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Blick in die Industrie, Handel und Handwerk

Blick in die Industrie, Handel und Handwerk
Horst Riess, Geschäftsführer der Tuttlinger Wohnbau (Bild: Tuttlinger Wohnbau)

Tutlingen – Mit dem ersten finanziellen Hilfsprogramm der Bundesregierung – siehe entsprechenden Bericht auf unserer Website – dass noch diese Woche auf den Weg gebracht wird und vor allem kleine und kleinere mittelständische Unternehmen zu entlasten, die durch die Corona-Pandemie in wirtschaftliche Schieflage geraten sind, sieht auch Kurt Scherfer, Geschäftsführer des Kreishandwerkerverbandes Tuttlingen, einen ersten wirklichen Hoffnungsschimmer für viele Unternehmen, mit denen er inzwischen fast täglich telefoniert.

„Ich bin über 60, stehe kurz vor meiner Pensionierung und habe gedacht ich hätte alles an Krisen gesehen, erlebt und erfolgreich überstanden. Aber gegenüber dem, was wir hier gerade erleben, dagegen war die Finanzkrise 2008 harmlos. Aktuell steht ein ganzes Wirtschaftssystem auf der Kippe und das spüre ich in den oft verzweifelten Telefonaten jeden Tag“, erzählt Kurt Scherfer. Dabei offenbart sich ihm in seiner täglichen Arbeit ein sehr gegensätzliches Bild. Während viele Handwerksbetriebe noch auf einzelnen Baustellen arbeiten können, wenn auch immer alleine und unter Einhaltung strengster Sicherheitsvorkehrungen, und Bäcker und Metzger zumindest ein Teil ihres tägliches Geschäftes erhalten können, steht etwa die gesamte Friseurbranche vor enormen Herausforderungen, da ihr keinerlei Einnahmemöglichkeiten mehr geblieben sind. „Letztendlich kann jeder Arbeitgeber seine Mitarbeiter nur in die Kurzarbeit schicken und sich währenddessen so gut als möglich um ihn kümmern“, erklärt Scherfer weiter. Für ihn sind die aktuellen Hilfen aus Berlin ein erstes greifbares Zeichen, dass auch die Kleinstunternehmen nicht alleine gelassen werden. Ansonsten steht er täglich als Kümmerer und Vermittler für die Handwerksunternehmen der Region bereit, um sein täglich wachsendes Wissen, was man als Unternehmer in Zeiten von Corona zur Unternehmenssicherung machen kann, auch weiterzugeben.

Allein lassen wollen auch die beiden Geschäftsführer Horst Riess von der Tuttlinger Wohnbau und Dr. Branka Rogulic von den Stadtwerken weder Kunden, noch Partner und erst recht nicht ihre Mitarbeiter. „Wir haben in Absprache mit den einzelnen Teams in unserem Haus eine rollierende Arbeitsumgebung geschaffen. In enger Absprache tauschen die Mitarbeiter die Möglichkeit ins Home Office zu gehen oder doch aus der Zentrale zu arbeiten“, beschreibt Riess das aktuelle Arbeitsmodell der Wohnbau. Dies gilt aber vor allem für die Mitarbeiter in der Zentrale. Bei Bauleitern etwa stellt sich die Situation ganz anders dar. „Die meisten Baustellen liegen still. Da können wir maximal eine Firma mit so wenigen Mitarbeitern wie nur irgendwie möglich auf die entsprechenden Bauplätze lassen. Auch hier geht Sicherheit absolut vor. Angesichts dieser Entwicklung werden alle Baumaßnahmen sich teilweise deutlich nach hinten verschieben. Wie wir diese Problematik in den Griff bekommen, damit können wir uns beschäftigen, wenn wir die Krise überwunden haben“, so Riess. Der übrigens in enger Absprache mit seinem Aufsichtsrat entschieden hat, dass kein Mieter – weder gewerblich noch privat – der nachweisen kann, dass er durch Corona in finanzielle Schieflage geraten ist, gekündigt wird. „Wir brauchen die Geschäfte und Restaurants doch auch nach der Krise. Daher sind wir in enger Absprache mit jedem Pächter und überlegen uns Modelle, wie die Rückstände eventuell nach einem Anlaufen des Geschäftes wieder abgebaut werden können. Gleiches gilt auch für private Mieter, die ihre Schieflage aber ähnlich wie die gewerblichen Pächter, auch nachweisen müssen.

