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Der Behindertenbeauftragte von Aulendorf berichtet über die Fasnet

Der Behindertenbeauftragte von  Aulendorf berichtet über die Fasnet
ribüne mit beiden Gebärdendolmetscherinnen Elli Schob, Isolde Drössel, Franz Erwin Kemper, und Moderator Michael Weißenrieder. (Bild: Stadt Aulendorf)
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Aulendorf – Ich heiße Franz Erwin Kemper und bin der kleine, dicke, blinde Opa mit Bart, der immer hinter seinem Blindenstock her durch Aulendorf läuft. Als rheinisches Kind steckt mir der Narr im Blut. Warum packte mich dann das „Aulendorfer Narrengefühl“ die letzten 21 Jahre (seit ich mit meiner Familie hierher zog) nicht auch? Liegts daran, dass ich blind bin und dadurch zu wenig über die allemannische Fasnet allgemein und die Aulendorfer im besonderen weiß? Zur Fasnet 2019 hatte ich mehrere blinde Freunde aus Magdeburg zu Gast. Und die sollten doch verstehen, wie Aulendorfer die Fasnet empfinden.

Also fragte ich nach Informationsmaterial der Narrenzunft und setzte dieses Zunftheft in meiner kleinen Blindenschrift-Druckerei in ein 2 cm dickes Punktschrift-Heft um. Dabei steckte ich mich dann mit der „Auledorfer Narretei“ an und bekam das breite Grinsen über – jetzt –unsere Fasnet nicht mehr aus dem Gesicht –die Magdeburger übrigens auch nicht mehr. Es war also doch die Blindheit, die den Zugang versperrt hatte!

Als mich letzten November der Gemeinderat zum Behindertenbeauftragten von Aulendorf wählte, erkannte ich, dass ich jetzt auch Aulendorfern mit anderen Behinderungen in den Aulendorfer Fasnets-Spaß hinein helfen kann und muss. Rollstuhlfahrer beklagten, dass sie beim „Springen“ und bei der Maskenbefreiung einen „tollen Ausblick auf die „Aulendorfer Ärsche“ der Schaulustigen vor ihnen“ hätten und kaum das bunte Treiben sehen. Hörbehinderte emailten mir, dass sie sich beim Fasnetstreiben „ganz außen vor fühlen“, weil sie die erklärenden Ansagen nicht mitbekommen. Das schrieb ich der Narrenzunft und rannte dort offene Türen ein, dass wir einen verlässlichen Platz für Rollstuhlfahrer am Umzug bräuchten und für hörbehinderte Narren Gebärderndolmetscher an der Moderatorenbühne.

Der stellvertretende Zunftmeister Flo Angele: „Dass wir darauf nicht schon längst selber gekommen sind!“ Mit ihm gemeinsam ging dann alles ganz schnell: Wir fanden Gebärdendolmetscherinnen fürs Hexeneck und den Narrensprung, unser Bürgermeister Matthias Burth nickte für deren Bezahlung aus dem Budget des Behindertenbeauftragten zur Stadtkasse hin, die Zunft teilte Ordner für einen Rollstuhlfahrer-Platz ein, und sowohl Zeitungsreporter als auch die von regionalen Rundfunk und Fernsehen halfen uns, alle Narren, die bisher wegen ihrer Behinderung am Narrenspaß behindert waren, zu uns nach Aulendorf einzuladen.

Natürlich trommelten Hörbehinderte und Blinde in ihren Internetforen kräftig für unser Projekt. 12 Blindenschrift-Hefte mit jeweils 62 Punktschriftseiten wurden rechtzeitig fertig und sowohl von Hand verteilt als auch über meine Assistentin im Bürgerbüro versendet.

Der Abend der Maskenbefreiung kam, den wir als Generalprobe nutzten, und mindestens 4 Hörbehinderte folgten, erstmals und offensichtlich beeindruckt, diesem Feuerzauber und die Gebärdensprache von Elli Schob, die alle Ansagen und Erläuterungen gut sichtbar übersetzte, zu verstehen.

Beim sonntäglichen Narrensprung klappte das mit dem Rollstuhlplatz für bis zu 10 Rollis störungsfrei, und zwei Gebärdendolmetscherinnen wechselten sich auf der Ansagertribüne am alten Rathausplatz ab, den etwa 30 staunenden hörbehinderten Narren die Bühnenansagen zu übersetzen. Sie waren aus ganz Oberschwaben und bis kurz vor Stuttgart angereist und zeigten sich mehr als gerührt, dass wir ihnen dieses „Narrentor“ geöffnet haben.

Sie dankten mir so kräftig, dass auch ich mir eine Träne verdrücken musste. Diesen Dank will ich hiermit unübersehbar an all meine Mitstreiter von Narrenzunft, Stadtverwaltung und Stadtseniorenrat weiterreichen.

Dieser Dank ist aber auch eine Verpflichtung an uns, im nächsten Jahr, wenn wir Aulendorfer die Gastgeber des Landschaftstreffens sind, es noch besser zu machen. So bekamen diesmal die blinden Narrensprung-Gäste noch nicht beschrieben, wie all die Teilnehmer gekleidet waren, welche Kunststückchen sie vollführten, und weswegen ihre Nachbarn so oft loslachten. Sie wissen auch noch nicht, wie die Besen aussehen und Masken und Häser sich anfühlen.

Hörgerätenutzer, die ja selten die Gebärdensprache kennen, können gar nichts im Lärm des Springens von dem verstehen, was die Bühne ansagt und die Springer rufen. Wenn wir es in der nächsten Fasnet noch besser für alle hinbekommen, dann haben wir damit auch die Möglichkeit und Verpflichtung, unseren Gästen des Landschaftstreffens zu zeigen, wie man’s schafft, und wie wichtig es für viele ist, dass auch sie daheim das „Narrentor“ für alle öffnen.

In den nächsten Wochen halte ich mich jedoch bereit, auf alle Anfragen zur barrierebefreiten Aulendorfer Fasnet zu reagieren, die durch die Berichte in der Presse und anderen Medien auf unsere Erfolge aufmerksam machten.

Denn die werden kommen, sowohl über meine Email-Adresse behinder-tenbeauftragter@aulendorf.de als auch telefonisch über meine Assistentin in der Stadtverwaltung Aulendorf, Frau Winand:(07525/934-136, Zentrale -0).