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Bahnknoten ohne Dach

Bahnknoten ohne Dach
Blick auf den alten Reutiner Bahnhof: Hier baut die Bahn aktuell nur einen Bahnhalt mit zwei Gleisen, die Lindauer Bürger wollen mehr (Bild: Ulrich Stock)

Lindau – Wenn ab Dezember Fern- wie auch Nahverkehrszüge am ehemaligen Reutiner Bahnhof halten werden, müssen Tausende von Fahrgästen mit überdachten Bahnsteigen vorliebnehmen. Wann dort ein richtiger Bahnhof zur Verfügung stehen wird, weiß weder die Bahn noch die Stadt.

„Vier Bahnsteigkanten, die barrierefrei erreicht werden können“, und ein Fahrkartenautomat – so stellt sich die Deutsche Bahn AG den neuen Reutiner Bahnhof vor, der künftig das Drehkreuz für Bahnverbindungen in alle Richtungen sein soll. Die Lindauer wollen aber einen „richtigen“ Bahnhof, also ein Bahnhofsgebäude, in dem sich die Fahrgäste auch bei schlechtem Wetter aufhalten können. Schließlich wird dort, wie die Bahn selbst prognostiziert, mit rund 5 000 Ein- und Aussteigern pro Tag gerechnet.

Tatsächlich handelt es sich beim Kernstück des neuen Lindauer Eisenbahnknotens nur um einen „Bahnhalt“, wie dieser Haltepunkt im Bahnjargon genannt wird. Selbst als der über 100 Jahre alte Bahnhof Lindau-Reutin noch in Betrieb war, gab es dort nur einen Bahnhalt – allerdings auch ein Bahnhofsgebäude mit der notwendigen Infrastruktur für Bahnreisende mit Empfang, Warteraum, WC, Kiosk und dergleichen. Ein solches Gebäude sei auch für den künftigen Fern- und Nahverkehrsknoten Reutin unabdingbar, sagt Peter Borel, Sprecher der Lindauer ÖDP, und fordert die Stadt Lindau auf, den Reutiner Bahnhof zu kaufen. Man müsse „jetzt umgehend handeln“, denn die Bahn AG biete das Bahnhofsgebäude aktuell „offensichtlich zum Verkauf an“.

Davon wisse die Stadt nichts, erklärte deren Pressesprecher Jürgen Widmer, gegenüber dem WOCHENBLATT. Sollte der Fall aber eintreten, sei man mit der im Stadtrat beschlossenen „Vorkaufssatzung“ gewappnet, sprich die Stadt könnte dann ihr Vorkaufsrecht ausüben. Grundsätzlich sei ein Bahnhofsgebäude „wünschenswert“. Zuvor brauche es aber eine „Gesamtplanung“ für den Bereich rund um den Reutiner Bahnhof.

Auch müsse man erst mal wissen, welche Flächen dort zur Verfügung stehen. Diesbezüglich gebe es immer wieder Gespräche mit der Bahn. Ein Bahnhofsgebäude sei allenfalls mittelfristig realistisch, bis dahin sei auch ein „Provisorium“ denkbar, so Widmer. Hinsichtlich der Verwertung von Bahnfl ächen und einem künftigen Bahnhofsgebäude sei man in Gesprächen mit der Stadt, bestätigte Bahnsprecher Franz Lindemair. Es sei allerdings nicht Aufgabe der Bahn, dort ein Bahnhofsgebäude zu errichten, sagte er und ließ durchblicken, dass sich darum vorrangig die Stadt bzw. ein Investor kümmern müssten.

Zu einem möglichen Verkauf des alten Gebäudes machte er keine Angaben – nur so viel: „Das ist sicher kein Schmuckstück für Reutin!“