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Das Coronavirus stellt Gesundheitssystem auf die Probe

Das Coronavirus stellt Gesundheitssystem auf die Probe
v.l.n.r. Landrat Harald Sievers, Wangens OB Michael Lang und Gesundheitsamtsleiter Michael Föll (Bild: Karin Boukaboub)

Ravensburg – Der erste Patient im Landkreis wurde nun in Wangen positiv getestet – mit weitreichenden Folgen. Um die auch dem Kreis Ravensburg drohende Corona-Welle besser managen zu können, wurde im Landratsamt eine Steuerungsgruppe eingerichtet. Bürger können sich direkt über eine neue Hotline zum aktuellen Stand sowie das Vorgehen bei Verdachtsfällen informieren.

Seit Donnerstagmittag gibt es den ersten bestätigten Coronafall im Landkreis Ravensburg: Ein 51-jähriger aus Wangen ist positiv getestet worden, er sowie 28 Kontakpersonen stehen unter Quarantäne, die Klasse seines Sohnes am Wangener Ruppert-Neß-Gymnasium wurde am Donnerstagmorgen durch die Schule heimgeschickt. Bei Redaktionsschluss lag das Testergebnis des Achtklässlers noch nicht vor, sollte es positiv sein, hätte das Konsequenzen mindestens für die Mitschüler, vielleicht auch für die ganze Schule, wie Wangens OB Michael Lang bei einer eigens einberaumten Pressekonferenz meinte.

Vertrackt an dem Fall: Der Mann hat Mitte Februar eine internationale Veranstaltung in Deutschland, aber außerhalb Baden-Württembergs besucht und kurz danach die ersten Symptome entwickelt. Berücksichtigt man die Leitlinien des Robert-Koch-Instituts, war das zum damaligen Zeitpunkt aber kein Risikofall. Deshalb fuhr der Mann in den Südtirolurlaub, bei seiner Rückkehr hatte er stärkere Beschwerden und suchte eine Wangener Praxis auf, die den Abstrich vornahm. Aufgrund des positiven Testergebnisses bleibt die Praxis vorerst geschlossen, auch andere Patienten stehen aktuell unter Quarantäne.

Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis auch im Kreis Ravensburg das Coronavirus SARS-CoV-2 um sich greift. Das ist dem Leiter des Gesundheitsamtes Michael Föll klar. Deshalb wurde eine Steuerungsgruppe eingerichtet, die Struktur in die bislang für viele Bürger und auch Ärzte verwirrende Situation bringen soll. „Wir sind vorbereitet“, ist sich Landrat Harald Sievers sicher.


Erster Schritt war die Einrichtung eines Bürgertelefons unter der Nummer 0751 / 855 050. Hier gibt‘s aber keine individuelle Gesundheitsberatung sondern lediglich eine Orientierung zur Lage, mit rund 100 Anrufen pro Tag hält sich der Ansturm in Grenzen. Auch die Homepage des Landratsamtes informiert über den aktuellen Stand der Ausbreitung.

Wichtig ist dem Leiter des Gesundheitsamtes, dass sich Menschen, die Angst haben, infiziert zu sein, zuerst telefonisch an ihren Hausarzt wenden. Der wird nach Symptomen fragen, aber vor allem auch nach dem Kontakt mit bereits Infizierten oder Verdachtsfällen sowie dem Aufenthalt in Risikogebieten bis zu 14 Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome. Besteht ein begründeter Verdacht, schickt er den Patienten ins Krankenhaus, wo ein Abstrich gemacht wird. Das Ergebnis gibt es dann innerhalb von rund fünf Stunden. Grundlage der Einschätzung sind die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts.

Getestet werden also nur Menschen, die ein Mediziner für Verdachtsfälle hält, denn „wir haben ja auch jetzt schon einen Ärztemangel und können unser Pulver nicht zu früh verschießen“, so Landrat Sievers.

Aber sind die niedergelassenen Ärzte bereit und in der Lage, die Erstberatung zu leisten und Abstriche zu machen? „Viele der Kollegen haben keine Schutzkleidung und auch kein Testmaterial, die können keine Abstriche machen“, so Kreisärztechef Hans Bürger. „Aber eine telefonische Abklärung sollte immer erfolgen.“

Niedergelassene Allgemeinärzte mit Kassenzulassung (rund 300 im Landkreis) haben einen Versorgungsauftrag, der sie allerdings nicht zum Vorhalten von Schutzkleidung verpflichtet. Einen finanziellen Anreiz, Abstriche zu machen, haben die Allgemeinmediziner auch nicht, denn Abstriche sind Teil der Fallpauschale, die sie für jeden Patienten bekommen und keine abrechenbare Einzelleistung. „Eventuell wird in diesem Fall mit den Krankenkassen noch eine separate Vergütung vereinbart“, so Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärtzlichen Vereinigung Baden-Württemberg gegenüber dem WOCHENBLATT.

Testkits stellen die Labore den Ärzten zur Verfügung, aber jetzt noch Schutzkleidung, die eigentlich wenige Euro kostet, auf dem freien Markt zu bekommen, ist fast unmöglich. Hier wird minderwertige Ware zu überhöhten Preisen gehandelt. Die Plattform Amazon hat bereits reagiert und Wucherangebote von der Seite genommen. Bleibt also das nächste Krankenhaus, um sich testen zu lassen. „Wir behandeln Menschen, die vom Hausarzt geschickt werden“, so Jan-Ove Faust, der medizinische Leiter der Oberschwabenklinik (OSK). Denn seine Notaufnahme hat schon in normalen Zeiten mit Engpässen zu kämpfen.

Isolierbetten hält die Klinik aktuell 20 vor, davon wurden allein am Montag neun mit Influenza-Verdachtsfällen belegt. Beatmungsbetten gibt es in der OSK 24, diese werden aber natürlich auch für den normalen Betrieb gebraucht. Und die Schutzausrüstung für das medizinische Personal reicht laut Faust bei einem massiven Ausbruch für vier Wochen. Die OSK hat ein Stufenkonzept entwickelt und kann auch noch in Wangen einige Zimmer isolieren, außerdem können bei bestätigten Fällen Patienten, die mit dem gleichen Erreger infiziert sind, auch im gleichen Zimmer liegen.

Angesichts der Auswirkungen auf die Wangener Praxis stellt sich die Frage, ob eine Corona-Ambulanz an einem Krankenhaus, wie es sie in Stuttgart bereits an zwei Häusern gibt, eine Lösung wäre. Landrat Sievers steht diesem Konzept sehr aufgeschlossen gegenüber: „Aktuell wird im Ministerium diskutiert, dieses Modell aufs Land auszurollen. Wir wollen hier keinen eigenen Weg gehen, stehen aber bereit, wenn es soweit ist.“

Praktisch würden dann beispielsweise isoliert vom übrigen Krankenhausbetrieb Container aufgestellt, in denen Abstriche genommen werden können. Allerdings muss immer ein Arzt anwesend sein, um den Gesundheitszustand der Patienten zu beurteilen. „Das müssten die Kassenärzte leisten, ähnlich wie bei der kassenärztlichen Notfallpraxis“, meint Landrat Sievers.

Warum dieser ganze Aufwand, wie gefährlich ist der Erreger nun eigentlich? „Wir wissen es einfach nicht“, so Gesundheitsamtsleiter Föll.