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Neues Projekt in der kirchlichen Landschaft – Mit dem Freiwilligen Ordensjahr bieten Klöster für jeden Lebensweg den richtige Schritt

Neues Projekt in der kirchlichen Landschaft – Mit dem Freiwilligen Ordensjahr bieten Klöster für jeden Lebensweg den richtige Schritt
Mitleben bedeutet (Foto: Angelika Kamlage)

Viele kennen im Bekanntenkreis jemand, der mindestens schon ein Mal oder regelmäßig zu einer Auszeit hinter Klostermauern eingetaucht ist. Ob Schweigetage, Seminare zu Spiritualität oder Meditationskurse  – die Palette ist vielseitig und ansprechend. Die Klöster öffnen sich zunehmend, lassen Besucher an ihrer Lebensweise teilnehmen und vermitteln Werte, die in unserem hektischen Leben oft verloren gehen oder in Vergessenheit geraten. Seit Juli letzten Jahres gibt es in Deutschland das „Freiwillige Ordensjahr“. Vorreiter war Österreich. Schwester Maria Stadler von den Missionarinnen Christi (MC) in München ist Koordinatorin des Projekts „Freiwilliges Ordensjahr“ und beantwortet dem WOCHENBLATT einige Fragen.

Region – Die Ordensgemeinschaften in Deutschland bieten Frauen und Männern die Möglichkeit an, drei bis zwölf Monate in einer Ordensgemeinschaft mitzuleben, mitzubeten, mitzuarbeiten und mitzulernen. Das Angebot ist offen für ganz verschiedene Altersgruppen und kann eine Hilfe sein, wenn junge Menschen sich erst noch klar werden möchten, wie es nach der Schule, Studium oder Ausbildung weitergehen soll. Möglich ist auch, das „Freiwillige Ordensjahr“ mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr, Freiwilligen Ökologischen Jahr oder einem Berufsanerkennungsjahr zu verbinden. Es ist aber auch eine Option für diejenigen, die schon einige Jahre im Berufsalltag stehen und ihren Alltag reflektieren möchten:

Das Projekt hört sich spannend und vielseitig an. Ist es aber nicht auch aus der Not heraus entstanden, da die Klöster händeringend Nachwuchs suchen und fast keinen finden? 

Das Projekt ist aufgrund der Anfragen von vielen Menschen entstanden, die gerne eine Auszeit im Kloster machen möchten. Alle Gemeinschaften, die beim Ordensjahr mitmachen, sehen dies als Angebot für Menschen auf dem Weg und nicht als „Nachwuchsschmiede“.

Der einfache Lebensstil der Schwestern und Brüder soll geteilt werden. Besteht hier nicht die Gefahr, dass jüngere Schwestern vielleicht ins Zweifeln kommen, wenn Mädels oder junge Frauen aus ihrem bisherigen Leben erzählen?

Wir Ordensleute, auch die jüngeren Schwestern unter uns, sind ja nicht ganz weltfremd und haben alle ein Leben vor dem Kloster gehabt: Beruf, Karriere, eigene Wohnung, Beziehungen, Handy, Auto, Urlaubsreisen… Wir haben mit Freude, mit offenen Augen und offenen Herzen unseren Weg in die Ordensgemeinschaft gewählt.

Muss der Habit während des Aufenthaltes getragen werden, oder darf man seine Kleidung frei wählen? 

Bitte behalten sie ihre eigene Kleidung! Das wäre jetzt eine ziemliche Herausforderung, wenn wir für alle Ordensteilnehmer, die im Laufe der Zeit kommen, auch noch den eigenen Habit nähen müssten. Nun, im Ernst, natürlich tragen die Ordensjahrteilnehmer ihre eigene Kleidung, sie sind ja keine Mitglieder der Ordensgemeinschaften.

Wie werden die ‚Besucher auf Zeit‘ an das Leben im Kloster herangeführt und wie muss man sich einen Tag im Kloster vorstellen?

Da die unterschiedlichsten Gemeinschaften mitmachen, sind die Tagesabläufe auch verschieden. Gleich ist bei allen, dass wir den Tag mit einer Gebetszeit beginnen und dass der Tag immer wieder vom Gebet unterbrochen und eingerahmt ist. Wenn alle innerhalb des Klosters arbeiten, werden die Mahlzeiten auch gemeinsam eingenommen. Arbeitszeit und Erholungszeiten gibt es, wie in jedem Leben. Bevor jemand beim Ordensjahr mitmacht, ist er oder sie für einige Tage eingeladen, im Kloster mitzuleben. Dort kann ganz praktisch erfahren werden, ob so ein Tagesablauf für mich eine Zeitlang lebbar ist, oder doch nicht.

