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Pflege geht nicht im Home Office

Pflege geht nicht im Home Office
(Bild: Adobe Stock)
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Wilhelmsdorf – Soziale Einrichtungen müssen angesichts des Corona-Virus besondere Vorsicht walten lassen. Die damit verbundenen finanziellen Belastungen dürfen nicht an den gemeinnützigen Trägern hängen bleiben, fordert das diakonische Sozialunternehmen „Die Zieglerschen“.

Einbußen in der Gastronomie, Umsatzeinbrüche im Handel, drohende Kurzarbeit in Betrieben – diese möglichen Auswirkungen des Corona-Virus haben die Bundesregierung dazu bewogen, Sofortmaßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft zu ergreifen. Soziale Einrichtungen werden hier jedoch nicht erwähnt. Dabei sind gerade sie angesichts der Corona-Virus-Pandemie besonders verwundbar: In Pflegeheimen, Wohnangeboten für Menschen mit Behinderung oder Suchtkliniken werden viele Menschen aus besonders gefährdeten Risikogruppen betreut. Umso strenger müssen die Schutzmaßnahmen eingehalten werden – zumal die aktuellen Lieferengpässe bei Desinfektionsmitteln eine latente Gefahr für den Betrieb der Einrichtungen darstellen.

„Unsere Mitarbeitenden vor Ort gehen sehr besonnen und professionell mit der Thematik um. Aber natürlich gibt es viele zusätzliche Belastungen. Im Zweifel entscheiden wir uns immer dafür, Leute heimzuschicken, um Betreute, Kollegen und den Betrieb der kompletten Einrichtung nicht zu gefährden“, erklärt Gottfried Heinzmann, Vorstandsvorsitzender bei den Zieglerschen, einem der großen diakonischen Träger sozialer Dienstleistungen mit Sitz im oberschwäbischen Wilhelmsdorf. Das hat Folgen für den Betrieb, die durch die aktuellen Maßnahmen der Bundesregierung nicht abgemildert werden. An den besonders hohen Präventionsstandards der sozialen Einrichtungen festzuhalten, hält Gottfried Heinzmann für unverzichtbar. Er stellt klar: „Andere Unternehmen schicken ihre Mitarbeitenden auch nach Hause, um der Verbreitung des Virus vorzubeugen. Doch die können dann einfach von zu Hause aus arbeiten. Pflege geht aber nicht im Home Office.“

Besonders drastisch könnte es Sucht-Rehakliniken treffen. Andreas Schmidt, der bei den Zieglerschen den Geschäftsbereich Suchthilfe leitet, berichtet: „Unser Kostenträger, die Deutsche Rentenversicherung Bund, hat uns Anfang März in einem Schreiben mitgeteilt, dass sie die Zahlung für die Reha-Leistungen einstellt, wenn eine Einrichtung vom Gesundheitsamt unter Quarantäne gestellt wird. Das könnte für die ohnehin kaum auskömmlich refinanzierten Kliniken den Ruin bedeuten.“ Denn ein einziger infizierter Patient in der Klinik könnte gegebenenfalls ausreichen, um die gesamte Einrichtung unter Quarantäne zu stellen – ein finanzieller Totalausfall, obwohl die therapeutische Versorgung für Patienten ohne Symptome auch unter Quarantäne weitergehen müsste, wie Andreas Schmidt betont.

Vorstand Gottfried Heinzmann bewertet den derzeitigen Fokus der öffentlichen Debatte kritisch: „Die besonderen Herausforderungen für die Sozialwirtschaft müssen in der aktuellen Situation mehr Beachtung finden. Freigemeinnützige Träger sind Non-Profit-Unternehmen, die zusätzliche finanzielle Belastungen nicht ohne weiteres schultern können. Wir möchten diese Situation im solidarischen Miteinander mit unseren Kostenträgern gestalten. Dazu braucht es jedoch klare finanzielle Zusagen von Bund und Ländern.“