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Wenn Männer alles für die Tradition geben – Turmbläser müssen sportlich sein und tragen freiwillig lange Unterhosen drunter

Wenn Männer alles für die Tradition geben – Turmbläser müssen sportlich sein und tragen freiwillig lange Unterhosen drunter
Diese Männer trotzen jedem Wetter: Das Blechbläserquintett (li. Erich Lange) des Stadtorchesters Ravensburg auf dem Blaserturm beim sonntäglichen Konzert. (Foto: Turmbläser Ravensburg)

Was treibt gestandene Männer an, sonntags mit teils schweren Musikinstrumenten im Gepäck, die 212 Stufen des Blaserturms hochzuklettern? Es ist die Liebe zur Tradition und zur Musik, eine Portion Ehrfurcht und natürlich wahre Männerfreundschaft. Erich Lange ist das Urgestein, Historiker und die gute Seele der Turmbläser. Dem WOCHENBLATT verrät er ein paar Geheimnisse.

Ravensburg – Windstill ist es auf der Plattform des 51 Meter hohen Blaserturms nie. Ein laues Lüftchen kann sich schnell in eine steife Brise wandeln. Das alles stört die Mitglieder des Turmbläserensembles nicht, denn die Aussicht ist dafür bei Föhn grandios und der Frühschoppen im Anschluss auch nicht schlecht. Jeden ersten Sonntag in den Monaten von Mai bis Oktober und als Highlight am ersten Weihnachtsfeiertag, trifft sich ein Blechbläserquintett des Stadtorchesters Ravensburg auf der Plattform vom Wahrzeichen der Türmestadt. In allen vier Ecken des Turms verteilen sich die Musiker. Dabei sind immer zwei Trompeten, eine Tuba und zwei Posaunen.

Pünktlich um 11.15 Uhr wird dann einer ganz alten Tradition ihren Respekt gezollt und es erklingt traditionelle Turmbläsermusik – am 25. Dezember bekannte Weihnachtslieder. Fast schon ein Fossil im Quintett ist Erich Lange. Seit über 40 Jahren ist er mit von der Partie, wie es vor ihm schon sein Vater war. Das Traditions-Musikhaus Lange in der Marktstraße befindet sich in einem 1436 erbauten Haus, einst Familienbesitz der Fernhandelskaufleute Gäldrich (reich an Geld).

Sie führten die Niederlassung der großen Ravensburger Handelsgesellschaft in Valencia mit einer eigenen Zuckerfabrik. Zur Zeit der frühen Hexenverfolgung 1484 war Konrad Gäldrich Bürgermeister. Im Jahr 1972 erwarb Erich Lange sen. das marode Gebäude und sanierte es komplett. Schmuckstück des Hauses ist der gotische Saal. 

Turmblasen hat eine ganz lange Tradition

Im 14. Jahrhundert war der heutige Blaserturm ein Teil der Stadtmauer. Die florierende Handelsstadt wurde erweitert, der Teil der Stadtmauer um den Blaserturm wurde abgerissen und verlief künftig am Frauentor entlang. Im Jahr 1553 machte man sich an den Wiederaufbau des Turms. Seit 1556 gibt es den Turm wieder im Stil der damaligen Zeit – dem Renaissancestil.

„Der Blaserturm war im Mittelalter ein Signal-Wehrturm und dauerhaft mit zwei Turmwächtern – immer einem katholischen und einem evangelischen, bis ins Jahr 1911 besetzt“, so Erich Lange.  Sie hatten die Aufgabe, jede volle Stunde die Glocke zu läuten, außerdem bliesen sie um 4 Uhr morgens zum Weckruf, um 12 Uhr zur Mittagszeit, um 21 Uhr zur Nachtruhe und nochmals um 24 Uhr auf der Trompete. Da die Bläser auch musikalisch das Wort Gottes verbreiten mussten, spielten sie regelmäßig Choräle. Bei Gefahren für die Bürger von Ravensburg musste sofort ein Signal geblasen werden. Neben großen Gruppen von feindlichen Reitern waren besonders Brände eine gefürchtete Geisel im Mittelalter.

Bei Feuer erklang ebenfalls lautstark ein Signal und eine Fahne wurde in die Richtung des Brandherds gehisst. Rot war innerhalb der Stadt, weiß außerhalb. So wusste die im Lederhaus untergebrachte Feuerwache, wohin sie zum Einsatz ausrücken sollte. Mit einem Schmunzeln erzählt Erich Lange, dass es einen Schriftverkehr mit der Stadt gibt, in dem es um die Streitereien zweier Turmbläser geht: Der katholische Türmer beschwerte sich über den evangelischen Kollegen bitterböse, dass dieser immer flottere Lieder spielen würde als er selbst. Zu allem Übel würde es den Bürgern auch noch gefallen… In einem waren sich die Zwei allerdings einig: Das Holz für die Befeuerung der Turmstube im Winter war jedes Jahr aufs Neue viel zu wenig. 

Türmer durften nicht im öffentlichen Raum vertreten sein. „Die heutigen Posaunenchöre“, so Erich Lange, gehen auf die Turmbläser zurück, ebenfalls die Gründung der Stadtkapellen. 

Saukalt von Kopf bis Fuß

Die Mitglieder des aktuellen Turmbläserensembles führen die Tradition mit viel Herzblut weiter. Es ist ein erhabenes Gefühl, wenn sie Gott so nahe sind und die Passanten von unten ihre Anerkennung durch Klatschen gen Himmel schicken. In alle vier Richtungen werden drei Stücke gespielt.

Die Palette reicht von Turmbläserstücken bis hin zu alten Tänzen. In den Sommermonaten sitzen die Besitzer versteckter Dachterrassen oft beim Frühstück und winken  den Bläsern freundlich zu. Was diese allerdings nicht ahnen: Die Musiker verstehen jedes Wort. Im Winter hält auch das kurze Aufwärmen während des Aufstiegs auf den Turm nicht lange an. Trotz der 11 kg schweren Tuba plus Instrumentenkoffer werden nicht nur die Finger bald klamm. Da greifen alle Mann gerne zu langen Unterhosen und abgekappten Handschuhen.

„Wenn es bei gefühlten 15 Grad minus in dieser Höhe so richtig ‘saukalt‘ ist, hilft nur ein Schnapserl“, so Lange.  Da, wo Männer auf engem Raum zusammen sind, gibt es natürlich auch ungeschriebene Gesetze. Eines der Turmbläser ist: Wer ein Mundstück unten vergessen hat, muss später eine Runde bezahlen und die Sonntagsmannschaft muss aus evangelischen und katholischen Bläsern bestehen. Die Unterzahl darf den anderen beim Frühschoppen ein Getränk spendieren.

Whisky zum Aufwärmen

Vor dem Aufspielen am 1. Weihnachtsfeiertag bekommen alle einen Schoko-Nikolaus und nach dem Konzert in luftiger Höhe lädt Erich Lange seine  Bläserkollegen traditionell zur Whiskyprobe in seine mittelalterlichen Gemäuer ein. Jedes Jahr überrascht der Gastgeber mit neuen Sorten.

Daniela Leberer