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Ganz strenge Hygieneregeln

Ganz strenge Hygieneregeln
Dr. Michael Kotzerke und Sascha Sartor. (Bilder: Klinikum Tutlingen)

Tuttlingen – Im Zentrum des gesundheitlichen Kampfes gegen Corona stehen seit Wochen die Mitarbeiter des Klinikums Tuttlingen. Mit Geschäftsführer Sascha Sartor und dem Klinischen Direktor Dr. Michael Kotzerke sprach das Wochenblatt
über die Situation.

Welche dynamischen Anpassungen müssen/ mussten Sie aktuell im personellen, aber auch organisatorischen Ablauf vornehmen, um sich an die veränderten Bedürfnisse – bedingt durch die Corona Pandemie – vornehmen?

Sartor: In den letzten Wochen haben wir das Klinikum und unser Personal intensiv darauf vorbereitet, einem vermehrten Aufkommen von Covid-19-Patienten gerecht zu werden. Immer mehr geplante operative Eingriffe wurden, wo immer es medizinisch vertretbar ist, verschoben, eine Infrastruktur aufgebaut und die Mitarbeiter geschult. Auch unser ambulantes Operationszentrum in Spaichingen haben wir vorübergehend geschlossen und mit dessen Mitarbeitern die Kräfte in Tuttlingen gebündelt.

Wie stellt sich die aktuelle Situation im Bereich Corona bei Ihnen dar. Wie viele Patienten sind aktuell stationär aufgenommen?

Kotzerke: Aktuell betreuen wir 34 Patienten mit Covid- bzw. Covidverdacht in unserem Klinikum. Die Zahlen variieren täglich in beide Richtungen.

Wie viele müssen intensivmedizinisch und/ oder an Beatmungsplätzen behandelt werden?

Kotzerke: Von den aktuell 34 stationären Patienten befinden sich fünf Patienten auf der Intensivstation, wo sie beatmet werden. Auf unserer IMC-Station liegen drei Patienten. Erfreulicherweise konnten auch schon etliche Patienten wieder extubiert werden. Und einige Patienten konnten auch schon wieder gesund nach Hause entlassen werden, teilweise mit Auflagen.

Wie ist die Altersstruktur der Patienten?

Kotzerke: Das Alter der Patienten, die bei uns im Hause beatmet werden müssen, liegt zwischen 32 und 79 Jahren. 60 Prozent der Patienten sind aber unter 60 Jahren. In einer solchen Beatmungsphase zeigt sich, wieviel Reserven ein Patient hat. Manche sind durch Vorerkrankungen, Immobilität oder aus Altersgründen in schlechter Kondition. Dann sind die Aussichten, von dieser scheußlichen Erkrankung wieder zu genesen, leider sehr schlecht. Manche Menschen haben in einer Patientenverfügung festgelegt, dass sie nicht beatmet werden wollen. Das respektieren wir selbstverständlich.

Wie sieht es unter Ihren Angestellten aus – gibt es bereits eine Erkrankung oder konnten sich bisher alle wirksam schützen?

Sartor: Unter unseren gut 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gab es bisher sehr wenige Erkrankungsfälle. Sie wurden sofort und konsequent in Quarantäne geschickt, sodass wir eine weitere Ausbreitung bisher verhindern konnten. Auf den Isolierstationen hat sich noch keiner unserer Mitarbeiter angesteckt.

Wie schützen Sie Ihre Angestellten und die anderen, ich nenne Sie jetzt mal, konventionellen Patienten?

Kotzerke: Durch strenge Hygienemaßnahmen. Während sich das Personal auf den Isolierstationen strikt durch die vorgegebenen Hygienemaßnahmen schützt, werden die anderen, nicht infizierten Patienten räumlich weit weg auf den anderen Stationen des Klinikums behandelt. Auch hier wurden die Hygienemaßnahmen deutlich verschärft. Alle Mitarbeiter, die unmittelbaren Patientenkontakt haben, tragen seit wenigen Tagen verpflichtend einen Mundschutz. Ein Besuchsverbot ließ sich – wie auch in anderen Krankenhäusern – leider nicht umgehen. Da können wir auch wirklich nur wenige Ausnahmen machen.

