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Neustart mit Hindernissen

Neustart mit Hindernissen
Petra Zander, Obermeisterin der Friseurinnung Lindau, hält sich wie alle Kollegen streng an die Hygieneverordnung: „Wir wollen uns ja auch selbst schützen“, meint sie. Der Arbeitsalltag wird auf jeden Fall schwieriger, eine Menge Herausforderungen kommen auf die Friseure zu. Aber auch die Kunden sind gefordert: „Sie brauchen Geduld und Verständnis“, so Zander. (Bild: privat)

Sechs Wochen waren die Friseurgeschäfte Corona-bedingt geschlossen. Jetzt dürfen die Meister des guten Schnitts wieder zu ihren Scheren greifen – unter strengen Aufl agen. Das WOCHENBLATT hat sich umgehört, wie sie mit der Situation umgehen.

REGION – Daran hatte wahrscheinlich zu Anfang des Shutdowns niemand gedacht: Friseure sind fast schon systemrelevant. Denn inzwischen ist ein Haarschnitt bei vielen Mitmenschen so offensichtlich dringend, dass an eine Rückkehr ins „normale“ Leben erst nach einem Friseurbesuch gedacht werden kann. Kommenden Montag ist es nach sechswöchiger Schließung so weit: Die Friseure öffnen.

Da erst im Lauf der Woche die Landesrichtlinien erlassen wurden, konnten sich die Betriebe nur an den Richtlinien der Berufsgenossenschaft (BWG) orientieren, die wesentlich strenger sind. Wir haben mit Alexandra Frater-Pabst, Obermeisterin der Friseurinnung Ravensburg, und Petra Zander, Obermeisterin der Innung Lindau gesprochen, wie sie die Öffnung vorbereitet haben. Die Obermeisterinnen betonen, wie froh sie in dieser schwierigen Situation mit ihrem Verband sind. „Die Friseure rücken zusammen und helfen sich gegenseitig“, hat Alexandra Frater-Pabst beobachtet, „das ist toll!“

Beide haben bereits viele Termine vergeben. Wichtig ist: „Da es keinen Wartebereich mehr gibt, sollten die Kunden nur mit Termin kommen – und das auch nur ohne Begleitung“, so Frater-Pabst. Selbst Kinder gehen dann allein auf den Friseurstuhl, die Mama bleibt draußen. Sitzen müssen alle mit 1,5 Metern Abstand.

„Bei vielen Kollegen bedeutet das, dass nur jeder zweite Stuhl belegt werden kann“, erklärt sie. Um trotzdem so viele Kunden wie möglich verschönern zu können, haben viele Friseure ein Schichtmodell eingeführt und länger geöffnet – teilweise arbeiten sie auch montags, häufig schon sehr früh am Morgen und bis spät am Abend.

Trockenhaarschnitte wird es wohl keine mehr geben, das Haar sollte vor dem Schneiden gewaschen werden, sagt die BWG, deren Richtlinien in etlichen Punkten von denen der Länder abweichen. Sicher ist: kosmetische Behandlungen wie Wimpern färben oder Augenbrauen zupfen sind tabu, ebenso die Bartpflege. Nach jedem Kunden werden Scheren sowie Bürsten und Kämme desinfiziert und ein neuer Umhang bereitgestellt sowie die Friseurstühle gewaschen. Weder Getränke noch Zeitschriften sollten angeboten werden, um Schmierinfektionen zu vermeiden.

Nur mit Handschuhen schneiden, das klappt nicht, da dann das nötige Gefühl für die Schere fehlen würde. Der Kunde muss mindestens einen Alltags-Mund-Nasenschutz tragen, der Friseur einen medizinischen Mund-Nasen- Schutz, manche nutzen zusätzlich ein Schild. Bezahlt wird möglichst kontaktlos, in vielen Salons wird Spuckschutz aus Plexiglas installiert.

All diese Maßnahmen kosten die Betriebe eine Menge Geld, zumal die Hygieneartikel jeder selbst besorgt und diese teils fünfmal so viel kosten wie vor der Krise. Wie können die gestiegenen Kosten bei weniger Kunden pro Tag aufgefangen werden? „Die Friseure werden die Preise erhöhen müssen“, sind sich die Obermeisterinnen einig „ungern, aber das ist notwendig, um zu überleben“. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass in einem guten Salon die Hygiene schon immer einen hohen Stellenwert hatte.

Dass diese besonderen Maßnahmen ein Ausnahmezustand sind, glaubt Petra Zander nicht: „Das wird uns lange begleiten.“ Der Friseurbesuch ist also sicher nicht mehr so wie vor der Krise.

Eine Regel wird schwierig umzusetzen sein: Die Friseure dürfen nur das Nötigste mit den Kunden sprechen – mit Blickkontakt über den Spiegel. Wenn das mal klappt!

Die neuen Regeln:

-möglichst Terminvereinbarung
-Mund-Nasen-Schutz für Friseure und Kunden, nach jedem Kunden zu wechseln, ebenso der Umhang
-keine Wartemöglichkeiten im Geschäft
-Dokumentationspflicht des Friseurbesuchs empfohlen
-keine Begleitpersonen
-Kunden desinfizieren die Hände beim Betreten des Salons
-Mindestabstand zu anderen Personen: 1,5 Meter, auch beim Waschen
-möglichst Haarewaschen
-Arbeitsgeräte sind nach jedem Kunden zu desinfi zieren, Kontaktflächen zu waschen
-Kunden mit Erkältungssymptomen dürfen nicht bedient werden
-keine kosmetischen Behandlungen, keine Bartpflege
-keine Bewirtung, keine Zeitschriften
-eingeschränkte Kommunikation