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Coronaopfer WOCHENBLATT geht in die Abwicklung

Coronaopfer WOCHENBLATT geht in die Abwicklung
(Bild: WOCHENBLATT)
WOCHENBLATT

WOCHENBLATT geht in die Abwicklung – Schutzschirm aus dem März 2020 hat wegen massiver Corona-Umsatzeinbußen nicht ausgereicht um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für das Unternehmen zu überwinden. Staatliche 90% Corona-Finanzierungshilfe kam nicht rechtzeitig an.

Ravensburg – Das konzernunabhängige WOCHENBLATT wird eingestellt. Mehr als 70 feste Mitarbeiter in Verlags- und Zustellgesellschaft sowie rund 1.100 fest angestellte Zusteller und weitere freie Mitarbeiter verlieren ihre Beschäftigung. Der Ausbruch der Corona-Pandemie und der damit einhergehende Shutdown weiter Bereiche des öffentlichen Lebens, und damit der Anzeigen- und Beilagenkunden des Wochenblatts, unterbricht den erfolgreichen Wiederhochlauf des Unternehmens seit dem Neustart Anfang 2018 jäh: Umsätze und Ergebnisse der rein werbefinanzierten, beliebten Wochenzeitung in der Region Oberschwaben, Bodensee und Allgäu brachen seit Februar massiv mit bis zu -70% gegenüber dem Vorjahr ein.

Bereits vor zweieinhalb Jahren versuchte der ehemalige Eigentümer des WOCHENBLATTs im Rahmen einer „Gebietsbereinigung“ das über 45 Jahre alte Traditions-Unternehmen über „freiwillige Insolvenz“ abzuwickeln: Trotz guter Umsätze, befriedigender Ergebnisse und mehr als ausreichender Liquidität zur Fortführung des Geschäftsbetriebs zum Zeitpunkt der damaligen Insolvenzanmeldung.

Dank Unternehmern aus der Region konnte das WOCHENBLATT damals vor der schon sicher geglaubten Abwicklung gerettet und ab Februar 2018 der Wiederhochlauf auf die alte Flughöhe gestartet werden.

Obwohl heftige Attacken des Marktbegleiters bzw. der Ex-Muttergesellschaft den Re-Start des Wochenblatts deutlich erschwerten, hat sich das Unternehmen dank des maximalen Engagements aller Mitarbeiter und der Treue der langjährigen Kunden bis in den Februar 2020, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie, seinen Platz am Markt zurück gekämpft unter anderem mit Umsatzsteigerungen im Jahr 2019 von +35% gegenüber dem Vorjahreswert.

Dann kam Corona: Um die schlimmsten, im März bereits klar erkennbaren Folgen der Epidemie abzufedern (massive Stornos und entfallende Umsätze aus Anzeigen und Beilagen), hatte sich das WOCHENBLATT bereits am 10. März in ein gesetzlich geregeltes Eigenverwaltungsverfahren begeben. Mit dem sogenannten Schutzschirm gemäß § 270b InsO sollte einer durch Corona-Umsatzeinbußen in den kommenden Monaten drohenden Zahlungsunfähigkeit vorgebeugt werden, indem unter anderem die Agentur für Arbeit für drei Monate die Personalkosten übernahm.

Leider hat dieser Schutzschirm alleine nicht ausgereicht, um die Liquidität des Unternehmens ausreichend abzusichern: Zu massiv waren seither die Verluste aufgrund der Corona-bedingten Umsatzausfälle aus Anzeigenverkäufen wegen des Shut Downs, vor allem aus abgesagtem Messen, Veranstaltungen, aus dem Gastgewerbe, Tourismus und dem Einzelhandel (Automobil, Textil). In Summe betrugen die Verluste des Wochenblatts allein in den vier Monaten Februar bis Mai rund 1,1 Mio€, pro wöchentlicher Ausgabe also ein Defizit von rund -70.000 €.

Eine seit April unter Hochdruck erarbeitete 2 Mio€ Corona-Finanzierungslösung unter Nutzung der für Corona geschaffenen Förderinstrumente unter Einbindung der staatlichen KfW-Bank (KfW Sonderprogramm 2020) und des Landes Baden-Württemberg (über die landeseigene Bürgschaftsbank) scheiterte. Die für eine Mittelbeantragung zuständigen und erforderlichen Banken waren aus unterschiedlichen Gründen, vor allem aufgrund einer Überlastung durch Kreditanträge von deren eigenen Bestandskunden, nicht dazu bereit, das WOCHENBLATT zu unterstützen: Von 30 in der Region angefragten Banken erklärten sich lediglich 3 Banken im Volumen von 800 T€ (bzw. 80T€ eigenes Risiko) dazu bereit, dem Wochenblatt Zugang zu einem Teil der insgesamt erforderlichen 2 Mio€ Corona-Überbrückungskredit zu verschaffen, von denen die staatliche Förderung den Löwenanteil, nämlich 90% bzw. 1,8 Mio€ betragen hätte.

Nun muss der Insolvenzverwalter das Unternehmen in den kommenden Wochen abwickeln, da kaum mehr Liquidität zur Verfügung steht und die Corona-Finanzierungsoption sowie die Unternehmensfortführung realistischerweise als gescheitert angesehen werden muss. Diese Entwicklung ist natürlich zum einen sehr bedauerlich für die Medienvielfalt in der Region Oberschwaben, Bodensee, Allgäu und Tuttlingen und die über 700.000 WOCHENBLATT-Leser, die bislang Woche für Woche mit aktueller regionaler Berichterstattung gratis frei Haus versorgt wurden.

Zum anderen müssen die mehr als 10.000 langjährigen Werbekunden des WOCHENBLATTs von nun an mit einer klar monopolistischen Marktstruktur in der Region klar kommen. Am bittersten ist die Entwicklung natürlich für die 1.170 engagierten Wochenblättler, die sich mit Leib und Seele in den vergangenen zweieinhalb Jahren für den Wiederhochlauf des Wochenblatts engagiert hatten.

Wir danken den Lesern, Kunden und allen festen und freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Ihre langjährige Verbundenheit zum WOCHENBLATT.

Peter Mauritz