Wie ist die Stimmung unter den Angestellten und den Patienten?

Sartor: Die Stimmung ist bei uns, wie überall im Landkreis, angespannt – schließlich wissen wir alle nicht genau, was kommt. Panik gibt es bei uns im Klinikum jedoch nicht.

Wie sieht es mit Mundschutz und anderen Schutzmaterialien aus? Sind sie noch ausreichend versorgt bzw. wie beurteilen Sie die zentrale Verteilung seitens des Bundes/Landes?

Kotzerke: Momentan sind wir ausreichend mit Schutzausrüstung versorgt. Jedoch kann diese schnell knapp werden, denn wir wissen nicht, was uns in den nächsten Wochen erwartet. Genauso wenig wissen wir, ob für die Zukunft zugesagte Lieferungen auch wirklich eintreffen.

Wie sieht es mit privaten Spenden aus?

Sartor: Uns erreichen immer wieder Spenden von Privatpersonen und von Unternehmen. Manchmal ist es Schutzausrüstung, manchmal ist es Unterstützung im Sinne von Verpflegung oder kleinen Aufmerksamkeiten. Dafür sind wir sehr dankbar.

Wie ist die Versorgung im regulären Betrieb? Befürchten Sie dort wegen möglicher Engpässe in der Versorgung Probleme?

Kotzerke: Unser regulärer Patientenbetrieb läuft natürlich weiter – allerdings mit Einschränkungen. Geplante und nicht-dringliche Aufenthalte bei uns im Klinikum haben wir verschoben. Für die Versorgung von Notfällen und Patienten, die dringend oder konstant einer Behandlung bedürfen, befürchten wir derzeit keine materiellen oder personellen Engpässe. Schließlich müssen Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall, Blinddarmentzündung, Knochenbrüchen usw. auch weiterhin gut behandelt werden.

Wie weit sind die Pläne den Standort Spaichingen als Ausweichstation für „leichtere“ Corona-Patienten einzurichten und ab welcher Lage würde dies eintreten?

Sartor: Das Land Baden-Württemberg überlegt landesweit, einzelne Klinikstandorte temporär zu reaktivieren, falls andere Kapazitäten nicht ausreichen sollten. Im diesem Zuge wird wohl auch über Spaichingen diskutiert. Es gibt diesbezüglich aber keine Überlegungen bei uns als verantwortliche Entscheidungsträger des Klinikums.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Verlauf der Corona-Pandemie im Landkreis und welche Prognose geben Sie für den weiteren Verlauf?

Kotzerke: Von einer Entspannung kann man, meiner Meinung nach, noch lange nicht sprechen. Auch deshalb bitte ich alle, daheim zu bleiben und auszuharren, damit wir hoffentlich bald eine Abnahme der Erkrankungszahlen verzeichnen können.

Wie schaffen sie es aktuell abzuschalten, wie gestaltet sich Ihr privates Umfeld? Wie kommen Ihre Familien mit der zusätzlichen Belastung zurecht?

Kotzerke: Abzuschalten von der aktuellen Situation ist, denke ich, für alle schwierig. Überall begegnen uns, auch im Privaten, Vorsichtsmaßnahmen zum Coronavirus. Ich persönlich bin dankbar für unseren Garten daheim, in dem sich jetzt der Frühling zeigt, und für die Möglichkeit, Musik zu machen und zu singen. Wir praktizieren das jeden Abend zur gleichen Uhrzeit mit unseren Nachbarn über die Distanz hinweg – jeder vor seiner Haustür oder aus dem Fenster. Es ist schon ein Kunststück, gleichzeitig zur Infektionsprävention Distanz aufzunehmen und trotzdem vom Zusammenhalt her dichter zusammenzurücken.