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Ein Stück Geschichte – Tuffsteingebäude als bürgerliches Symbol

Ein Stück Geschichte – Tuffsteingebäude als bürgerliches Symbol
Impressionen aus den Jahren (Foto: Archiv)
WOCHENBLATT

Der 15. Juli 1869 nimmt in der Stadtgeschichte von Spaichingen einen besonderen Patz ein. Denn mit der Inbetriebnahme der Gäubahn hat das damalige 2 800 Einwohner-Städtchen an jenem Donnerstag den ersehnten Anschluß an das sich rasch ausbreitende deutsche Eisenbahnnetz geschafft. 

SpaichingenDas seinerzeit, also vor der Reichsgründung 1871, noch in  Länderbahnen aufgeteilt war. Und  in Spaichingen somit zum  Territorium der Königlich Württembergischen Staats- Bahn zählte, die zwischen Tuttlingen und  Immendingen an die  Badische grenzte. Die Militärhistoriker halten den damals bereits  erreichten Ausbaugrad des deutschen Schienennetzes übrigens für mitentscheidend für den Sieg des deutschen Heeres gegen die Franzosen im 1870er-Krieg.

Das markante Tuffsteingebäude des Spaichinger Bahnhofs am Anfang bzw. Ende der noch heute großzügig  anmutenden Bahnhofstrasse zeugt vom Bürgerstolz einstiger Tage. In dieser Flaniermeile der Kaiserzeit hatte auch das Bahnhofshotel (Hausnummer 17) seinen Platz, in seinen besten Zeiten das erste Haus in Spaichingen, zusammen mit dem Hotel Oswald.

Beide einstmals stolze  Zeitzeugen der Spaichinger Mobilitätsgeschichte  doch seit den 1980er Jahren leider Vergangenheit.Am 25. Mai 1928 ist der Bahnhof Spaichingen mit der Inbetriebnahme der Heubergbahn zum „Eisenbahnknoten“ geworden. Diese  18 km lange, sehr schön in den Geländeverlauf  eingebettete  Strecke führte bis nach Reichenbach und sollte eigentlich  bis nach Nusplingen verlängert werden,  das bis  1938   zum Oberamt Spaichingen  gehörte.

Diese Nebenbahn  hat Spaichingen  im amtlichen Kursbuch der Bahn einen dritten Eintrag beschert in Form des Haltepunkts  „Spaichingen Nord“. Der  oberhalb der heutigen  Schillerschule gelegen werktags den  sogenannten „BURGER-Frauen“  der gleichnamigen Stumpenfabrik  als Ein- und Ausstieg diente  und sonntags den von auswärts kommenden Pilgern auf den Dreifaltigkeitsberg.  Die Heubergbahn ist am 23.September 1966  zum letzten Mal gefahren, begleitet von denkwürdigen Protesten (Stichwort Schmierseifenattentat im Autunnel) die nicht darüber hinwegtäuschen konnten, dass  die ausbleibenden Fahrgäste schlußendlich dem Bähnle  den Garaus gemacht haben.

Seit September 2003 ist die Haltestelle „Spaichingen Mitte“ die Vierte im Bunde der Spaichinger Bahngeschichte. Mit  der Inbetriebnahme des „3er“-Ringzugs, der bekanntlich auch  benachbarte Bahnhöfe wie  jenen in Aldingen aus dem  Dornröschenschlaf geholt hat. Dieser  sehr gut angenommenen „S-Bahn der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg“ – ein  PS-starkes  „Dieselross“ – fehlen  in Stoßzeiten bisweilen ein paar Sitze. Und zum wortwörtlichen Ringschluß auch noch das Teilstück vom Blumberg nach Bräunlingen (Zukunftsmusik?)

Zum Dauerbrenner in der Lokalpolitik des Landkreises Tuttlingen zählt  die Wiederherstellung der Zweigleisigkeit zwischen Tuttlingen und Horb,  die  genau besehen bisher  nur eine  Episode  war in den Jahren von  1933 bis  1945. Also in der „braunen“ Zeit, die auch ursächlich war für die Demontage unmittelbar danach  durch die Siegermacht Frankreich in deren  Besatzungszone.

Die Rückverlagerung  von der Straße auf die Schiene dürfte folglich  auf die Agenda des 21. Jahrhunderts kommen. Auch wegen  dem ständig zunehmenden Güterverkehr, der auf den Gleisen der Gäubahn leider zu einem viel zu selten sehenden Gast geworden ist. Ein Vorbote dafür  ist das Nahverkehrsnetz der Region Stuttgart, das sich immer weiter ins Umland frisst und in unserer Himmelsrichtung mittlerweile schon fast bis nach Horb reicht. 

Da erscheint es mit Blick auf Stuttgart 21 nur noch eine Frage der Zeit , bis man am ländlichen Bahnhof in Spaichingen in das S-Bahn-Netz der Landeshauptstadt einsteigen kann. Bis dahin hoffentlich  ohne die ärgerliche „Hühnerleiter“ rauf und runter nehmen  zu müssen.

Manfred Brugger