Viele Menschen können ohne die neuen Medien wie Smartphon & Co. nicht leben. Wie wird mit diesem Problem umgegangen? Gibt es hier Regeln?

Das ist ganz einfach: Hinter vielen Klostermauern gibt es überhaupt keinen Empfang! Und nicht wenige Klöster sind in absoluten Funklöchern gebaut. Irgendwie haben die Mönche und Schwestern vor Hunderten von Jahren dieses Problem schon vorausgeahnt…

Bekommt man während seiner Zeit im Kloster einen finanziellen Obolus und wer zahlt die Krankenversicherung?

Das wird individuell ganz unterschiedlich zu regeln sein. Manche sind krankenversichert, da sie z.B. Rentner sind. Manche benötigen eine geringfügige Anstellung, bei der die sozialen Versicherungen abgedeckt sind. Manche Klöster können dies leisten, andere nicht. Wir müssen mit den Teilnehmern und den Ordensgemeinschaften da jedes Mal wieder neu schauen, was ist nötig und was ist machbar.

Dürfen Eltern, Verwandte oder Partner zu Besuch kommen?

Natürlich, in Absprache mit der Ordensgemeinschaft, ist dies kein Problem. Genauso können die Teilnehmer aber auch ihre Familien, Freunde besuchen.

Für persönliche Fragen stehen eine Schwester oder ein Bruder als Lernpartner oder Lernpartnerin während des Aufenthaltes zur Verfügung. Sind diese spezielle geschult worden?

Es sind Schwestern und Brüder, die in persönlicher Begleitung Erfahrung haben und meistens dafür auch eine Ausbildung haben, wie etwa geistliche Begleitung.

Während des Freiwilligen Ordensjahres sollen alle Teilnehmer an einem Fortbildungs- und Austauschwochenende teilnehmen. Um was geht es hier?

Da geht es einmal darum, mit den anderen Teilnehmern des Ordensjahres in Kontakt zu kommen, voneinander zu wissen und im Austausch miteinander zu sein. Ich bin nicht der oder die einzige, die so ein Ordensjahr macht… Dann ist es auch wirklich Fortbildung. Wir werden immer wieder in einem anderen Kloster sein und dort die jeweilige Spiritualität, Geschichte, Gebetspraxis kennenlernen und erfahren. Das erste Wochenende z.B. findet bei den Franziskanerinnen in Salzkotten statt und wir werden viel über Franziskus und die franziskanische Spiritualität erleben. Franziskus heute – spannend!

Angesprochen werden Menschen, die den christlichen Glauben bereits kennen und gleichzeitig nach neuen spirituellen Erfahrungen suchen. Was sind die Aufnahmekriterien und wie wird bei Interesse verfahren?

Angesprochen sind Menschen, die auf der Suche sind, die sich Zeit nehmen möchten für ihren Glauben und ihre Beziehung mit Gott. Wer sich auf ein Leben im Kloster wirklich einlassen will und psychisch stabil ist, ist herzlich willkommen. Nach einem Erstkontakt wird irgendwann ein Gespräch mit mir stattfinden, wo wir Einzelheiten besprechen und evtl. schon eine Ordensgemeinschaft gemeinsam finden. Dann folgt, nach Absprache, ein Besuch in dieser Gemeinschaft und dann kann es mit dem Ordensjahr eigentlich auch schon beginnen.

Für Menschen in der Lebensmitte oder bei Schicksalsschlägen kann die Auszeit helfen, zu sich selbst zu finden und Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Sind die Schwestern bei den weltlichen Problemen hier nicht überfordert?

Die Schwestern und Brüder übernehmen keine therapeutischen Dienste, das ist ganz klar. Das Ordensjahr ist keine Therapie und das wissen alle Teilnehmer. Weltliche Probleme sind aber auch uns Ordenschristen nicht fremd. Wir sind Spezialisten im zuhören und das ist oft schon eine große Hilfe.

Wie ist die Resonanz für das Projekt und ist es nicht so, dass sich mehr Frauen als Männer melden?

Die ist in unseren Augen, sehr groß. Seit Mitte Juli haben sich über hundert Leute gemeldet, die Interesse haben. Mehr als ein Drittel davon sind Männer.

Welche Klöster oder Glaubensgemeinschaften in unserer Region machen bei diesem Projekt mit?

In der Region Ravensburg ist es einmal das Benediktinerinnenkloster Kellenried, die Franziskanerinnen in Untermarchtal und die Franziskanerinnen in Siessen. 

Darf man das Projekt zu jeder Zeit abbrechen?

Ja, das ist sehr wichtig. Das Ordensjahr kann jederzeit von beiden Seiten abgebrochen werden. Diese Freiheit müssen beide Seiten haben.