Ein klares Signal kommt in dieser Hinsicht auch von Arno Specht, der als Pressesprecher der Stadt Tuttlingen auch für die Stadtwerke spricht. „Wir werden in dieser Phase niemanden wegen ausstehender Stromraten den Strom abdrehen. Sofern er nur halbwegs pausibel nachweisen kann, dass auch ihn die Krise getroffen hat. Die Menschen müssen nur mit uns reden, dann finden wir auch eine Lösung“, so Specht. Dessen Auskunft nach auch die Mitarbeiter von Wirtschaftsförderung und Ordnungsamt täglich viele Unternehmer und Einzelhändler beraten, wo sie wie, welche Unterstützung beantragen können. „Wir können hier keine großen finanziellen Hilfsprogramme ausrollen. Dies hat zum Glück der Bund gerade in die Hand genommen, aber wir können als Ansprechpartner, Ideengeber und Vermittler agieren“, erklärt Specht weiter.

Um den Handel alternative Absatzmöglichkeiten zu bieten, hat etwa ProTuT eine Lieferservie und Online-Shop-Initiative gestartet. Bereits 15 Händler, vom Buchhandel über Floristik bis hin zur Bekleidung, haben sich zeitnah aufgemacht, um dieses Geschäftsfeld für sich zu generieren und bereits existente Umsatzeinbußen auf diesem Wege zumindest zu minimieren. Etwas anders sieht es da in der Gastronomie aus, so gehen aktuell nur wenige Gastronomie, die bisher noch keinen Lieferservice ihr Eigen nannten, den Weg, diesen in der Krise nun zu etablieren. Größtes Argument dagegen: die Anlaufkosten seien zu hoch, der zu erwartende Umsatz nicht mal kostendeckend. Doch auch hier gilt, wer es noch nicht mal probiert, sollte sich hinterher nicht beklagen.

Auch die Mitarbeiter des Campus Tuttlingen haben inzwischen ungewohnt viel Zeit, um sich daheim zu beschäftigen. Einer davon ist Professor Dr. Siegfried Schmalzried vom Hochschulcampus Tuttlingen. Gemeinsam mit seinen vier Kindern sitzt er an einem großen Tisch. Während er seine Vorlesungen vorbereitet, Forschungsprojekte bearbeitet und das Konzept für digitale Lehrveranstaltungen überprüft, sind seine Kinder fleißig am Lernen. „Es ist erstaunlich wie gelassen die Kinder die neue Situation aufnehmen und akzeptieren. Gemeinsam schafft man einfach vieles und auch an der Hochschule spürt man trotz räumlicher Distanz eine menschliche Nähe. Gerne teile ich diese Erfahrung mit den Studierenden“, erklärt Professor Schmalzried. Nahezu 90 Prozent der rund 600 HFU-Professoren und Beschäftigten arbeiten derzeit von zu Hause aus. „Das verlangt besonderen organisatorischen Einsatz – insbesondere von unserer IT“, erklärt HFU-Hochschulrektor Professor Dr. Rolf Schofer. Am Hochschulcampus Tuttlingen kümmern sich Christian Haasis, Mervete Alijaj und Harry Busch um die Bereitstellung von Soft- und Hardware und um stabile Netzwerke sowie Serversysteme. Die Abteilung Learning Services erarbeitet parallel dazu Lösungen für verschiedene Formen der Online-Lehre. „Die Hochschule Furtwangen arbeitet mit Hochdruck daran, die notwendigen Voraussetzungen für Online-Lehre für wirklich alle Standorte – Furtwangen, Schwenningen, Tuttlingen – und Studierenden nach den Grundsätzen der Gleichbehandlung und Rechtssicherheit zu schaffen“, meint Schofer. Dies erfordere stabile Systeme und den Ausbau von Systemkapazitäten. „Wir müssen für alle Fälle gewappnet sein, sollten Präsenzveranstaltungen auch nach dem 20. April nicht möglich sein.“

Noch konsequentere Wege geht aus entsprechendem Anlass Marquardt in Rietheim-Weilheim. Nachdem ein Mitarbeiter positiv getestet wurde, hat die Geschäftsführung die entsprechende Abteilung vorsorglich geschlossen und die Kollegen alle heim geschickt. Darüber hinaus heißt es in einer Mitteilung der Unternehmenskommunikation: „Deshalb haben wir – im ersten Schritt zunächst an allen unseren europäischen Standorten – verschiedene Maßnahmen zu Ihrem und unserem Schutz eingeleitet: Wir verlagern unsere tägliche Arbeit in die digitale Welt. Unsere Mitarbeiter sind so ausgestattet, dass sie auch von zu Hause arbeiten können. Geplante persönliche Besprechungen und Besuche werden wir in den kommenden Wochen über Online-Meetings abhalten.“

