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Der Kulturbetrieb steht still

Der Kulturbetrieb steht still
Michael Baur, Chef der Tuttlinger Hallen (Bild: Sven Krause)

Tuttlingen – Wegen Corona steht der ganze Kulturbetrieb still. Das WOCHENBLATT hat sich dazu mit Michael Baur, Chef der Tuttlinger Hallen, zur aktuellen Lage unterhalten:

Krähe verlegt, viele Aufführungen abgesagt oder stehen auf der Kippe. Kann es angesichts der aktuellen Entwicklung noch ein kulturelles Leben geben und wie sieht dieses aktuell aus?#

Der Kulturbetrieb steht still. Das kulturelle Leben nicht, auch wenn aktuell öffentliche Veranstaltungen ausfallen müssen. Kultur war, ist und bleibt wichtig. Wir sollten die (vielleicht zusätzliche) freie Zeit mit Sinn füllen: Im Newsletter habe ich empfohlen „Kaufen Sie sich ein Buch und lesen Sie. Besorgen Sie sich aktuelle Alben oder DVDs der Künstler, deren Veranstaltungen aktuell leider ausfallen müssen. Schauen Sie sich einen guten Film an. Oder singen Sie selbst, vielleicht sogar gemeinsam mit ihren Nachbarn von Balkon zu Balkon, so wie das die Menschen in Italien so wunderbar vorgemacht haben. Aber verzichten Sie bitte nicht auf Kultur.“ Auch Künstler stellen sich neu auf die Situation ein, übertragen Konzerte aus dem eigenen Wohnzimmer.

Sie stehen in engem Kontakt mit vielen Künstlern und Agenturen. Wie ist die Stimmungslage?

Wir erleben sehr gefasste Reaktionen, aber auch schiere Verzweiflung. Ich hatte schon Gesprächspartner am Telefon, die geweint haben. Künstlerinnen und Künstler, Theaterensembles, Orchester, Bands und viele andere, deren Beruf Kunst und Kultur sind, aber auch Technikfirmen oder Messebauer trifft die aktuelle Absagewelle momentan extrem hart. Einige berichten von existenziellen Sorgen. Die bohrende Ungewissheit, wie lange das Ganze wohl dauert, ist für viele dabei das größte Problem. Ein gutes Signal ist es, Karten für verschobene Veranstaltungen nicht vorschnell zurück zu geben, sondern Ersatztermine wahrzunehmen, auch wenn die weit weg liegen. Wer es leisten kann, kann in dieser Zeit auch darüber nachdenken, soweit möglich, für abgesagte Veranstaltungen kein Geld zurückzufordern. Auch das wäre eine Form von Solidarität für den Kulturbetrieb.

Welche Möglichkeiten zur Verlagerung gibt es? Könnte die Sommerpause gestrichen werden, um aktuell ausgefallene Termine dann nachzuholen?

Für viele Veranstaltungen haben wir bereits Ersatztermine im Herbst 2020 oder Anfang 2021 bekannt geben können. Die KollegInnen haben da super gearbeitet. Einige Veranstaltungen müssen aber auch ersatzlos entfallen, weil wir gar nicht mehr so viele Freitermine im Herbst haben und weil die neue Saison ja auch bereits komplett geplant ist. Veranstaltungen in den Sommer zu verlegen macht – sofern sich die Situation bis dahin beruhigt haben sollte – eher wenig Sinn. Im Sommer zieht es die Menschen nach draußen, da mag sich erfahrungsgemäß kaum jemand in einen Saal setzen. Außerdem stehen die Räume nicht unbedingt zur Verfügung, da in der Zeit Instandhaltungs-, Wartungs- und Reparaturtermine stattfinden, die sich nicht ohne weiteres vorziehen lassen und da auch die MitarbeiterInnen ihren Sommerurlaub geplant haben.

Wie gehen Sie intern mit der Situation um?

Mit der Zwangspause gehen die MitarbeiterInnen erstaunlich professionell, ruhig und relativ entspannt um, selbst wenn sich die Situation in den letzten Tagen immer wieder grundlegend neu dargestellt hat. Ich spüre erfreulich viel Besonnenheit im Umgang mit der Situation und auch Kollegialität und Solidarität (etwa bei der Frage, wer „darf“ jetzt zuhause bleiben, wer „muss“ noch ins Büro kommen). Ich habe den Eindruck, man hat erkannt, was die Situation von jedem Einzelnen jetzt abverlangt und rückt in der Krise näher zusammen – natürlich nicht im wörtlichen Sinn!