aus und werden erstmals bei der Süwestmesse in den Pfingstferien auf großer Bühne zu den Gefahren und rechtlichen Grundlagen der Nutzung des E-Scooters informieren. Die Themen können unabhängig von diesem Termin bei Bedarf jederzeit angefragt werden. Weiterhin zählen hierzu
o die Risikogruppen (Kinder, Junge Fahrer, Senioren) sowie
o der Betrieb der Jugendverkehrsschulen

Neu wird durch einen
• Referent Kriminalprävention die
– strategische Umsetzung landesweiter Programme der Kriminalprävention im Präsidiumsbereich standardisiert und verlässlich in allen Landkreisen umgesetzt.
– Dieser hat außerdem die Aufgabe der Opferschutzkoordination im gesamten Präsidium, um den Belangen des nachsorgenden Opferschutzes sowie des Vernetzens mit externen Opferschutzorganisationen, wie den Weißen Ring, gerecht zu werden.

Innerhalb der operativen Kriminalprävention muss ebenfalls gesellschaftlichen und politischen Veränderungen Rechnung getragen werden. Neben der
• schulischen Kriminalprävention mit den Themen:
– Gewaltprävention
– Drogenprävention
– Mediengefahren
– und neu der Extremismusprävention mit dem Projekt Achtung!? das bereits in diesem in einigen Schulen durchgeführt werden konnte

• ist einem erhöhten Bedarf im Bereich der vorbeugenden Kriminalitätsbekämpfung zu entsprechen. Hierzu gehören Programme,
die einer Erhöhung der öffentlichen Sicherheit / des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung dienen, sprich
– Zivilcourage,
– AMOK, Terrorgefahr,
– Sicherheit am Arbeitsplatz,
– städtebauliche Kriminalprävention.

Weiterhin gehört Gewaltkriminalität mit den Unterthemen
– Sexualisierte Gewalt / Stalking
– Häusliche Gewalt zum Themenbereich dazu.
o Schließlich ist der Bereich der Verhinderung von Eigentums-/ und Vermögensdelikten hier einzuordnen, der sich unterteilt in
– Wohnungseinbruchsdiebstahl, sprich sicherungstechnischen Beratung und Betrieb der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle, also dem Ausstellungsraum mit den empfohlenen Exponaten zur Erhöhung des Einbruchschutzes sowie
– den Straftaten zum Nachteil von älteren Menschen (Telefonbetrug, IT-Sicherheit) und
– sonstigen Diebstahlsdelikten (Taschendiebstahl, Trickdiebstahl)

Schließlich wird der
• Referent Querschnitt das strategische Kernreferat ergänzen und neben der
o Stellvertretung der Referatsleitung
o die Bereiche der internen Auswertung und Steuerung bedienen, sprich für die Themen des internen Qualitätsmanagements und Controllings verantwortlich sein
o das Netzwerk der Kommunalen Kriminalprävention koordinieren
o die Fachkoordination der Ansprechpartner Muslime,
o und des Jugendschutzes übernehmen

Ergänzt wird das Kernreferat durch eine Mitarbeiterin im Geschäftszimmer, die für Informationssteuerung, organisatorische und administrative Prozesse verantwortlich zeichnet.
Sie sehen, dass sich dadurch mein Leitungsbereich deutlich entzerrt und ich mich mehr um meine originären Aufgaben der Mitarbeiterbetreuung sowie der Mitwirkung in landesweiten strategischen Steuerungsprozessen und auch im präsidiumsinternen ersten Führungskreis widmen kann.

 3. Gibt es auch personelle Veränderungen?

Jawohl, es werden zum Einen drei Referenten und eine Mitarbeiterin im Geschäftszimmer neu im Team sein. Weiterhin wurde den Einwohnergrößen der Landkreise Rechnung getragen und die operative Ebene in den Landkreisen Villingen-Schwenningen um einen, und die im LK Konstanz um zwei Mitarbeiter erhöht.
Ich selbst werde Leiterin des Referats bleiben dürfen, mit Sitz in Tuttlingen. Auch mein Vertreter, Michael Ilg wird weiterhin dieses Amt wahrnehmen und das Gesicht der Kriminalprävention in Tuttlingen bleiben. Neu im operativen Team ist Polizeioberkommissarin Franziska Kummer, die sich um Bereiche der schulischen Kriminalität, aber auch der vorbeugenden Kriminalitätsbekämpfung kümmern wird. Mit Renate Diesch werden wir im Geschäftszimmer eine gute Seele und erfahrene Beschäftigte gewinnen, die sich bereits lange im Polizeipräsidium und auch der Polizeidirektion Tuttlingen verdient gemacht hat. Die
Namen der Referenten Kriminalprävention und Verkehrsprävention sind leider noch nicht „spruchreif“, aber wir arbeiten mit Hochdruck an einer Erhellung dieser Personalien.

4. Welche Chancen liegen für Sie und Ihr Team in der Neustrukturierung?

Wir haben als Referat Prävention des Polizeipräsidiums Tuttlingen sowohl in der Region, als auch im landesweiten Vergleich zu überzeugen gewusst, wobei uns starke Netzwerkpartner, aber auch eigenes Herzblut an polizeilicher Prävention gute Verbündete waren. Wir sind fest entschlossen, uns weiterhin auf altbewährte Strukturen zu verlassen, aber auch die Chancen der personellen Aufstockung und Neustruktierung sinnstiftend zu nutzen. Sowohl in der zunehmenden Standardisierungen präventivpolizeilicher „Produkte“, die auf der fachlichen Expertise der Mitarbeiter der Präventionsreferate (auch aus Tuttlingen) beruhen (unter Leitung und Steuerung der Landesprävention des Landeskriminalamtes, aber auch der entsprechenden Abteilungen des Landespolizeipräsidiums im Innenministerium in Stuttgart) und die letztlich für uns in der Umsetzung eine gleichgute und verlässliche Qualität unserer Angebote bedeuten, als auch in der Möglichkeit, auf veränderte regionale und überregionale Bedarfe polizeilicher Prävention (siehe 2.) reagieren zu können, mit ausreichend Personal und strategischem Überbau, sehen wir Optimierungsmöglichkeiten. Diese bilden wir in der umfangreicheren internen fachlichen Struktur / Organisation ebenso ab, wie in einer angepassten Umsetzung durch geeignetes Personal in neuen Referat Prävention. Die Themenbereiche polizeilicher Prävention verändern sich mit den Veränderungen der Gesellschaft und waren nie so vielfältig, wie aktuell. Da ist es für uns eine Chance, mit dieser Reform und interner Neustrukturierung darauf reagieren und diese so umsetzen zu können, dass wir zielgruppengenau und bedarfsorientiert reagieren können. Sowohl die Entwicklungen auf Landesebene (Standardisierung, Strategie) als auch die internen durch die Reform nutzen wir als Sprungbrett, um besser zu werden und wirkungsorientiert zu agieren.
Weiterhin legen wir dabei einen Schwerpunkt auf das operative Geschäft vor der Zielgruppe, themenübergreifend und orientiert an der Nachfrage, wird sich auch im neuen Referat Prävention am Standort Tuttlingen und im neuen Präsidiumsbereich kein Mitarbeiter der Prävention ausschließlich strategischen Themen widmen, sondern dort agieren, wo das Gesicht der polizeilichen Prävention gefragt ist: vor Schulklassen, Kommunalen Netzwerkpartnern, Behörden, Vereinen usw.

Sven Krause