Aus den Reihen der Unternehmenskommunikation von Aesculap heißt es zu diesem Thema: „Die Versorgung unserer bestehenden Kunden und Märkte ist momentan sichergestellt. Die allgegenwärtige Corona-Situation wirkt sich unmittelbar auf unsere MitarbeiterIinnen und uns als Unternehmen aus. Mit der für viele Eltern einschneidenden Entscheidung, dass Kindergärten und Schulen in Baden-Württemberg geschlossen bleiben, haben wir klargestellt: Kinder gehen vor! Deshalb haben wir allen unseren Mitarbeiterinnen seit vergangener Woche erlaubt, von nun an zu Hause zu bleiben, wenn sie aufgrund dessen ihr Kind zu Hause betreuen müssen. In Abstimmung mit dem Vorgesetzten kann dies mit Home Office kombiniert werden. Sollte das nicht möglich sein, sind die MitarbeiterInnen angehalten, vorrangig ihre Zeitkonten abzubauen oder Urlaub zu nehmen. Um das Ansteckungsrisiko mit dem neuartigen Coronavirus weiter zu verringern, haben wir unsere Führungskräfte aus dem administrativem Bereich und deren Mitarbeiterinnen bereits vergangene Woche dafür sensibilisiert, sofern betrieblich möglich, vom Home Office aus zu arbeiten. In den Bereichen, wo dies nicht möglich ist, wurde die Anzahl der MitarbeiterInnen am Arbeitsplatz entzerrt, z. B. durch Schicht- oder rotierende Arbeitsmodelle. Die Situation hat in einigen Bereichen auch dazu geführt, dass weniger Arbeit anfällt. Wir haben daher unsere Mitarbeiterinnen gebeten, ihre individuellen Zeitkonten dem tatsächlichen Arbeitsanfall anzupassen und – soweit möglich und sinnvoll – Stunden abzubauen. All diese Maßnahmen haben zum Ziel, den Geschäftsbetrieb in dieser besonderen Situation sicherzustellen und KundInnen und PatientInnen mit unseren Produkten und Dienstleistungen zuverlässig zu versorgen. Wir werden die sich sehr dynamisch entwickelnde Situation weiterhin aufmerksam beobachten und die Maßnahmen bei Bedarf entsprechend anpassen.“

Und abschließend äußerte sich Regina Stern, Leiterin der Unternehmenskommunikation von Karl Storz, so: „In der aktuellen Ausnahmensituation verfolgt Karl Storz zwei Ziele: Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einerseits, damit wir andererseits unsere wichtige Versorgungsrolle im Gesundheitswesen wahrnehmen und unseren Beitrag zur kritischen Patientenversorgung leisten können. In Tuttlingen, aber auch in unseren Standorten weltweit, haben wir neben Hygieneschutzmaßnahmen, vor allem zeitversetztes Arbeiten in Produktion und Logistik, Home-Office sowie eine Vielzahl an weiteren Maßnahmen eingeführt, die das Social Distancing unterstützen. Wir stehen im engsten Kontakt mit unseren Mitarbeitern, um Kollegen und Vorgesetzte jederzeit aktuell und transparent zu informieren. Dank der hohen Solidarität, Pragmatismus und Kreativität unserer Mitarbeiter und Partner sind wir nach aktuellem Stand in Produktion, Logistik und allen weiteren Funktionen vollständig operativ. Hierauf werden wir auch weiterhin unseren Fokus halten, so dass wir im Sinne der Patientenversorgung handlungsfähig bleiben. Unser bereichsübergreifender Pandemiestab reagiert jederzeit auf neue Erkenntnisse, um diese in Echtzeit in unsere Aktivitäten einzubeziehen.“.

Die Produktion von Binder läuft aktuell noch rund. Der Vice President Operations, Benjamin Jeuthe, konnte bereits vor Wochen zusammen mit der Abteilung „Einkauf“ und allen anderen Mitarbeitern der Produktion Maßnahmen treffen, sodass die Produktion auch in der nächsten Zeit gesichert ist. „Wir haben frühzeitig alle nötigen Bauteile, die wir selbst nicht fertigen, bestellt“, meint Benjamin Jeuthe. Es gäbe auch Bauteile, die die Einrichtung Lebenshilfe in Tuttlingen, eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, normalerweise für BINDER fertige, die momentan aber nicht verfügbar seien. „Die Lebenshilfe hat aufgrund der Coronakrise leider geschlossen. Diese Teile können wir aktuell selbst produzieren“, sagt der Leiter der Produktion. Sobald die Krise aber vorbei sei, möchte man die Lebenshilfe wieder mit Aufträgen unterstützen.

Erfreulich sei, dass die Mitarbeiter der Produktion alle wohlauf und hochmotiviert seien, zusammen mit BINDER gut durch die Krise zu kommen. „Unser Krankenstand ist nicht höher als sonst.“ Die vielen Hygienemaßnahmen, die man bei BINDER, vor allem auch in der Produktion durchgesetzt habe, würden fruchten. „Alle Türklinken werden fortwährend desinfiziert, die Arbeitsplätze wurden entzerrt und jene, die mit Lieferanten zu tun haben, tragen auch Mundschütze“, so Jeuthe.